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Donnerstag, 21. Juni 2018

Sallinen, Aulis - Kullervo

Archaisch wild


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Aulis Sallinens grandios eingespielte vierte Oper 'Kullervo' ist nichts für labile Naturen.

Es ist wohl einer der düstersten je vom Musiktheater aufgegriffenen Stoffe. In 'Kullervo', aus dem finnischen Saga-Konglomerat ‚Kalevala’ herausgebrochen, trifft das absolut gesetzte Individuum mit seinen Sehnsüchten, vor allem mit seiner Lebens-, Besitz- und Machtgier auf bis zur Unkenntlichkeit verzerrte, nahezu pervertierte moralische Normen und Ehrregelungen, die das Zusammenleben ordnen sollen. Aus der Reibung entsteht die Katastrophe.

Sallinens finnisch gesungene, uns also sprachlich fremde Musik erzählt von einer kalten, schwarzen Welt, brockig, schreiend, fast kreischend, dabei dennoch fast immer innerhalb eines gemäßigt tonalen Spektrums. Auch die Gesangslinien sind fragmentiert, oft wie abbrechende Erinnerungsreflexe, selten mit sich durchtastender, befreiender Kantilene. Dominant ist, trotz der widerständigen, sich scheinbar dagegen sträubenden Kleinteiligkeit, der musikdramaturgische große Bogen, der das Geschehen um den monströsen Kullervo und den sanften Kimmo zusammenzurrt.

Hierfür verantwortlich ist in erster Linie der Dirigent Ulf Söderblom, der die 1992 fast zeitgleich mit der szenischen Uraufführung entstandene Studioaufnahme leitet. Söderblom vermeidet Extreme bewusst nicht und erreicht gerade deshalb spannendes, scharfkantiges, bisweilen gar atemlos wildes Musiktheater. Dazu hat er ein hervorragendes Ensemble ausnahmslos finnischer Sänger zur Verfügung. Und die hatten vor 20 Jahren ein erstaunlich hohes Niveau. Matti Salminen als Kullervos Vater bleibt da noch geradezu unauffällig. Zum Erschrecken intensiv sind Juha Kotilainen als Unto sowie Anna-Lisa Jakobsson als junge Schmiedefrau. Wie in Speckstein gemeißelt kommen die Klagen von Eeva-Liisa Saarinen daher, und selbst in Kleinstrollen sind große Stimmen zu hören wie etwa Esa Ruuttunen als ‚zweiter Mann‘. 'Kullervo' ist eine Ausdrucksoper, der gerundete Ton hat hier nirgendwo einen Ort, am ehesten noch bei Jorma Silvastis Zwischenfachtenor, mit dem er den sanften Kimmo zumindest in die Nähe eines Sympathieträgers in dieser musikalisch überfremdeten Ödnis rückt. In der Titelfigur hat der große Bariton Jorma Hynninen wohl die Rolle seines Lebens gefunden. Er kehrt mit den Mitteln der Musik das Innere seiner Figur nach außen. Was man da hört, ist nicht schön, aber es ergreift. Dazu kommt ein hochenergetischer, archaische Wucht verbreitender Chor (Chor der Finnischen Nationaloper), der fast wie ein Dampfhammer immer wieder in diese Lebenswüste einschlägt.

Korrespondierend hierzu die klangliche Gestaltung der Aufnahme: Das ist nicht der heute gewohnte, opulente, räumlich souverän gestaffelte Ondine-Sound. Das Klangbild ist sehr lebendig, ständig kleinen Veränderungen unterworfen, neigt mal leicht zur Schärfe, ist auch mal ansatzweise hallig, passt aber hervorragend zu Stück und musikalischer Deutung. Ein ungewöhnliches, auch ungewöhnlich sperriges Werk in einer sicher kaum zu übertreffenden Deutung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Andreas Falentin Kritik von Andreas Falentin ,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sallinen, Aulis: Kullervo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
3
19.05.2014
EAN:

761195125823


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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