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Mittwoch, 2. Dezember 2020

Mussorgsky, Modest - Bilder einer Ausstellung

Gelungenes Wagnis


Label/Verlag: Antes Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Joachim Enders und Manfred Bockschweiger reichern Mussorgskys 'Bilder einer Ausstellung' mit neuen Farben an und präsentieren dabei eine enorme Spannweite an musikalischen Facetten, die auf der Orgel und auf der Trompete möglich sind.

Von einer guten Bearbeitung kann man erwarten, dass die Musiker ihr eigenes solistisches Können und die gesamte klangliche Vielfalt ihrer Instrumente präsentieren, ohne dabei das Wichtigste aus den Augen zu verlieren: die ursprüngliche Gestalt des Werkes. Mit der vorliegenden Einspielung haben es Joachim Enders und Manfred Bockschweiger geschafft, nicht nur diesem Anspruch zu genügen, sondern darüber hinaus einem allseits bekannten Werk durch ihr ungewöhnliches Arrangement neue Seiten zu entlocken.

Eine Komposition zu bearbeiten, die sich unter Kennern und Laien großer Beliebtheit erfreut, ist eine Herausforderung und ein künstlerischer Anreiz, birgt aber auch ein Risiko. Dadurch, dass die Orchestrierung von Ravel mittlerweile beinahe ebenso berühmt ist wie die ursprüngliche Klavierfassung Mussorgskys, haben es Künstler, die versuchen, die Musik auf andere Instrumente zu übertragen, zunächst schwer, sich zu behaupten. Joachim Enders und Manfred Bockschweiger beweisen mit ihrem Arrangement, dass auch Ravels Orchesterfassung noch längst nicht alle Facetten von Mussorgskys Werk ausgelotet hat. Die Künstler präsentieren die 'Bilder einer Ausstellung' in einer erstaunlichen Bandbreite von Klangfarben. Nicht nur die verschiedenen Register der Orgel, sondern auch die unterschiedlichen Trompeten kommen hier zur Geltung, zumal Manfred Bockschweiger ganz im Sinne der Interpretation mal B- oder C-Trompete, mal Piccolotrompete und mal Flügelhorn spielt. Gerade die ungewohnte Art der Besetzung ermöglicht es ihnen, alte Hörgewohnheiten zu durchbrechen und die Kraft der Bilder vor dem Ohr der Zuhörer neu entstehen zu lassen. Auf diese Weise wird die Genialität des Originals keinesfalls vermindert, aber eine durch die lange Zeit seit der Entstehung möglicherweise starr gewordene Rezeption wird herausgefordert.

Eine Hommage an differenzierte Spieltechnik

Nicht nur Mussorgskys Werk gewinnt durch die ausgefeilte Interpretation an Profil, sondern auch die Bandbreite von Möglichkeiten, die Trompete und Orgel zu bieten haben, werden bis ins kleinste Detail ausgelotet. Ein Zuhörer, der die Orgel bisher hauptsächlich als Kircheninstrument gesehen und der Trompete in erster Linie einen strahlenden, zuweilen martialischen Charakter zugestanden hat, wird spätestens nach dem Hören dieser Aufnahme seine Meinung revidieren.

Natürlich bleiben die bekannten Charakteristika der Instrumente auch hier vollständig enthalten. Der Aspekt der Feierlichkeit am Anfang der eröffnenden Promenade könnte durch den strahlenden Klang der Trompete nicht treffender ausgedrückt werden. Gleichzeitig gelingt es den Musikern, das Dialogprinzip der Promenade durch den abwechselnden Einsatz beider Instrumente deutlicher zur Geltung zu bringen. Besonders wirkungsvoll sind die starken Gegensätze zwischen den hellen, kraftvollen Trompetenklängen und dem gedämpften, weichen Duktus der Orgel.

Bereits im zweiten Stück, dem 'Alten Schloss', beweist Manfred Bockschweiger, dass die Trompete auch zu einem lyrischen Gesang und zu ausgeprägten Kantilenen fähig ist, die sich mit dem dunklen, getragenen Klangteppich der Orgel hervorragend mischen. Im Bild des Ochsenkarrens ('Bydlo') loten die Musiker die gesamte dynamische Spannweite ihrer Instrumente aus und fügen der Komposition ein Ausmaß an Bedrohlichkeit hinzu, die im Original nicht in dieser Form spürbar ist. Ebenso beeindruckend ist der Gegensatz zwischen den beiden Juden Samuel Goldenberg und Schmuyle dargestellt, in dem besonders die Trompete in ihrem schneidenden, zittrigen Klang äußerst lautmalerisch zur Geltung kommt. Unverwechselbar bleibt auch in dieser Bearbeitung das 'Große Tor von Kiew', in dem beide Künstler noch einmal zur Höchstform auflaufen und dem Zuhörer die gesamte Monumentalität des Bildes in all seiner Hymnenhaftigkeit und seinem Pathos nahebringen.

Der einzige Wermutstropfen dieser ansonsten in jeder Hinsicht gelungenen Interpretation ist, dass die im Original besonders scherzohaften Bildvertonungen wie die 'Tuilerien' oder 'Limoges. Der Marktplatz' durch ihr deutlich gemäßigtes Tempo etwas bemüht wirken. Dies liegt jedoch nicht an der fehlenden Virtuosität der Interpreten, sondern an der Beschaffenheit der Instrumente, die zwar eine überaus differenzierte Ausdrucksweise ermöglichen, aber auch über ihre Grenzen nicht hinwegtäuschen können. So klingt das Spiel der streitenden Kinder und das Geschnatter der tratschenden Marktweiber in dieser Bearbeitung etwas behäbiger als sonst, was die Qualität der Einspielung insgesamt jedoch nicht mindert.

Gegenüberstellung von Bekanntem und Unbekanntem

Neben der hervorragenden Interpretation des Meisterwerks 'Bilder einer Ausstellung' kommt der Zuhörer auf dieser Einspielung in den Genuss von vier weniger bekannten Werken. Hierzu gehören zwei weitere Kompositionen von Mussorgsky - 'In der Nähe des Südufers der Krim' und 'Gopak' - sowie die 'Pavane pour une infante defunte' von Ravel und die 'Vocalise' op. 34 Nr. 14 von Rachmaninoff, die von Manfred Bockschweiger für Trompete und Orgel bearbeitet wurden. Besonders im finalen Track 'Gopak' - ursprünglich ein Teil von Mussorgskys Komischer Oper 'Der Jahrmarkt von Sorotschinzy' - zeigen die Künstler, dass sowohl Orgel als auch Trompete ein klangliches Ausmaß an Humor und Verspieltheit erzeugen können, das man ihnen möglicherweise nicht zugetraut hätte.

Insgesamt liegt mit dieser Einspielung – entstanden im November 2013 in der Pauluskirche Darmstadt – eine Bearbeitung vor, die sich sehen und hören lassen kann und dem Zuhörer ein Zeugnis von höchster Qualität und gelungener Interpretation bietet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mussorgsky, Modest: Bilder einer Ausstellung

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Antes Classics
1
26.05.2014
Medium:
EAN:

CD
4014513030818


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Antes Classics

Zu Beginn der 90er Jahre wurde die ANTES EDITION gegründet, in der hochwertige E-Musik auf Tonträger und im Notendruck erscheint unter dem Motto: Hohe Qualität, unvergleichliches Repertoire und Förderung junger Talente. So wird Komponisten und ausübenden Musikern ein kreatives und aktives Forum der klassischen Musik geboten. Veröffentlicht wurden bisher mehr als 250 CD-Produktionen mit ausgefallenen Kammermusikwerken und herausragenden Interpretationen des bekannten Repertoires. Einen besonderen Schwerpunkt stellt eine Reihe zeitgenössischer Werke aus Estland dar. Gerade die Tatsache, dass Estlands Avantgarde nicht an der Richtschnur westlicher Tendenzen in der Neuen Musik zu messen ist, macht sie so interessant.

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