> > > Händel, Georg Friedrich: Klavierkonzerte 13-16
Mittwoch, 28. Oktober 2020

Händel, Georg Friedrich - Klavierkonzerte 13-16

Einsam zu zweit


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Händels Orgelkonzerte lassen in der Instrumentenwahl nicht viel Freiheit; hinsichtlich der musikalischen Konzeption und der Klanggewichtung beider Partner ist der moderne Flügel kein geeigneter Ersatz.

Händels Orgelkonzerte waren Kompositionen, die gewissermaßen aus der Not geboren waren: Die jeweils zu sechs Werken gebündelten Konzerte op. 4 (veröffentlicht 1738) und – posthum herausgegeben – op. 7 sowie die beiden 1740 unter ‚Second Set’ verzeichneten Konzerte F-Dur und A-Dur und die in der 1797 erschienenen ‚Arnold Edition’ zusätzlich enthaltenen Konzerte d-Moll und F-Dur dienten im Grunde genommen nur als Pausenfüller innerhalb von Händels Oratorienaufführungen, die der Komponist seit Mitte der Dreißigerjahre in den von ihm bespielten Londoner Theatern veranstaltete. Doch nicht nur die Oratorien selbst, auch die Orgelkonzerte erfreuten sich beim Publikum großer Beliebtheit.

Jene Theaterorgeln waren, wie Siegbert Rampe nachweisen konnte, erst für diesen speziellen Einsatz konzipiert und angefertigt worden. Sie waren kräftig genug disponiert, dass sie dem vollen Orchester (anders als es die sonst zum Generalbassspiel eingesetzten Cembali hätten leisten können) ohne Weiteres Paroli bieten konnten und auch in den großen Theatern mit ihren rund 1300 Plätzen keinerlei klangliche Probleme aufkommen ließen.

Händels Orgelkonzerte zählten bald zu den populärsten Werken des Komponisten und sie nahmen zu ihrer Zeit eine Art Vorreiterrolle des späteren Klavierkonzerts ein. Charles Burney schreibt über sie, dass Tastenmusiker (also neben der Orgel auch solche, die hierfür besaitete Instrumente wie Cembalo und Spinett heranzogen) fast dreißig Jahre lang mangels anderer Literatur auf eben diese Solokonzerte angewiesen waren, sei es mit Orchester oder – privatim – mit Begleitung eines Streichquartetts. Als das eigentliche Soloinstrument dürfte in der Rezeptionsgeschichte von Händels Orgelkonzerten über den eigentlichen Anlass der Oratorienaufführungen hinaus also im Grunde genommen das Cembalo gelten. So ist es also auch kaum verwunderlich, wenn sich neuerdings Pianisten Händels Orgelkonzerte aneignen. Matthias Kirschnereit ist dabei mit der Deutschen Kammerakademie Neuss und Lavard Skou Larsen am Pult und dem konsequent beibehaltenen Steinway noch ein wenig geradliniger verfahren als Ragna Schirmer mit ihrer wechselnden Instrumentenwahl vom Fortepiano über den Konzertflügel bis hin zur Hammondorgel. Ob Kirschnereit damit aber wirklich gut beraten war, steht auf einem anderen Blatt. Seine vorvergangenes Jahr mit op. 4 begonnene Händel-Reihe hat der Pianist jüngst mit den Konzerten HWV 295, 296, 304 und 305a – d as sind die Konzerte aus dem ‚Second Set’ und die Konzerte aus der ‚Arnold Edition’ – ergänzt. Zur ersten Gesamtaufnahme der Orgelkonzerte Händels auf dem modernen Flügel fehlen derzeit also nur noch die sechs Konzerte aus op. 7.

Was bei Cembalokonzerten Bachs, werden sie auf dem modernen Flügel gespielt, ohne Weiteres zu einem im Ergebnis in sich geschlossenen Klangbild, einem Verschmelzen der beiden Partner Klavier und Streichorchester führt, das funktioniert bei Händel, wie man an dieser Einspielung sehen kann, nicht in gleicher Weise. Die Gründe liegen in den unterschiedlichen stilistischen Eigenschaften der musikalischen Sprache Bachs und Händels. Bachs Musik ist bis ins letzte Detail durchstrukturiert, alles ist thematisch eng miteinander verschränkt. Bei Händel herrscht mehr Freiheit und Ungebundenheit, mehr Vordergründigkeit in der Melodieführung. Ein reich ausgezierter Klaviersatz, der bei Bach ob seiner Substanz auch in vielfältigster Ornamentierung immer noch ganz natürlich klingt, nimmt in Händels melodischer Fügung bei gleicher Vorgehensweise eine ‚Aufwertung’ an, die gegenüber Bachs Satz eher kontraproduktiv wirkt und im Gegenzug, so isoliert hervorgehoben, ungewollt Händels leicht ein wenig leer wirkende Floskelhaftigkeit bloßstellt. Der Basstriller im zweiten Satz des F-Dur Konzerts HWV 295 Nr. 13 ('The Cuckoo and the Nightingale') etwa bleibt auf der Orgel völlig natürlich in den musikalischen Satz eingebunden, auf dem Flügel aber geriert er sich wie eine motivische Verirrung; auch der Ruf des Kuckucks in diesem Konzert bekommt auf dem Klavier eine klanglich gesteigerte Aussagekraft, die mit Händels eigentlichem Anliegen nicht in Einklang steht. Auf der Orgel bleibt so etwas Farbe, es versteigt sich aber nicht zu einem eigenständigen strukturellen musikalischen Baustein.

Wie schön, ausgewogen und rund, wie nachdrücklich im Ausdruck Matthias Kirschnereit die Phrasen auch ausmodelliert, es klingt ein wenig fremd, was das Klavier da formuliert. Die fantasieartige Freiheit im Eingangssatz des A-Dur-Konzerts HWV 296 Nr. 14 wirkt auf dem Klavier recht deplaziert, die Balance von Orchesterpart und Solist gerät durch die Gleichwertigkeit ihrer Behandlung aus dem Gleichgewicht. Im nachfolgenden Satz, in dem Händel Orchestersatz und Solo mehr miteinander verschränkt hat, erscheint das Klavier als Soloinstrument eher vertretbar, da die Melodiebögen vom jeweils antwortenden Partner weitergeführt werden und sich so eine Einheitlichkeit der klanglichen Fortschreitung ergibt. Ebenso positiv ist der Schlusssatz des d-Moll-Konzerts HWV 304 Nr. 15 zu bewerten, da sich auch hier motivisch-thematische Prägungen finden, die beide Partner auf eine gemeinsame musikalische Relevanz heben. Umgekehrt kommen im F-Dur-Konzert HWV 305a Nr. 16, das Händel zu einer Suite geformt hat, durch die unterschiedliche Wertigkeit des Tasteninstruments einmal eine reine Continuofunktion (wie im anfänglichen Ouvertürensatz), das andere Mal (wie im dritten Satz) die Anforderung an einen Solisten ohne Begleitung und ebenso auch durch die zusätzlichen, aber auch chorisch gehandhabten Bläserstimmen von Oboen und Hörnern im Gleichklang mit Klavier völlig unterschiedliche Klangspektren in eine Überdeckung, die in ihrer klanglichen Gegensätzlichkeit nicht in eine homogene Übereinstimmung zu bringen sind und die das Klavier, gerade auch in repetierenden Tonfolgen wie einen Fremdkörper wirken lassen. Dass Matthias Kirschnereit und die Deutsche Kammerakademie Neuss in allen diesen Konzerten akzentuiert, prägnant und lebendig agieren und die Phrasen und die melodische Lineatur mit konturierender Zeichnung herausarbeiten, sei völlig unbestritten. Doch ihre Mühe gilt einer Musik, die beide Partner ob ihrer Architektur von vornherein nicht schlüssig zueinander finden lassen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Händel, Georg Friedrich: Klavierkonzerte 13-16

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
23.06.2014
Medium:
EAN:

CD
0761203785421


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Händel, Georg Friedrich
 - Konzert in F-Dur, HWV 295, Nr. 13 - Larghetto
 - Konzert in F-Dur, HWV 295, Nr. 13 - Allegro
 - Konzert in F-Dur, HWV 295, Nr. 13 - Larghetto
 - Konzert in F-Dur, HWV 295, Nr. 13 - Allegro
 - Konzert in A-Dur, HWV 296, Nr. 14 - Largo e staccato
 - Konzert in A-Dur, HWV 296, Nr. 14 - Andante
 - Konzert in A-Dur, HWV 296, Nr. 14 - Grave: Organo ad libitum
 - Konzert in A-Dur, HWV 296, Nr. 14 - Allegro
 - Konzert in d-moll, HWV 304, Nr. 15 - Andante
 - Konzert in d-moll, HWV 304, Nr. 15 - Organo adagio ad libitum
 - Konzert in d-moll, HWV 304, Nr. 15 - Allegro
 - Konzert in F-Dur, HWV 305a, Nr. 16 - Ouverture


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Dirigent(en):Skou-Larsen, Lavard
Orchester/Ensemble:Deutsche Kammerakademie Neuss
Interpret(en):Kirschnereit, Matthias


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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