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Freitag, 13. Dezember 2019

Mahler, Gustav - Symphonie Nr. 9

Mahlers letzte Werke


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein "italienischer" Mahler in zügigem Tempo: Markus Stenz und das Gürzenich-Orchester schließen ihre Mahler-Einspielung schlüssig ab.

Die Musik Gustav Mahlers, die auf dieser CD eingespielt ist, hat der Komponist selbst nie in seinem Leben von einem Orchester aufgeführt gehört. Bruno Walter hatte die Neunte am 26. Juni 1912 zur ersten Aufführung gebracht, ein gutes halbes Jahr nach der Uraufführung des 'Lieds von der Erde', ebenfalls postum. Seine Zehnte Sinfonie konnte Mahler nicht mehr vollenden, der erste Satz ist noch am vollständigsten ausgearbeitet, die folgenden vier Sätze existieren in mehr oder weniger fragmentarischer Form, bisweilen kaum über Particell-Skizzierungen hinausgehend. Der Komponist Ernst Krenek, zeitweise Schwiegersohn von Alma Mahler, brachte den ersten und dritten Satz in eine aufführbare Fassung, die dann am 12. Oktober 1924 erstmals gespielt wurde, weigerte sich aber, die ganze Sinfonie zu ergänzen. Inzwischen gibt es verschiedene Versionen einer vervollständigten Zehnten von Deryck Cooke, Hans Wollschläger, Joseph Wheeler, Clinton Carpenter, Remo Mazzetti junior, Rudolf Barschai, Nicola Samale, Giuseppe Mazzucca und zuletzt von Yoel Gamzou, uraufgeführt 2010. Diese Fassung des jungen Ausnahmekünstlers zeugt von tiefster Kenntnis des Kompositionsstils Mahlers und spiegelt seine zu vermutende Entwicklung vielleicht am stringentesten wider.

Italianità in Köln

Markus Stenz legt nun also die Neunte und den ersten Satz der Zehnten Mahlers, das 'Adagio', vor. Er leitet noch einmal das Gürzenich-Orchester Köln, das ihm mit großer Professionalität spielend folgt und seinem Ruf – auch als Uraufführungsorchester von Mahlers Fünfter – alle Ehre macht. Die Musiker spielen mit größter Umsicht und Akkuratesse, an der technischen Herstellung in Bezug auf Tonqualität und Aussteuerung ist nichts zu kritisieren.

Das Tempo, das Stenz anschlägt, ist hoch, und man ist versucht, ihm vorzuwerfen, dass er die Neunte mit einer Gesamtlänge von 78 Minuten partout auf einer CD unterbringen wollte. Nicht einmal Bruno Walter und Giuseppe Sinopoli unterschreiten mit ihren Aufnahmen die 80-Minuten-Grenze, Bernstein braucht mit dem Concertgebouworkest Amsterdam 1986 sogar fast 90 Minuten, Rattle mit den Berlinern 84. Die zweite CD dieser Ausgabe enthält allerdings nur das 'Adagio' der Zehnten. Hier wäre also durchaus noch Platz für einen oder zwei Sätze der Neunten gewesen, wenn es Stenz denn beabsichtigt hätte, sich mehr Zeit zu nehmen.

Stenz legt eine italienisch anmutende Leichtigkeit vor, die mit dem zügigen Tempo konform geht. Ob er damit der von Mahler sicherlich beabsichtigten Tragik und Schwere der Musik gerecht wird, ist eine andere Frage. Eine solche Auffassung der letzten Sinfonien Mahlers zu schätzen, muss letztlich dem persönlichen Geschmack des Dirigenten wie schließlich des Hörers überlassen bleiben. Immerhin geht Stenz nicht leichtfertig über den Schlussteil des letzten Satzes der Neunten hinweg, den Mahler ohne Zweifel als Ersterben des musikalischen Geschehens konzipiert hat, indem sogar das Motiv des Doppelschlags, in seinem Gesamtwerk vielfältig und absichtsvoll eingesetzt, aufgelöst wird und im letzten Takt Fragment bleibt. Stenz, das muss man konzedieren, bleibt sich allerdings treu und schließt mit seiner Interpretation an die vorherigen Einspielungen an.

Gesamteinspielung von Mahlers Sinfonien?

Mit dieser Aufnahme der Neunten und des 'Adagios' der Zehnten Sinfonie Gustav Mahlers schließen Markus Stenz und das Kölner Gürzenich-Orchester ihre Gesamteinspielung der Mahler-Sinfonien ab. Am Beginn stand die Aufnahme der Fünften, die am 18. Oktober 1904 im Gürzenich unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt worden war. Ihr folgten zunächst die sogenannten Wunderhorn-Sinfonien (Nr. 1 bis 4), die verschiedene zuvor von Mahler vertonte Lieder aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn aufgreifen, und eine Sammlung der Wunderhorn-Lieder, danach die Achte, Siebte und Sechste Sinfonie. Das Label Oehms Classics, bei dem die Einspielung als SACD herausgebracht wurde, hat die Nummerierung der Reihenfolge der Sinfonien angepasst, was sinnvoll ist, da die Aufnahmen auch komplett in einem Schuber angeboten werden sollten (laut Presseerklärung von Oehms Classics und dem Gürzenich-Orchester aus dem Frühjahr 2009). Doch fällt dadurch auf, dass die Serie offenbar noch weiter gefasst werden sollte. Es fehlen die Nummer OC 655 und OC 656, bevor unter der Nummer OC 657 die Aufnahme der Wunderhorn-Lieder folgt. Und so sucht man etwa 'Das Lied von der Erde', das doch von Mahler selbst als ‚Symphonie in Liedern’ bezeichnet worden war, in der ‚Gesamteinspielung’ der Mahler-Sinfonien (bislang) vergeblich. Dass das 'Adagio' der Zehnten, selbst nicht ganz vollständig, aber bei weitem nicht das einzig erhaltene musikalische Material der Zehnten, etwas unsensibel auf einer separaten CD der Aufnahme der Neunten beigelegt wurde, verwundert: War womöglich beabsichtigt, eine der Rekonstruktionen der Zehnten einzuspielen? Mit diesen beiden Werken wären die fehlenden Nummern besetzt und man könnte von einer veritablen Gesamteinspielung der Sinfonien sprechen.

Stiefkind Booklet

Die Gestaltung des 24-seitigen Booklets ist insgesamt recht lieblos zu nennen: Die Seiten sind bis auf das Außenblatt in fliederfarbenem Ton, den man schon von den übrigen Einspielungen kennt, nur schwarz-weiß gedruckt (was verbreitet ist), und es wird viel Platz verschenkt (d.h. frei gelassen), den man notfalls mit Fotos hätte füllen können. Oder mit einer ausführlicheren Fassung des einführenden Textes aus der Feder von Hartmut Lück, der instruktiv ist. Hinzuzufügen wäre in Bezug auf die ergänzenden Fassungen der unvollendeten Zehnten Sinfonie der jüngste Versuch von Yoel Gamzou (uraufgeführt 2010). Lücks indirektes Plädoyer für die Alleinstellung des 'Adagio' ohne Hinzufügung der ergänzten weiteren Sätze wirkt nicht überzeugend – und ist vielleicht auch nur einer veränderten Konzeption der ‚Gesamteinspielung’ geschuldet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Mahler, Gustav: Symphonie Nr. 9

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
07.07.2014
Medium:
EAN:

SACD
4260034866546


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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