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Donnerstag, 28. Oktober 2021

Reger, Max - Das gesamte Orgelwerk Vol. 2

Kraft und Dezenz


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Max Regers Orgelmusik, der zweite Teil: Bernhard Buttmann zeigt an vier exemplarisch geeigneten Orgeln, wie reich an Nuancen der Komponist für die Orgel zu komponieren verstand.

Will man im Reger-Gedenkjahr 2016 mit einem Großprojekt wie der Gesamtaufnahme der Orgelmusik des genialen Komponisten rechtzeitig am Start sein, braucht man eine lange Vorlaufzeit: Der Nürnberger Organist Bernhard Buttmann hat deshalb schon im Jahr 2013 begonnen, das riesige Oeuvre in vier Produktionen zu erschließen. Gemeinsam mit dem Label Oehms Classics und dem koproduzierenden Bayerischen Rundfunk waren damals die frühen Werke erschienen. Nun liegt die zweite Box vor, vier randvolle Platten umfassend, die sich mit der mittleren Schaffenszeit etwa aus der Zeit um 1900 beschäftigt.

Gleichsam als Portikus stehen am Beginn des Programms zwei Werke, die auch abseits eines Reger-Jahrs zu hören sind – die Sonate fis-Moll op. 33 und die grandiose Phantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46. Sie machen Regers umfassenden Anspruch an die Faktur des Satzes wie an die enormen Instrumente der Zeit mit ihren quasi orchestralen Dimensionen sehr deutlich. Reger wollte in diesen freien Werken zeigen, dass sich die Orgel als Medium seines musikalischen Denkens ganz auf der Höhe der Zeit befand, dass sie ganz ohne religiöse Limitierungen seine höchst expressive Musik abzubilden in der Lage war.

Dennoch: Auch Reger war klar, dass die Orgel eng mit der kirchlichen Sphäre verbunden blieb. Und so versuchte er, seinen eminenten Anspruch – ästhetisch wie spieltechnisch war seine Musik ‚normalem‘ Orgelspiel weit enteilt – mit den praktischen Möglichkeiten zu versöhnen. Das tat er auch, um seiner Musik insgesamt zu weiterer Verbreitung zu verhelfen. Und dafür brauchte er die Organisten. Diesem Vorhaben waren die drei Hefte der unter der Opuszahl 67 veröffentlichten ‚Zweiundfünfzig leicht ausführbaren Vorspiele zu den gebräuchlichsten Chorälen‘ gewidmet. Manches wirkt tatsächlich praktikabel, vieles scheint in seiner Inspiration und technischen Ambition aber auch von Regers Möglichkeiten über alle Gipfel getragen: Auf oft nicht mehr als zwei Minuten drängt sich Eminentes, für die allgemeine Praxis wohl Unspielbares. Anderes scheint als magisch entrückte Klangminiatur.

Die voll ausgebaute choralbasierte Reger-Dosis zeigt sich dann im Opus 40: Vor allem die Nummer 1, die Phantasie über den Choral 'Wie schön leucht’t uns der Morgenstern' ist in jeder Hinsicht auf die größtmögliche Ausdehnung dieses Prinzips freier Explikation eines vertrauten Vorbilds hin angelegt – harmonisch, dynamisch, formal fordert Reger von Spieler und Instrument alles in reichem Maß.

Einen wiederum etwas leichteren, vom monumentalen Gestus abrückenden Zugang versucht der rastlose Komponist in den beiden Sammlungen unter den Opuszahlen 65 und 69: Diese schlicht als Zehn und Zwölf Stücke für Orgel bezeichneten Sammlungen knüpfen einerseits mit Satzbezeichnungen wie Präludium, Fuge, Toccata oder Canzone an barocke Vorbilder an, beziehen sich aber mindestens ebenso deutlich auf die Kultur spätromantischer Klavierstücke, wenn unter den Überschriften Consolation, Moment musical, Romanze oder Rhapsodie die großen Orgeln gespielt werden. Es ist dies neben den großen Monumentalwerken und den choralinspirierten Werken der dritte große Strang der Regerschen Orgelkunst: Reger dachte an eine möglichst breite Schicht von möglichen Interpreten und Zuhörern, denen er sich mit diesen Werken von einer anderen Seite zu nähern versuchte.

Man hat sich das Geschehen indes nicht allzu schlicht vorzustellen. Natürlich sind ungemein zarte Sätze zu erleben, aber Regers kompositorische Ambition ist zu keiner Sekunde zu leugnen, auch die immer wieder aufblitzende große Klanggeste bricht dominant hervor.

Der Spieler

Allein diese Werke aus der mittleren Schaffensperiode Regers – wenn man bei einem mit wenig über vierzig Jahren gestorbenen Komponisten denn überhaupt davon sprechen mag – zeigen, welch eminent hohe Anforderungen an einen Interpreten gerichtet sind. Bernhard Buttmann ist dem voll umfänglich gewachsen: Souverän meistert er alle virtuosen Hürden, die Reger in seinem überaus dichten und stimmreichen Satz auftürmt. Dazu erweist sich seine klare Artikulation als wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Musik Regers. Anders geht es allerdings bei so dimensionierter und konzipierter Musik nicht, will man ihr denn wirklich gerecht werden. Neben diesen vordergründig notwendigen Qualitäten des Interpreten geht es bei einer Gesamteinspielung solches Ausmaßes auch um die intellektuelle Bewältigung: Wie ist das Werk geworden, wie konzipiert, wie in seinem zeitlichen Umfeld zu verstehen, wie mit den zur Verfügung stehenden Instrumenten zu verknüpfen, wie mit einem Abstand von einem guten Jahrhundert auf seinen Ewigkeitswert zu überprüfen? Wichtige Fragen, denen Buttmann souverän nachgeht und aus deren Beantwortung er einen überlegenen Zugriff gewinnt.

Von ganz zentraler Bedeutung ist dabei der meisterliche Umgang mit den gespielten Instrumenten. Und hier erweist sich Buttmann als echter Könner. Er dosiert die jeweils ungemein üppigen Möglichkeiten der Orgeln klug und geduldig, gibt natürlich den großen Momenten Raum, widmet sich aber gerade den kleinen, immer wieder fast verlöschenden Passagen mit gleicher Intensität. Das ist entscheidend, gehört die Idee vom vermeintlich permanenten Tosen und Brausen doch zu den hartnäckigsten Vorurteilen über Regers Orgelmusik.

Die Orgeln

Max Reger bewegte sich mit seiner Orgelmusik in einer ganz besonderen Phase der Musikgeschichte. Vor allem in der Frage der zur Verfügung stehenden Instrumente tat sich um 1900 einiges: Das romantisch Klangideal hatte sich durchgesetzt, die technischen Möglichkeiten im Orgelbau erweiterten sich zusehends, es entstanden immer mehr konzertfähige Großorgeln in den neuen Kirchenbauten der rasch wachsenden Städte, eine immer größere Zahl von Organisten trat aus dem engen Raum des kirchlichen Dienstes auch konzertant hervor – ein insgesamt außerordentlich fruchtbares Umfeld für Regers Orgelschaffen.

Das spiegeln auch die auf den vier Platten erklingenden Orgeln: Zwei sind in historischer Zeitgenossenschaft Regers entstanden – die Sauer-Orgel der Lutherkirche in Chemnitz und die Steinmeyer-Orgel der Mannheimer Christuskirche. Jüngeren Ursprungs sind die Klais-Orgel der Abtei Schweiklberg in Vilshofen und die Schmidt-Orgel der St. Marien-Kirche in Witten. Alle Instrumente sind sehr angemessen gewählt und wunderbar geeignet, Regers Musik hochdifferenziert abzubilden – der Musik und dem Anspruch einer Gesamteinspielung angemessen. Alle verfügen über Größe und reiche Differenz in den Grundstimmen, dazu ist die weiche, zugleich belastbare und kernhaltige Kraftentfaltung anzumerken, auch ein stets verschmelzungsfähiges Plenum ist verfügbar. Kontrastierend treten zarte Stimmen von kleinerer Dimension hinzu – auch dieses Moment braucht eine typische Reger-Orgel. Grundsätzlich wirken alle vier Orgeln in ihrer Disposition bemerkenswert homogen. Vielleicht ragt die Mannheimer Steinmeyer-Orgel in ihrer Individualität etwas heraus, mit dem unvergleichlich effektvollen Fernwerk und einem exzeptionell besetzten Pedal, das allein über sieben 16-Fuß-Register und zwei 32-Fuß-Register verfügt – eine wahrhaft stattliche und zugleich um etliche kleiner dimensionierte Nuancen bereicherte Grundlage.

Das Klangbild der verschiedenen Aufnahmen wirkt bemerkenswert gleichmäßig, natürlich groß und vielfarbig, mit all den klingenden Differenzen und einer sehr guten Präsenz in allen Sphären. Auch die weiche Komponente des romantischen Klangideals kommt zur Geltung, ohne allzu sehr zu verschatten. Im umfangreichen und sehr informativen Booklet fällt nur die bei Oehms übliche, die Lektüre aber deutlich störende Eigenart negativ ins Gewicht, dass sich deutscher und englischer Text seitenweise abwechseln. Ansonsten ist es tadellos gelungen.

Bernhard Buttmann unternimmt es mit diesem Mammutprojekt, Max Regers Orgelmusik in ihrer Gänze vorzustellen: Ein absolut lohnendes Ansinnen, das zeigt spätestens dieser zweite Teil. Höchst qualitätvolles Spiel an überaus klangfarbenreichen Instrumenten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Reger, Max: Das gesamte Orgelwerk Vol. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
4
09.06.2014
Medium:
EAN:

CD
4260034868526


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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