> > > Herzogenberg, Heinrich von: Totenfeier op. 80: Monteverdichor Würzburg, Thüringen Philharmonie Gotha
Samstag, 15. Dezember 2018

Herzogenberg, Heinrich von: Totenfeier op. 80 - Monteverdichor Würzburg, Thüringen Philharmonie Gotha

Magische Momente


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Herzogenbergs 'Totenfeier' und sein Requiem sind lohnende Entdeckungen. Matthias Beckert vermag diese Musik mit seinem Solistenensemble, dem Monteverdichor Würzburg und der Thüringen Philharmonie Gotha ins rechte Licht zu setzen.

Der 1843 in Graz geborene Komponist Heinrich von Herzogenberg wird gerne ein wenig abfällig als bloßer Brahms-Epigone abgestempelt. In Wien hatte er zunächst Jura, Staatswissenschaften und Philosophie studiert, ehe er sich am dortigen Konservatorium in die Kompositionsklasse Felix Otto Dessoffs einschrieb. Hier in dessen Umkreis begegnete er Johannes Brahms, was für seine künstlerische Entwicklung von durchaus entscheidender Bedeutung war. Brahms gegenüber, der ihm zum Freund wurde und den er und auch seine Frau Elisabeth tief verehrten, glaubte er nacheifern zu müssen, und so griff er mit seinen Kompositionen gerne die von Brahms gepflegten musikalischen Gattungen auf. Zwangsläufig setzte er sich da dem Vergleich aus. Und in der musikwissenschaftlichen Literatur der letzten Jahrzehnte wurde gegenüber Brahms bei Heinrich von Herzogenberg oftmals eine gewisse Blässe der Erfindungskraft festgestellt.

Mit seinem Requiem op. 72 aus den Jahren 1890/91 und der 'Totenfeier' op. 80 aus den Jahren 1892/93 folgt Herzogenberg in der Wahl seiner musikalischen Mittel allerdings kaum Brahms‘ Vorbild. Und in seinem 'Begräbnisgesang' op. 88 (1895), komponiert im Gedenken an seinen Freund (und Bach-Biographen) Philipp Spitta, wählt er zwar explizit einen Titel und annähernd eine Besetzung, die man auch in Brahms‘ Werkkatalog findet (den 'Begräbnisgesang' op. 13 für fünfstimmigen Chor und Bläser), aber auch da tritt in Herzogenbergs Werk stilistisch kein Brahmssches Idiom zutage. Herzogenbergs Musik eignet in diesen drei Vokalwerken zwar – wer aber wollte dies beanstanden? – eine Anlehnung an große Vorbilder; da könnte man im Aufgreifen von kontrapunktischen Strukturen, wie die der Chorfuge, auch etwa Mendelssohn oder Spohr nennen, doch zeigt seine musikalische Sprache genügend eigenständige Kraft, um das schmähende Urteil des Epigonalen ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Gewiss, es ist denkbar, dass manche klangliche Wendung, manche füllende Mittelstimme bei der Fortführung einer Phrase, manche harmonische Folge vielleicht nicht allein kompositorischer Souveränität, sondern möglicherweise auch einem Anflug lässlicher Unbeholfenheit entwachsen sein könnte. Doch umgekehrt ist auch zu erwägen, ob der Komponist nicht den musikalischen Horizont in visionärer Weise bereits ein wenig mehr geweitet gesehen haben wollte.

Die Einspielung des Requiems und der 'Totenfeier' aus der Feder Herzogenbergs ist eine wichtige Repertoireerweiterung und eine lohnende Entdeckung. Insbesondere die 'Totenfeier' überrascht mit einigen magischen Momenten, so etwa, wenn Herzogenberg auf die vom Basssolisten gestellte Menschenfrage nach dem Warum von Vergänglichkeit und Verlassenheit mit den Worten Jesu (Joh. 13 V. 7) die Antwort gibt: ‚Was ich tue, spricht der Herr, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernach erfahren‘. Der Komponist hat diese Rede einem Knabensolisten anvertraut und er lässt diesen, nur von der Orgel begleitet, wie aus weiter Ferne heraus in eine Zwiesprache mit dem Chor mit der allein den Männerstimmen überlassenen Choralstrophe ‚Ich lieg‘ im Streit und widerstreb‘ (aus dem Choral 'Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ') eintreten. Wenn hierauf dann noch in die Schlusskadenz hinein der unbegleitete Solosopran voller Kraft mit dem Johanneswort ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben‘ (Joh. 11 V. 25) einfällt, dann eignet dieser Musik etwas ungemein Tröstendes und Aufrichtendes. Das fesselt mit suggestiver Wirkmacht, vor allem, wenn es, wie hier, von einer Sängerin wie Franziska Bobe gesungen wird, die mit ihrer höhenklaren und liniengenauen Präsenz den Hörer damit nachgerade überwältigt. Doch auch die anderen Solisten, der Knabenalt Jaro Kirchgessner, die Altistin Barbara Bräckelmann, der hoch engagierte Tenor Maximilian Argmann und der stimmschön und anrührend zeichnende Bass Jens Hamann wissen mit hoher Überzeugungskraft zu beindrucken.

Matthias Beckert vermag dem Monteverdichor Würzburg geschmeidig gespannte Phrasen und feinfühlig entwickelte Klangbögen zu entlocken, und es gelingt ihm, den Chor – etwa in dem kompositorisch aufwendig gearbeiteten Chorsatz 'Wenn der Herr die Gefangenen Sions erlösen wird' – homogen mit der Thüringen Philharmonie Gotha zu mischen und die beiden Klangkörper kultiviert miteinander zu verblenden. Dass der Monteverdichor Würzburg nicht unbedingt mit einem stimmgeschulten professionellen Ensemble gleichziehen kann und dass die Thüringen Philharmonie Gotha mit ihren bisweilen etwas strähnigen hohen Streichern wenige Male (so zum Beispiel auch im Schlusschor 'Auf, Tochter, auf! Des Königs Glanz bricht an') gar in die Drittklassigkeit abzurutschen droht, gilt es durchaus festzuhalten, doch solche leichten Defizite des klanglichen Zuschliffs erscheinen angesichts des spürbaren hohen Ausdruckswillens aller Beteiligten vernachlässigbar.

Sie treten etwas verstärkt in Herzogenbergs Requiem zutage, wobei sich der Chor etwa im 'Introitus' mit kleinstufig ausschreitender Dynamik recht agil zeigt und auch die Fähigkeit zu mächtigen Aufgipfelungen beweisen kann, auf der anderen Seite aber etwa im 'Rex tremendae' in Hinblick auf Duktus und Diktion doch die angemessene Kontur und Griffigkeit ein wenig vermissen lässt und man sich das 'Salva me' wiederum noch ausgerundeter und süßer ausformuliert gewünscht hätte. Auch das 'Confutatis maledictis' hätte vokal wie instrumental noch mehr Prägnanz und Präsenz vertragen können, wohingegen der Monteverdichor im 'Hostias' mit feiner stimmlicher Ausgeglichenheit glänzen kann und hier auch seine a-cappella-Eignung unter Beweis stellt. Auch in Herzogenbergs „Begräbnisgesang“ kann die chorische Leistung (der Männer) überzeugen, wohingegen man sich das Tenorsolo gestalterisch etwas freier und mit weniger Nachdruck versehen vorstellen könnte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Herzogenberg, Heinrich von: Totenfeier op. 80: Monteverdichor Würzburg, Thüringen Philharmonie Gotha

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Herzogenberg, Heinrich von
 - Totenfeier op. 80 - Einleitung: Trauermarsch mit Chor Der Mensch, vom Weibe geboren
 - Totenfeier op. 80 - Rezitativ und Bass-Arie Herr, warum trittst du so ferne
 - Totenfeier op. 80 - Alt-Solo und Choral Was ich tue - Ich lieg' im Streit
 - Totenfeier op. 80 - Chor und Sopran-Solo Ich bin die Auferstehung
 - Totenfeier op. 80 - Rezitativ und Bass-Arie Da ich den Herrn suchte
 - Totenfeier op. 80 - Soloquartett und Choral Ich hab' dich eine kleine Zeit
 - Totenfeier op. 80 - Chor Wenn der Herr die Gefangenen Sions
 - Totenfeier op. 80 - Sopran-Arie Wie lieblich sind deine Wohnungen
 - Totenfeier op. 80 - Bass-Solo und Schluss-Choral Der Herr hat's gegeben
 - Begräbnisgesang op. 88 -


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Dirigent(en):Beckert, Matthias
Orchester/Ensemble:Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl
Interpret(en):Bobe, Franziska
Bräckelmann, Barbara
Argmann, Maximilian
Hamann, Jens
Kirchgessner, Jaro


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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