> > > Hölszky, Adriana : Und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt
Samstag, 28. Mai 2022

Hölszky, Adriana - Und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt

Klangzustände


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Seine neueste CD widmet der Organist Dominik Susteck der Musik Adriana Hölszkys.

Der Organist Dominik Susteck erweist sich mittlerweile als verlässliche und wichtige Größe im zeitgenössischen Musikleben. Dies gilt nicht nur für die von ihm veranstalteten Konzerte in der Kunststation Sankt Peter in Köln, sondern auch für seine bei Wergo erscheinenden CDs: Mit ihnen gelingt ihm in regelmäßigen Abständen eine facettenreiche Auseinandersetzung mit zentralen Kompositionen des Orgelrepertoires aus den vergangenen Jahrzehnten, so zuletzt mit der Musik Wolfgang Rihms (2012) und entsprechenden Werken György Ligetis (2013). Nun hat sich Susteck der Komponistin Adriana Hölszky (*1953) zugewandt und ihr, ein Jahr nach ihrem 60. Geburtstag, eine Produktion mit drei Werken sehr unterschiedlichen Zuschnitts gewidmet. Eine Besonderheit hierbei ist, dass jede Komposition mit einer individuellen Instrumentalbesetzung aufwartet, so dass neben der solistischen Orgel zwei Duos vertreten sind.

Bereits der Einstieg in die CD ist sehr gut gewählt, denn das Orgelstück '… und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt …' (1996/97) konfrontiert den Hörer mit dem für Hölszky charakteristischen Aufeinanderprallen unterschiedlicher Zustände des Klangs, macht also gleich auf eine der wichtigsten Eigenheiten ihrer Musik aufmerksam. Susteck formt die tiefen Register des Instruments voluminös und plastisch, während er akkordische Kaskaden dagegen setzt und sie in rhythmisch artikulierte Aktionen münden lässt. Indem er solche Abschnitte wiederum mit zurückhaltend registrierten Ruhephasen abwechseln lässt, verleiht er der Musik eine ständig wechselnde Erscheinungsweise und schreibt ihr darüber hinaus den Eindruck räumlicher Bewegungen ein.

Auch in den übrigen Stücken lässt Hölszkys Musik niemals das Gefühl von Statik aufkommen: So sind die differenten Klangerzeuger Orgel und Violine in 'Efeu und Lichtfeld' (2008) eher im Konflikt miteinander inszeniert, als dass die Interpreten auf eine Verschmelzung der klangfarblichen Möglichkeiten setzen. Hierzu trägt die aufnahmetechnische Konzeption bei, denn die Orgel erscheint gegenüber der Violine (gespielt von der Geigerin Sabine Akiko Ahrendt) so weit zurückgenommen, dass sich eine gleichwertige Klanggewichtung beider Instrumente im Hörraum ergibt – eine Situation also, die sich bei einer Live-Aufführung des Stückes nicht unbedingt ergibt. Durch gelegentliche klangliche Verzahnung beider Parts wird diese Wirkung noch gesteigert, weil die klanglichen Individualitäten plötzlich verwischt werden, wenn Susteck durch die gewählten Registrierungen die nervösen, geräuschhaften Klangabschattierungen der Violine in den Orgelklang hinein verlängert.

Im Falle des Zusammenwirkens von Orgel und Schlagzeug in der Komposition '… und wieder Dunkel I' (1985/90) gerät dies alles noch weitaus suggestiver. Dies liegt vor allem daran, dass die Musik hier weitaus stärkere, aber dennoch unerwartete Übereinstimmungen zwischen den Klangfarben des Perkussionisten Jens Brülls und den teils außergewöhnlichen Registrierungsmöglichkeiten der Orgel an der Kunststation Sankt Peter Köln erlaubt. Aus den Wechseln zwischen sehr zarten Phasen und wilden Klangausbrüchen ergibt sich über die vier Werkabschnitte hinweg ein ebenso kontrast- wie abwechslungsreicher Verlauf, der den Hörer durch das Jonglieren mit Klangfarben immer wieder in die Irre führt. All dies wird im Booklet durch einen außergewöhnlich substanzreichen Einführungstext von Ingo Dorfmüller ergänzt, der es – was beim Reden und Schreiben über Hölszky keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist – vermeidet, sich in musikjournalistischen Klischees zu verfangen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hölszky, Adriana : Und ich sah wie ein gläsernes Meer, mit Feuer gemischt

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
1
20.06.2014
44:29
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228678925
WER 67892


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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