> > > Elgar, Edward: Elgar Sinfonie Nr. 1
Dienstag, 20. August 2019

Elgar, Edward - Elgar Sinfonie Nr. 1

Packende Symphonik


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sakari Oramo legt, trotz diskographisch enormer Konkurrenz, mit Elgars Erster Symphonie eine Referenzaufnahme vor.

In bester Übertreibungsmanier leitete der 'Ring'-Dirigent Hans Richter die Proben zu Edward Elgars Erster Symphonie im Jahr 1908 mit folgenden Worten ein: ‚Meine Herren [die Mitglieder des London Symphony Orchestra], lassen Sie uns nun die größte Symphonie der heutigen Zeit proben, geschrieben vom größten Komponisten der Gegenwart … und nicht nur in diesem Land.‘ Englische Federn haben ob dieses Satzes viel Tinte verloren. Gleichsam vom musikalischen Ritterschlag eines englischen Komponisten durch einen Vertreter deutscher Kunst ist oft die Rede, vom Erwachen und Erwachsen einer ernstzunehmenden Konkurrenz für die Komponisten des Kontinents. Dass von seinem symphonischen Erstling einiges erwartet würde, war Elgar sehr wohl bewusst; lange laborierte er mit symphonischen Formen, gab seinen Konzertouvertüren 'Cockaigne' (1901) und 'In the South' (1904) Sonatensatzstruktur, hatte aber schon in den 1890er Jahren eine Programm-Symphonie über das Leben von General Gordon geplant. Dennoch musste Elgar stolze 51 Jahre alt werden, um seine erste ‚richtige‘ Symphonie aus der Taufe heben lassen zu können. Die Uraufführung in Manchester stand, auch wetterbedingt, unter keinem guten Stern. Der ging erst strahlend drei Tage später in London auf, als Elgar vom Publikum frenetisch gefeiert wurde. Rund 100 Aufführungen folgten im Zeitraum eines Jahres.

Dass die Geschichte der Schallplattenaufnahme ein nicht unbeträchtlich umfangreiches Kapitel zur Einspielung dieser Symphonie bereithält, nimmt nicht wunder. Will der Hörer zu einer Referenzaufnahme greifen, so wähle er Einspielungen von Dirigenten englischer Zunge, gespielt von britischen Orchestern. Das ist zielsicher. Boult, Barbirolli und die jüngeren Andrew Davis und Richard Hickox haben wunderbar ausgereifte und klangschöne Aufnahmen vorgelegt. Die meisten davon sind Referenzeinspielungen. Wer es trocken-spröde, aber historisch informiert liebt, greife zu Roger Norringtons Interpretation mit dem SWR-Radiosinfonieorchester Stuttgart. Wer Adrian Boults Klarlinigkeit mit dem dramatischen Zug eines John Barbirolli verbunden hören möchte, dem sei vorliegende Aufnahme ans Herz gelegt. Was der noch relativ neue Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra Sakari Oramo mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra aus Elgars Erster Symphonie macht, ist eine wirkliche Alternative zum bereits Existierenden – und eine Referenzeinspielung obendrein.

Auf englischem Boden und musikalischen Terrain ist Sakari Oramo, der einem breiteren außerbritischen Publikum durch sein fulminantes Dirigentendebut bei der Last Night of the Proms 2014 bekannt geworden sein dürfte, seit langem heimisch. Zehn Jahre war er Musikalischer Leiter des City of Birmingham Symphony Orchestra, ist Ehrendoktor zweier englischer Universitäten und Träger der Elgar-Medaille. 2009 wurde er zum ‘Officer of the Order of the British Empire’ ernannt. Oramo ist Chefdirigent des Royal Stockholm Philharmonic Orchestra und seit 2013 auch des BBC Symphony Orchestra. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an eine Elgar-Aufnahme unter Oramos Stabführung. Sie werden nicht enttäuscht.

Wie schon in Oramos Einspielung von Elgars Zweiter Symphonie, ebenfalls mit dem RSPO, ist auch hier die stringente Verknüpfung von strukturellen Gegebenheiten und packender Dramatik ohrenfällig, und insofern einer Verquickung zweier vermeintlich gegensätzlicher Interpretationsansätze eines Boult und Barbirolli ganz nah. Mit viel Binnenspannung arbeitet sich Oramo an Kleinstdetails der Partitur genauso ab wie er den großen Bogen nie aus dem Blickfeld geraten lässt. Klanglich kommt das alles so transparent daher, dass man um den Zusammenhalt insbesondere des ersten Satzes fürchten müsste. Wie mühelos jedoch gelingt Oramo mit dem RSPO die Gratwanderung zwischen klarer Durchhörbarkeit und intensiver Dichte bei Klangballungen, dynamischen Attacken und agogischen Feinabstufungen.

Kerniges Blech und tiefenausgelotete Streicher machen Elgars Erste Symphonie zu einem Hörerlebnis, das nach mehr verlangt. Und die Ohren werden nicht enttäuscht, setzt Oramo mit der Konzertouvertüre 'Cockaigne' doch so etwas wie neue Maßstäbe. Seine Interpretation weigert sich im Grunde, das oft und oft zitierte Programm dieser Ouvertüre ('In London Town') mitzuhören. Wo sich sonst Liebespaare in Londoner Parks tummeln, Blaskapellen aufspielen und überhaupt die britische Hauptstadt charakterisiert wird, geht es bei Oramo und dem RSPO geradezu nüchtern-sachlich zu. Oramo betont das dezidiert Sonatensatzgeprägte dieses Werks. Freilich lässt auch er die melodienseligen Streicherphrasen zu ihrem Recht kommen, driftet jedoch nie, wie oftmals bei anderen Einspielungen zu hören, ins Sentimentale oder Kitschige ab. Dem einen oder anderen mag das alles zu geordnet erscheinen. Nach mehrmaligem Hören indes wird schnell deutlich, dass Sakari Oramo hier wie auch mit der Ersten Symphonie Aufnahmen mit Referenzcharakter vorlegt.

Ein plastisches, in Tiefen und Höhen hervorragend ausgesteuertes Klangbild sowie ein – mitunter etwas parteiisch verfasstes – Booklet von John Pickard, Herausgeber der Elgar-Gesamtausgabe, runden diese erfreuliche Veröffentlichung bestens ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Elgar, Edward: Elgar Sinfonie Nr. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
11.06.2014
Medium:
EAN:

SACD
7318599919393


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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