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Samstag, 4. Februar 2023

Hosokawa, Toshio - Quintets & Solos

Abwechslungsreiches Panorama


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Erneut bringt Wergo eine ausgezeichnete CD mit Kammermusik von Toshio Hosokawa auf den Markt.

Die neueste CD mit Werken Toshio Hosokawas aus dem Hause Wergo, die bislang dritte in einer Reihe mit stilistisch ähnlichen Coverabbildungen, erweist sich als ausgesprochen abwechslungsreiche Angelegenheit. Mit dem hier versammelten Programm – es umfasst drei Kompositionen in Quintettbesetzung mit Streichquartett sowie drei solistische Streicherkompositionen – knüpft das Label nahtlos an die Veröffentlichung von Hosokawas Streichquartetten aus dem Vorjahr an, zumal wiederum das Arditti Quartett als Ensemble verpflichtet wurde. Darüber hinaus stimmen aber auch die Begleitumstände: Neben der hervorragenden klangtechnischen Realisierung gibt es ein vorbildlich editiertes Booklet mit einem ausführlichen, wissenschaftlich fundierten Essay von Dirk Wieschollek. Das wertet die Veröffentlichung nicht nur auf, sondern verdeutlicht auch, dass es auf dem deutschen Markt derzeit nur wenige Labels gibt, die auf allen Ebenen dem fast ausnahmslos hohen Niveau der Wergo-Produktionen standhalten können.

Im Zentrum der CD stehen die drei Quintette, in denen sich dem Klangkörper des Streichquartetts jeweils ein weiterer Partner hinzugesellt. In 'Landscape V' (1993) ist dies die japanische Mundorgel Shô, gespielt von Mayumi Miyata, die das Werk bereits gemeinsam mit dem Quatuor Diotima im Rahmen einer gleichfalls den Streichquartetten Hosokawas gewidmeten Produktion (NEOS, 2013) eingespielt hat. Die aus dem Nichts anschwellenden Shô-Klänge markieren auch den Beginn der CD, der nach und nach ausdifferenziert wird. Sie münden in die vom Streichquartett gespielten Texturen, die sich einerseits an die typische, dem menschlichen Atem nachempfundene Klanggebung der Mundorgel anpassen, ihn aber andererseits auch durch Einführung neuer Elemente plastischer werden lassen. Dies geschieht durch allmähliches Aufrauen, durch die Anreicherung des Geschehens mit Impulsen oder durch die allmähliche Auflösung des Klangstroms in Attacken.

Einer ähnlichen Verlaufsform folgt auch die Komposition 'Fragmente II' (1989), in der dem Streichquartett eine Blockflöte (Tosiya Suzuki) gegenübergestellt ist. Doch ist hier von Anfang an das Klanggeschehen stärker bewegt, umwinden die Stimmen einander in kurzen Phrasen, denen immer wieder länger gehaltene Klänge entgegentreten. Als facettenreichstes Stück dieser Gruppe erweist sich 'Landscape II' (1992): Die von Naoko Yoshino beigesteuerten Harfenklänge werden hier auf unterschiedliche Weise in die Streichertexturen eingebettet, wobei Hosokawa zu Beginn Harfen- und Quartetteinsätze colla parte führt, so dass der Streicherklang wie die Resonanz der gezupften Einsätze wirkt. In Bezug auf die musikalische Umsetzung besonders geglückt wirkt das einkomponierte Oszillieren von Vorder- und Hintergrund, das über weite Strecken hinweg den Einsatz der Instrumente bestimmt und immer wieder einzelne Protagonisten solistisch in den Vordergrund treten lässt oder sie sogar ganz ins Zentrum rückt, während die übrigen Musiker kurzzeitig pausieren.

Die drei Kompositionen für Solostreicher sind alternierend zu den Quintetten platziert, was der Produktion eine auch konzeptuell überzeugende Abwechslung verleiht: 'Threnody' für Viola solo (2011), konzentriert von Ralf Ehlers vorgetragen, verbleibt vorzugsweise im Pianobereich und führt vom ruhigen Beginn über den bewegteren, mit teils irisierenden Klangfarben stärker auf gestische Momente hin ausgerichteten Mittelteil bis zum verlöschenden Ausklang. Lucas Fels wiederum verquickt in 'Small Chant' für Violoncello (2012) klangvoll gezupfte Klänge, die an das Spiel der Wölbbrettzither Koto gemahnen, mit rauen Klangbahnen und schafft so eine Einheit aus Disparatem, aus dem sich gelegentlich kurze gesangliche Phrasen – melodische Aphorismen – herausschälen. Irvine Arditti rundet schließlich die Veröffentlichung durch seine vielschichtige, dynamisch stark abgestufte Lesart der 'Elegy' für Violine (2007/08) ab und schlägt damit nicht zuletzt auch einen Bogen zurück zum solistischen Klagegesang der Viola.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hosokawa, Toshio: Quintets & Solos

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
20.06.2014
59:12
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228676921
WER 67692


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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