> > > Brahms, Johannes: Ein deutsches Requiem
Samstag, 15. August 2020

Brahms, Johannes - Ein deutsches Requiem

Gedrückt


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Mitschnitt von Brahms' 'Deutschem Requiem' aus dem Wiener Musikvereinssaal aus dem Jahr 1997 vermittelt eine emotional bewegende Lesart des Werks. Aber es bleiben doch auch einige Wünsche offen, zumal beim Solisten Bryn Terfel.

Das übliche Recyceln von DVD-Produktionen bei Euroarts (zuvor Arthaus und TDK) ist nun auch bei Claudio Abbados Mitschnitt von Brahms‘ 'Deutschem Requiem' op. 45 aus dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins am 3. April 1997 (das exakte Datum bietet die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker, nicht aber das DVD-Booklet) angekommen. Die Aufführung erfolgte seinerzeit anlässlich des Zentenariums von Brahms‘ Tod, mit so ziemlich dem Besten an musikalischen Kräften, was seinerzeit verfügbar war. Der Schwedische Rundfunkchor und der Eric Ericson Kammerchor waren durch den charismatischen Chorleiter längst legendär (hier zeichnet für die Choreinstudierung Maria Wieslander verantwortlich, die mehrfach mit Abbado wie mit Riccardo Muti zusammengearbeitet hat), die Berliner Philharmoniker und Abbado musizierten in perfekter Harmonie und an Solisten waren Barbara Bonney und Bryn Terfel auf dem Zenit ihres Könnens aufgeboten.

Die seinerzeit hochgelobte Interpretation, ohne Frage hochexpressiv und klanglich souverän ausbalanciert, besteht den Test der Zeit dennoch nur teilweise mit Bravour. Ohne pedantisch sein zu wollen, ist doch nicht zu überhören, dass Abbado im Kopfsatz seinem eigenen Brahms-Bild freien Lauf lässt. Vom Chor, der vielleicht nicht mehr ganz so klangschön singt wie zu besten Ericson-Zeiten, wie vom Orchester fordert er immer wieder Extra-Drücker, die emotionalen Nachdruck dort erzeugen, wo es die Musik gar nicht nötig hat, diese im Gegenteil etwas beeinträchtigt wird (immerhin bemüht sich der Chor intensiv um Umsetzung des Komponierten, das Orchester weniger). Überdies hat das Orchester das Primat vor dem Chor, möglicherweise ist die Aufnahmetechnik falsch aufgestellt (dasselbe ist auch in Momenten von 'Denn wir haben hier keine bleibende Statt' zu vermerken). Von einem wirklich intimen, nach innen gehenden Werk, wie es Brahms intendierte, ist in der Eröffnung nicht viel übrig, vielmehr ein großes Drama, zwar auch mit vielfachen Abstufungen, aber nicht jener Innerlichkeit, die die besten Aufführungen und Einspielungen auszeichnen. Da können auch wunderbare Einzelleistungen (etwa das Oboensolo, später entsprechende Fagott- und Flötensoli) das Ganze nicht retten. Überraschend die Präsenz der Harfe zu Ende des Satzes – diese scheint aber, obwohl anderswo selten gehört, von Brahms intendiert zu sein. Weit besser gelingt der zweite Satz 'Denn alles Fleisch es ist wie Gras', die schwierig umzusetzende pp-Vorschrift wird zu Beginn ziemlich getreu eingehalten. Später verfährt Abbado wieder deutlich freier – die Chorreprise wird abermals pp genommen, statt nun piano (ganz wichtig zum Verständnis der Architektur des Satzes), dazu das An- und Abschwellen des Chorklanges bedenklich nivelliert; auch sieht man zwar die Hörner, die laut Partitur hervorgehoben werden sollen – aber man hört sie nicht. Dem Schlussteil mangelt es etwas an Biss; das ist kein 'Allegro non troppo', sondern höchstens ein Andantino. Am leichtesten fällt den Musikern der Schlusssatz der Komposition, der von der dynamischen Ausarbeitung insgesamt leichter zu gestalten scheint als die vorherigen Sätze.

Überraschend larmoyant gestaltet Bryn Terfel sein Baritonsolo – nicht nur der herzzerreißende Augenaufschlag, sondern auch seine vokale Gestaltung geht an dem Intendierten vorbei. Hier betet nicht einer vor Gott, hier schluchzt einer seinen Schmerz heraus, aber nicht ehrlich empfunden, sondern irgendwie aufgesetzt, unangenehm kalkuliert (vielleicht bin ich hier durch die Einspielung des jungen Fischer-Dieskau verwöhnt). Sehr schön hier bei dem Solisten wie dem Chor die Textverständlichkeit. In 'Denn wir haben hier keine bleibende Statt' weist seine Stimme gar ein paar Momente der Strähnigkeit auf; auch fällt ein Vibrato auf, das mehr störend denn expressiv wirkt. Schön fließend die Tempi von 'Wie lieblich sind deine Wohnungen', doch auch hier wird die in der Partitur geforderte Staffelung des Klanges deutlich abgewandelt in Richtung eines eher unmittelbaren Ausdrucksbedürfnisses. Barbara Bonney singt mit silbernem Sopran und Artikulationsschwierigkeiten 'Ihr habt nun Traurigkeit' – diese scheinen sie selbst etwas zu hemmen im Studio scheint sie sicherer zu fühlen. Aber was für eine Linienführung – da stören selbst einige kleinere Schärfen, die sich mittlerweile in die Stimme eingeschlichen haben, nicht. Ihre Leistung ist die insgesamt vielleicht überzeugendste in der ganzen Aufführung, dicht gefolgt von den Chören.

Diese Einschränkungen sollen nicht bedeuten, dass wir es hier nicht mit einer herzzerreißend emotionalen Interpretation zu tun haben. Abbado ist fraglos ein Profi, der nicht umsonst Kultstatus besitzt. Aber es ist eben nicht ganz Brahms. Der Dirigentenwille ordnet sich dem Werk nicht wirklich unter, sondern verwirklicht seine eigene Vision. Wer also Abbado hören will, ist hier gerade recht, auch wer eine ausdrucksstarke, architektonisch schön geformte Interpretation erleben möchte. Wem aber Brahms‘ Notentext auch selbst etwas sagt (etwa der Chorsänger, der selbst das Werk schon gesungen hat), der mag mit mir in der einen oder anderen Einschränkung übereinstimmen.

Für das Recycling 2014 wurde das Bildmaterial auf Blu-ray extrapoliert – auf DVD bleibt die Bildkompression aber offenkundig. Die Klangqualität ist sehr gut, die Bildregie (Bob Coles) insgesamt durchaus inspiriert. Das Booklet wartet mit einem ausgesprochen oberflächlichen Begleittext auf, die DVD bietet keinerlei Extras.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Brahms, Johannes: Ein deutsches Requiem

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
05.05.2014
Medium:
EAN:

DVD
880242127884


Cover vergössern

EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag EuroArts:

  • Zur Kritik... Komponisten-Feuerwerk: Das Silvesterkonzert 2017 ist nicht nur gute Werbung für die Berliner Philharmoniker, sondern auch ein schönes Zeugnis von der langen und fruchtbaren Zusammenarbeit mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Mutti und Sohn: Diese 'Lucrezia Borgia' aus San Francisco lebt von der Überzeichnung. Das gilt leider auch für die musikalische Seite, die zum Teil sehr ansprechende Leistungen präsentiert, aber nicht rundum zufrieden stellen kann. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Skalpell und Silberstift: Niveau und Klasse – bei Bělohlávek gewinnen solche Floskeln Sinn. Weiter...
    (Daniel Krause, )
blättern

Alle Kritiken von EuroArts...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... So duftet Venedig: Artemandoline und Núria Rial erkunden in einer aufnahmetechnisch nicht unproblematischen Produktion unbekanntere musikalische Aspekte der Lagunenstadt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Unbekannter Norweger: Der in Deutschland fast gänzlich unbekannte Norweger David Monrad Johansen überrascht durch seine Biografie wie durch die Dichte seiner Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Sensuell und kraftvoll: Die Violinkonzerte von Fritz Leitermeyer und Dieter Acker sind zentrale Beiträge zur Ferenc-Kiss-Diskografie. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Requiem für Furtwängler: Ein Requiem für Wilhelm Furtwängler – eine gewiss zufällige zeitliche Koinzidenz macht diese Aufnahme der zweiten Sinfonie mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Eugen Jochum zu einer besonderen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Ausflug ins tschechische Viola-Repertoire: Jitka Hosprová engagiert sich leidenschaftlich für drei tschechische Violakonzerte, die allerdings in ihrer Substanz nur teilweise gelungen sind. Weiter...
    (Dr. Michael Loos, )
  • Zur Kritik... Unbekannter Norweger: Der in Deutschland fast gänzlich unbekannte Norweger David Monrad Johansen überrascht durch seine Biografie wie durch die Dichte seiner Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Cloclo - Die Garde Cloclo's

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Edlira Priftuli im Portrait "Musikalisch praktizierte Ökumene"
Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich