> > > Tschaikowsky, Dmitrij Kitajenko: Symphonie Nr. 7
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Tschaikowsky, Dmitrij Kitajenko - Symphonie Nr. 7

I-Tüpfelchen


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Abschluss des Tschaikowsky-Zyklus von Dmitrij Kitajenko und dem Gürzenich-Orchester reiht sich in seiner hohen Qualität nicht nur in die Serie ein, sondern bietet mit der rekonstruierten Sinfonie Es-Dur eine Rarität.

Nun ist mit der vorliegenden achten Folge die Gesamteinspielung der Tschaikowsky-Sinfonien mit Dmitrij Kitajenko und dem Gürzenich-Orchester Köln nicht nur zum Abschluss gebracht, sondern im emphatischen Sinn vollendet. Daher ist der Blick nicht nur auf diesen Schlussstein zu richten, sondern zurück auf den gesamten Zyklus, der in der Aufnahmegeschichte der Sinfonien Peter Tschaikowskys einen vorderen Rang einnehmen wird – aus (mindestens) drei Gründen: Erstens ist die Klangqualität durchweg erstklassig. Das famose Gürzenich-Orchester, dessen saftige Streicher und knackige, aber körperreiche Blechbläser bezaubern können, ist direkt und in den dynamischen Abstufungen wunderbar differenziert eingefangen, die einzelnen Gruppen sind – ob vom Dirigenten oder von den Tonmeistern – in eine optimale Balance gebracht, die Klangfarbenvielfalt und artikulatorischen Gradationen sind plastisch und werden unmittelbar an den Hörer weitergegeben. Zweitens ist die interpretatorische Formung vom ersten Teil der Gesamteinspielung bis zum letzten vollauf überzeugend und macht diese Lesart zu einem äußerst attraktiven, überaus hörenswerten Gegenentwurf zu bereits erhältlichen, zum Teil mit Kultstatus versehenen Tschaikowsky-Zyklen. Das führt bereits zum dritten Grund – und hier endlich schließt sich der Bogen zur vorliegenden Folge, die gewissermaßen das I-Tüpfelchen dieser Serie ist: Dmitrij Kitajenko hat nicht, wie leider so oft der Fall, nur die sechs Sinfonien aufgenommen, sondern auch die 'Manfred-Sinfonie' und nun auch die aus Skizzen (re-)konstruierte Sinfonie Nr. 7 Es-Dur. Somit verdient dieser Zyklus mit Recht den Titel Gesamteinspielung. Und auch diesmal steht die Sinfonie nicht für sich allein; sie wird in diesem Fall durch das (nicht vollendete) Klavierkonzert Nr. 3 Es-Dur op. posth. 75 ergänzt, dessen musikalische Substanz (im erhaltenen ersten Satz) auf die Es-Dur-Sinfonie zurückgeht.

Tschaikowsky arbeitete 1891 an einer Sinfonie Es-Dur, in der er den Lauf des Lebens in eine sinfonische Narration zu überführen suchte. Er verwarf den Plan, nachdem bereits das komplette Werk skizziert war, und machte sich an eine neue Sinfonie, die in der Musikgeschichte rasch Legendenstatus erlangen sollte: die Sechste Sinfonie h-Moll mit dem (inoffiziellen) Beinamen ‚Pathétique‘. Entgegen eigenen Beteuerungen griff der Komponist auf die musikalische Substanz der Sinfonie, zumindest hinsichtlich des Kopfsatzes, nochmals zurück und formte daraus das Dritte Klavierkonzert, dessen Solopart in dieser Aufnahme die Solistin Lilya Zilberstein übernimmt. Aus den hinterlassenen Skizzen der Es-Dur-Sinfonie schuf Semjon Bogatyrjow in den 1950er Jahren eine Aufführungsversion, die bereits einige Male eingespielt wurde – aber kaum je so packend wie von Dmitrij Kitajenko.

Der russische Dirigent widmet sich dieser Aufführungsfassung der Es-Dur-Sinfonie mit der gleichen Akribie wie den originalen Tschaikowsky-Sinfonien. Auffallend ist vor allem seine klare Linie in der Modellierung der mehrstimmigen Schichtungen. Stärker als in den anderen Sinfonien sind hier thematische Linien von Gegenmelodien eingefasst. Die Balance zwischen den unterschiedlichen Satzschichten gelingt Kitajenko fabelhaft. Es ist offensichtlich, dass der Dirigent nicht der aktuellen Mode höchster Transparenz hinterherläuft, sondern das hörbar macht, was wichtig ist – bloß begleitende Nebenstimmen werden nicht ins Licht gezerrt, davor schützt Kitajenko seine große Metiersicherheit. Wunderbar knackig und punktgenau setzt das Blech des Gürzenich-Orchesters markante Nachschläge, während die Streicher im 'Allegro brillante' mit agiler Spielfreudigkeit begeistern und im 'Andante' mit wunderbarer Phrasierung. Das gesamte Orchester agiert sowohl im Seitenthema des Kopfsatzes als auch im langsamen Satz innig und beseelt, ohne aber den schmalen Grat zum Sentiment zu überschreiten. Man könnte dies alles auch eingängiger, platter phrasieren, aber Kitajenko erfüllt die Kantilenen mit Überraschungsmomenten, so dass man zum aktiven Mithören, zum Nachempfinden angeregt wird. Und er behält stets den großen Überblick, formt Steigerungen von bezwingender Wucht (etwa im 'Andante') und wird dennoch der freudig voranstürmenden Atmosphäre der Sinfonie, insbesondere in den Außensätzen, vollauf gerecht, auch wenn das Tempo nicht auffallend schnell ist – ein weiterer schlagender Beweis dafür, dass faktisches Tempo und musikalischer Schwung nicht korrelieren. Wer wirklich Bewegungsintensität zu entfachen versteht, kann dies, ohne aufs Gaspedal zu drücken. Kurz gesagt: Es bleiben in dieser Einspielung der rekonstruierten Sinfonie Nr. 7 keine Wünsche offen. Das gilt auch für die idiomatische Umsetzung des Klavierkonzerts Nr. 3, in dem Lilya Zilberstein den Solopart großartig ausfüllt, Impulse setzt, das Klavier neben der geforderten Brillanz zum Singen bringt und einen intensiven Dialog mit dem Orchester führt.

Neben der großen Freude, dass mit Kitajenkos Tschaikowsky-Zyklus eine in jeder Hinsicht großartige Gesamteinspielung erhältlich ist und mit vorliegender Folge ein hochinteressanter Abschluss geglückt ist, gibt es auch Anlass zur Vorfreude: Bald wird sich Kitajenko mit dem Gürzenich-Orchester der Sinfonien von Sergej Rachmaninoff annehmen. Es steht zu erwarten, dass bei diesem Komponisten, der leider zu oft auf ‚schöne Stellen‘ reduziert wird, die Tiefenschärfe der Stimmengewichtung Großartiges zutage fördern wird. Freunde russischer Sinfonik können erwartungsfroh in die Zukunft schauen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Tschaikowsky, Dmitrij Kitajenko: Symphonie Nr. 7

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
17.02.2014
Medium:
EAN:

SACD
4260034866720


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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