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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Calmus Ensemble, Elke Heidenreich - Nachtgedanken

Nicht allzu dunkel


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein feines musikalisch-literarisches Programm mit einigen interessanten und stimmungsvollen Kompositionen für das Calmus Ensemble. Ideal vermutlich als abendliches Konzert.

In schlafloser Nacht kommen die Gedanken, düstere und drohende, wie es dem Dunkel der Nacht entsprechen mag. Aber doch auch verwirrend vielfältige, herumschweifend, ohne klares Ziel, und vielfältig in ihren emotionalen Zuständen. Das Leipziger Calmus Ensemble und Elke Heidenreich haben jetzt bei Carus ein musikalisch-literarisches Album vorgelegt, das diesen weiten Horizont nächtlicher Gedanken abschreitet. Das Vokalensemble und die Schriftstellerin und Kritikerin haben sich auf einer Kreuzfahrt kennen- und ganz offenbar schätzengelernt.

Gerahmt wird das gut einstündige Programm von einem echten Abendlied – dem Abendsegen des nicht zu unterschätzenden Liedkomponisten Christian Lahusen auf einen Text von Rudolf Alexander Schröder. Die von Heidenreich gelesenen, überwiegend kurzen Texte decken ein breites Spektrum ab, von eigener Kreation über Tieck, Proust und Kästner bis zu Wolfgang Bächler und Gabriele Wohmann.

Auch musikalisch ist der Bogen nicht gerade klein: Es beginnt mit drei Jazzballaden, die Harald Banter auf Gedichte von Charles Baudelaire geschrieben hat – die Texte beflügeln den Komponisten spürbar, die Umsetzung wirkt leicht und inspiriert, der Satz ist für die Besetzung absolut idiomatisch, von dichter Harmonie, offenbart eine Fülle feiner Ideen und greift das leichte, elegante Klangideal des Ensembles gekonnt auf.

Einige vom Altus des Ensembles, Sebastian Krause, sehr gelungen für die Besetzung adaptierte Lieder von Georg Kreisler lassen dessen Qualitäten deutlich werden: Das ist geistvolle, gestisch behände, literarisch gezeugte Musik, mit augenzwinkernder und auch bitterer Ironie – eine Kunst eigenen Rangs, die wegen ihrer vermeintlichen Leichtigkeit viel zu wenig gewürdigt wird.

Komplexester Programmpunkt ist das über zwölfminütige Stück 'Perla', das der rumänische Komponist Dan Dediu dem Calmus Ensemble auf den Leib geschrieben hat. Und er fordert von den fünf Vokalisten eine Menge, schickt sie durch arg zerklüftete Linien und komplexe Harmonien. Hohe Anforderungen werden über die gesamte Dauer des Stücks gestellt – ein echter Brocken, der sehr viel verlangt.

Schließlich kehrt die Musik zur etwas leichteren Sphäre zurück. Wiederum Harald Banter hat für die Vertonung der Galgenlieder von Christian Morgenstern gesorgt, die als kleine Charakterstücke vorgestellt werden. Banter greift Morgensterns ironisches Spiel mit Erwartungen und Enttäuschungen gekonnt auf, gießt das Ganze in eine fast zyklische Anlage mit kleinen harmonischen Überleitungen.

All das funktioniert als Gesamtprogramm durchaus, wenngleich zu vermuten ist, dass sich jeder Hörer der Platte Favoriten wählen wird, musikalische und literarische. Mit Blick auf das Repertoire sind einzelne Stücke sehr interessant, das Programm insgesamt ist vielleicht eher etwas für das Konzert. Da dürfte es seine Wirkung nicht verfehlen.

Erlesener Gesang

Was natürlich zuallererst an den musikalischen Qualitäten des Calmus Ensembles liegt: Die Formation singt in ihrem gereiften, unverwechselbaren Idiom leicht und verschmelzend, einen wirklich absolut gemeinsam Klang formend, der dennoch die individuellen Qualitäten der einzelnen Vokalisten nicht verleugnet. Dazu ist dem Ensemble eine natürliche, klare Diktion zueigen, die alle Texte auch in subtilen Feinheiten ganz selbstverständlich nachvollziehbar macht. Besondere Erwähnung verdient die auch in gewagten Passagen herausragende Intonation, die nie auch nur die kleinste Trübung oder den Hauch äußeren Drucks verrät.

Bei Dan Dedius ‚Perla‘ ist das Ensemble wirklich deutlich gefordert – und auch diese Hürde nimmt es erstaunlich mühelos und mit einer Fülle deutender Nuancen. In den leichteren Sätzen sind dem Bass Joe Roesler immer wieder besondere Aufgaben übertragen, vor allem rhythmische Konturen zu schaffen, obliegt ihm: Das gelingt grandios.

Bei den Kreisler-Liedern geraten die Deutungen manchmal etwas zu seriös, wirkt der Gesang zu schön, um die allfälligen Doppelbödigkeiten anzudeuten und mitklingen zu lassen.

Realisiert wird das in einem konzentrierten, bemerkenswert plastischen Klangbild, das ausgewogen balanciert wirkt und alle Stimmen angemessene Präsenz sichert. Im Booklet geht es weniger um den Informationsgehalt als eher um eine ansprechende Gestaltung und knappe, gefühlige Einführungen. Das mag zum Programm durchaus passen, fällt aber auch nicht unbedingt positiv ins Gewicht.

Ein schönes Programm mit einigen wirklich interessanten Kompositionen und Bearbeitungen, das – wie schon angedeutet – als intimes Konzert am Abend vermutlich seine ideale Bestimmung hat.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Calmus Ensemble, Elke Heidenreich: Nachtgedanken

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
06.06.2014
065:00
2014
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350833890
83.389


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"Das Calmus Ensemble und Elke Heidenreich haben sich während eines Engagements auf einem Kreuzfahrtschiff kennengelernt. Da entstand die Idee eines gemeinsamen musikalisch-literarischen Projekts. In den „Nachtgedanken“ werden die schönen und weniger schönen, die anregenden und beängstigenden, die lustigen und traurigen Gedanken, die sich nachts mitunter ungewollt unser bemächtigen, thematisiert. Musik und gesprochenes Wort wechseln sich ab. Elke Heidenreich liest neben eigenen auch Texte von Erich Kästner, Ludwig Tieck, Marcel Proust u.a. Die gebotene Musik ist fast ausnahmslos für das Calmus Ensemble geschrieben oder arrangiert: Harald Banter hat Jazzballaden nach Gedichten von Charles Baudelaire komponiert und die Galgenlieder von Christian Morgenstern vertont. Sebastian Krause, der Alt bei Calmus, hat einige bekannte Chansons von Georg Kreisler für das Ensemble arrangiert. Herausgekommen ist eine wundervolle Produktion nicht nur für laue Sommernächte – zum Träumen und Genießen, Nachdenken und immer wieder Nachhören."


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