> > > Gluck, Christoph Willibald: Orpheus & Eurydike
Montag, 19. August 2019

Gluck, Christoph Willibald - Orpheus & Eurydike

Orfeo trauert dreimal


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser doppelbödige Opernfilm fesselt von der ersten bis zur letzten Minute.

Orfeo verliert seine Euridice gleich dreimal: Erst stirbt sie auf der Erde, dann misslingt der Rückholversuch, und obwohl Amor ihm die Geliebte zurückgibt, verliert Orfeo sie schlussendlich an barocke Oberflächlichkeit. Die Bildsprache, die der Regisseur Ondrej Havelka für seine Verfilmung von Christoph Willibald Glucks 'Orfeo ed Euridice' gefunden hat, ist berauschend und in ihrer Doppelbödigkeit von ungeheurer Kraft. Dieser 'Orfeo', auf einer DVD beim Label Arthaus erschienen, wird aus einem modernen Blickwinkel heraus interpretiert – einem Blick durch die Linse einer Kamera. Die ästhetischen Mittel sind dabei irritierend altmodisch. Ondrej Havelka lässt die komplette Handlung im barocken Schlosstheater von Böhmisch Krumau spielen. Diese wohl besterhaltene barocke Theaterbühne verfügt noch immer über eine funktionstüchtige Maschinerie, alte Dekorationen und historische Kostümsätze. Der Regisseur begnügt sich aber nicht mit der bloßen Wiederbelebung spätbarocker Aufführungspraxis, die auf Bildträger lebendig wird. Vielmehr gelingt ihm ein Opernfilm, der gleichzeitig einen Blick hinter die Kulissen wirft, das Theater als solches entlarvt, Darsteller und Charaktere in Deckung bringt.

Es ist faszinierend, mit welch ungehemmter Fantasie Regisseur und Ensemble in die Vollen greifen und dabei auch nicht vor ironischen Kommentaren zurückschrecken. Die Unterbühne wird zur Unterwelt, die verwinkelten Treppenhäuser im Hinterbühnenbereich bilden den Weg zurück zur Erde, wo das finale Ehedrama stattfindet. Von Illusion kann keine Rede sein, dafür aber von einem intensiven Meta-Theater-Erlebnis der ungewöhnlichen Art, bei dem einzig das überambitionierte und vermutlich historisch informierte Ballettensemble für teilweise unfreiwillige Komik sorgt.

Was für besonderen Nervenkitzel sorgt, ist die Tatsache, dass alle Sänger wirklich ‚live’ singen. Hier wurde keine Tonaufnahme im Studio vorproduziert und bei gepflegtem Playback ein Film abgedreht. Nein – während die Kamera auf die Darsteller gerichtet ist, wird im selben Moment gesungen und musiziert. Neuer Take, neues Glück. Alles wirkt unmittelbar, echt, die Intensität aller Beteiligten ist hör- und spürbar.

Bejun Mehta lebt und singt den Orfeo mit jeder Faser seines Körpers. Von der heldischen Attitüde bis hin zur tränenerstickten Verzweiflung reizt er die Möglichkeiten aus, seiner Interpretation die notwendigen Farben und ungeheure Authentizität zu verleihen. Noch bevor die Ouvertüre erklingt, zeigt ein Blick in Mehtas Augen den stummen Schmerz des Verlustes, ohne falsches Pathos, mit berührender Schlichtheit in der Stille seiner Garderobe. Der Sänger Orfeo trauert um Euridice. Mitten auf der Bühne ist ihre Leiche aufgebahrt. Der Chor, die Freunde trauern ebenso, das anwesende Orchester verwandelt die Emotionen in Klang. Doch Mehtas Orfeo ist auch ein leidenschaftlicher Kämpfer für seine Liebe. Der Sänger verlässt sich in seiner Interpretation keineswegs auf puren Schöngesang. Er scheint vielmehr auf der Suche nach emotionaler Wahrheit in Glucks Komposition. Schonungslos erklimmt er seine Spitzentöne, lässt Verzierungen einfließen, wenn sie organisch aus der Situation erwachsen. Man kann den Orfeo vielleicht raffinierter oder balsamischer singen, echter und ergreifender aber nicht. Wenn dem hervorragenden Sängerdarsteller bei 'Che farò senza Euridice' die Tränen der Hilflosigkeit in die Augen steigen oder im Instrumentalnachspiel der Oper in tiefer Trauer erkennt, dass er selbst nun Euridice verlassen muss, trifft es den Zuschauer mitten ins Herz.

Die beiden Sopranistinnen an Mehtas Seite sind ihm kongeniale Bühnen- und Gesangspartner. Eva Liebau ist eine herrlich oberflächliche, zickige und zugleich glaubhaft intensive Euridice. Auch Euridices Verlustschmerz ist in Liebaus Darstellung zweifellos echt, wenngleich von anderer Tiefe als bei Orfeo. Liebaus goldener, warmer Sopran mischt sich reizvoll mit Bejun Mehtas Timbre, in 'Che fiero momento' zieht sie alle Register ihrer fulminanten Darbietung, die keine Widerrede duldet.

Als Amor spielt allerdings Regula Mühlemann ihre Kollegen nahezu an die Wand. Mit unnachahmlicher Natürlichkeit und einer Extraportion Charme behauptet sie den leicht proletenhaften Liebesgott, der mit den Gefühlen der Menschen spielt. In perlenden Koloraturen und mit ihrem glockenklaren und unverwechselbaren Sopran bezaubert sie nicht nur ihre Bühnenpartner.

Begleitet werden die Sänger vom Alte-Musik-Orchester Collegium 1704, das ebenfalls in Kostüm und Maske im historischen Orchestergraben bei Kerzenbeleuchtung Platz genommen hat. Schwungvoll und einfühlsam leitet der Dirigent Václav Luks seine Musiker sowie den prägnanten Chor Collegium Vocale 1704 durch die Abgründe von Erde und Unterwelt. Ein Ohren- und Augenschmaus, der lange im Zuschauer nachhallt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:







Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Gluck, Christoph Willibald: Orpheus & Eurydike

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
19.05.2014
Medium:
EAN:

DVD
807280218497


Cover vergössern

Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Arthaus Musik:

  • Zur Kritik... Beeindruckendes Gesamtporträt: Fast non-stop dirigierte Valery Gergiev 20 der bedeutendsten Werke von Prokofjew in Moskau und St. Petersburg. Ein Filmteam schnitt mit und produzierte zusätzlich eine TV-Doku. So entstand ein umfassendes Prokofjew-Porträt. Weiter...
    (Christiane Franke, )
  • Zur Kritik... Generationenwechsel: Aus der historischen Distanz erweist sich die Salzburger 'Zauberflöte' 1982 als nicht ganz so gut wie seinerzeit von der Presse gepriesen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Ein Zyklus für die Fünfte: Der neue Tschaikowsky-Sinfonie-Zyklus von Philippe Jordan und dem Orchestre de l'Opéra national de Paris ist wie vorheriges Beethoven-Projekt exzellent durchmusiziert. Das magische Erlebnis birgt jedoch eine Einzelsinfonie und nicht der Gesamtzyklus. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
blättern

Alle Kritiken von Arthaus Musik...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Solider Faust: Dieser 'Faust' ist absolut anhörbar und im Falle der Marguerite sogar ausnehmend spannend. Ansonsten gibt es viele gute Gründe, weiterhin zu den beiden alten Cluytens-Aufnahmen oder jener von Georges Prêtre zu greifen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Rauschhafte Entmystifizierung: Nach dem Genuss dieser Doppel-DVD ist man restlos erledigt, aber selig. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Donizettis erste Tudor-Oper: Donizettis 'Il castello di Kenilworth' ist eine Entdeckung wert. Allerdings hätte die Tonspur dieser musikalisch reizvollen Produktion absolut genügt. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Ein Tscheche in Amerika: Jirí Belohlávek bringt mit der Tschechischen Philharmonie Bohuslav Martinus Opernpastorale 'What men live by' und die erste Symphonie zum Leuchten. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Klare Diktion: Yu Mi Lee unternimmt auf ihrem Debüt-Album eine fesselnde Reise nach Russland. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Pianistisch durchleuchtet: Der Amerikaner Garrick Ohlsson bietet in seinem Falla-Programm etwas weniger Spanien als andere Interpreten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich