> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Die Entführung aus dem Serail
Freitag, 25. September 2020

Mozart, Wolfgang Amadeus - Die Entführung aus dem Serail

Fashion Week statt traditionelle Opernbühne


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Open-Air-Highlight der vergangenen Salzburger Festspiele ist durchaus ein Hingucker. Das Konzept der Inszenierung kann allerdings nur in Ansätzen überzeugen.

Historische Flugzeugmodelle, Formel-1-Rennwagen, exotische Lounge Bar, Fotoshooting-Sets, großer Laufsteg und allerhand umherstolzierende Designer, Fotografen, Models – nein, hier wird nicht etwa die Fashion Week gefeiert, sondern das spektakuläre Open-Air-Highlight der Salzburger Festspiele des vergangenen Jahres zelebriert: 'Die Entführung aus dem Serail' im Hangar 7 am Salzburger Flughafen als großes Event außerhalb der traditionellen Opernbühne. Zu diesem Anlass legte man so ziemlich alles, was die heutige Technik so hergibt, in die Waagschale. Modernste In-Ear-Technik und Subdirigenten müssen nicht nur den Kontakt der Protagonisten innerhalb der großen Halle, sondern auch mit dem Orchester im entfernten Hangar 8 wahren. Das Resultat ist geradezu verblüffend stimmig. An sauberer Koordination mangelt es so gut wie nie. Hier sei insbesondere ein Lob an die Sänger ausgesprochen, die in Anbetracht dessen, dass sie normalerweise ohne Mikrofon singen, eine reibungslose und untadelige Performance abrufen können.

In der Haut der ständig hinterher laufenden Zuschauer, die vermutlich maximal ein Drittel des gesamten Geschehens mitbekamen, möchte man hingegen nicht stecken. Auch ist das Video-Endresultat auf der nun von Arthaus Musik veröffentlichten DVD doch recht überschaubar. Nachdem man sich an die farbenfrohe Dekoration gewöhnt hat, findet man sich bereits nach einem Akt mühelos zu Recht. Innovativ sind die Kamerablickwinkel nicht.

Adrian Marthalers Versuch, die Handlung ins Heute zu verlegen sowie den Konflikt zwischen der glamourösen Modewelt und dem manierlichen, bürgerlichen Leben zum Hauptthema zu machen, mag wohl ein ganz netter Einfall sein. Das Ergebnis geht am Ende allerdings doch nicht wirklich auf. Dass der Grundtenor der Türkischen Musik durch die prachtvolle Glamourwelt ersetzt wurde, mag da noch das kleinste Ärgernis sein. Viel entscheidender dagegen ist, dass gerade die neue Sicht auf die Gefühlsebene der Charaktere nicht nur unverständlich bleibt, sondern auch zu dem, was die Musik ausdrücken möchte, oft quer steht. Der vollkommen triebgesteuerte, wollüstige Modepapst Bassa Selim (Tobias Moretti) lässt die Protagonisten am Ende nicht etwa aus großer Güte gehen, sondern bleibt sich seiner Gestalt als Unsympath treu – von charakterlicher Entwicklung keine Spur. Das anschließende, musikalisch eine so klare Sprache sprechende 'Nie werd‘ ich deine Huld verkennen' wird in dieser Inszenierung schlichtweg zum nichtssagenden, unpassenden Statement. Fashion bleibt schlussendlich Fashion, die Problematik dieser nach außen anziehenden, nach innen leeren Welt versuchte man zu illustrieren; die pompöse Aufmachung ist jedoch nur Kulisse und nicht Raum für einen tief Blick in dieses Imperium, während die wirklichen musikalischen Knackpunkte im Porträt der Figurengestaltung ebenso unsichtbar bleiben.

Nur vereinzelte Lichtblicke in den Hauptpartien

Die Sänger helfen der Inszenierung ihrerseits wenig auf die Sprünge, enttäuschend vor allem die Leistung der beiden Hauptakteure Belmonte und Konstanze. Während Javier Camarena mit zwar schöner, klarer Stimme, aber gerade in der großartigen Arie 'Konstanze! Dich wieder zu sehen' mehr um reibungslosen Schönklang denn um Gestaltung des extremen Wechselbades der Gefühle bemüht ist, gibt Desirée Rancatore mit ihrem gerade in den hohen Koloraturen forcierten Gesang vielmehr die wilde Furie. Damit kann sie zwar den dramatischen Augenblicken der Martern-Arie Feuer verleihen (man nehme nur die brillant gelungene Kurzatmigkeit auf der letzten Phrase) – die Sehnsucht nach der wahren Liebe Belmontes lässt der Gesang aber oft nur erahnen. Während sich Thomas Ebenstein als kecker Pedrillo dieser eingleisigen Gestaltung anschließt, sind es insbesondere Rebecca Nelsen, als gar nicht blonde Stylisten Blonde sowie Kurt Rydl als Bodybuilder Osmin, die für die musikalischen Lichtblicke sorgen können. Ist es bei Nelsen die freche Spritzigkeit und schillernde Kraft in der Stimme, die ein variables Gefühlsporträt zu zeichnen vermag, so bringt Rydl seinerseits eine sowohl schauspielerisch als auch gesanglich große Portion Humor mit ins Spiel. Man nehme nur seine letzte Arie 'O, wie will ich triumphieren', wobei Rydl hier nicht nur die von Mozart ohnehin schon diabolisch gezeichnete Koloratur amüsant phrasiert und artikuliert, sondern auch das banale Herumreiten auf dem Tonika- bzw. Dominantton auf der letzten Phrase, fern jeglicher Harmonie herauspoltert – ein Osmin, der in seiner blinden Freude selbst das Singen zwischen zwei Tönen verlernt hat.

Die Camerata Salzburg unter der Leitung von Hans Graf leistet ebenfalls gute Arbeit. Nicht nur, dass Graf die ‚türkischen’ Anklänge authentisch in das aufgedonnerte Bild des Fashion-Universums einzubinden weiß, auch in den Arien macht er nicht selten klare Zäsuren, um den Figuren entscheidend neue Affekte zu ermöglichen. Die Sänger gehen auf dieses Angebot allerdings viel zu selten ein. Deutlich besser hingegen agiert das Ensemble in lebhaften Szenen; gerade in den Streitereien, wenn man sich gegenseitig nur noch einzelne Wortfetzen an den Kopf wirft, kommt sehr viel musikalischer Witz zum Vorschein. Kurz: Der Spaß ist hier nicht verloren gegangen.

Was allerdings die Tiefe und neue, innovative Gefühlsdeutungen angeht, ist diese Produktion wenig erhellend. Da stellt sich dann auch die Frage, ob solche Kultur-Events wirklich zukunftsweisend sind. Die Mehrheit wird wohl doch weiterhin ins ‚behütete’ Opernhaus gehen, um sich dort über die altmodischen Inszenierungen zu beklagen oder modische Neuerungen zu verteufeln, je nach Geschmackslage und Menüplan des Hauses.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
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Regie:







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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Die Entführung aus dem Serail

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
19.05.2014
Medium:
EAN:

DVD
807280218398


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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