> > > Rachmaninoff, Serge: Klaviersonaten Nr. 1 & 2
Sonntag, 14. August 2022

Rachmaninoff, Serge - Klaviersonaten Nr. 1 & 2

Getrennte Dimensionen


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die chinesische Pianistin Xiayin Wang überwindet den steilen Pass der beiden Rachmaninoff-Sonaten vor allem im Hinblick auf die mehrstimmige Auffächerung des dichten Klaviersatzes auf beachtliche Weise.

Die chinesische Pianistin Xiayin Wang hat offenbar ein Faible für Hochvirtuoses. Für ihr Debüt beim britischen Label Chandos suchte sie sich Bearbeitungen des legendären Tastenwirbelwinds Earl Wild aus. Weiter ging es mit einer beachtlichen Rachmaninoff-Platte. Nach einem Ausflug zu amerikanischen Klavierkonzerten, der allerdings weniger glücklich verlaufen ist, kehrt sie nun zum russischen Repertoire zurück. Wieder ist es eine reine Rachmaninoff-Einspielung, diesmal eine veritable Tour de force. Xiayin Wang hat sich die Aufgabe gestellt, den monumentalen Pass der beiden Klaviersonaten zu überwinden. Immerhin gibt es nach der kräftezehrenden Klaviersonate Nr. 1 d-Moll op. 28 ein Hochplateau, auf dem man ein wenig verschnaufen kann: drei beliebte Preludes aus op. 23. Auch für den letzten Aufstieg zum Gipfel wählt die Chinesin den kürzeren von beiden möglichen Wegen: Sie spielt Rachmaninoffs 1913 entstandene b-Moll-Sonate op. 36 in der revidierten, deutlich gestrafften Fassung aus dem Jahr 1931.

Xiayin Wang erscheint gegenüber ihrer ersten Rachmaninoff-Einspielung künstlerisch noch einmal ein ganzes Stück gereifter. Freilich, über virtuose technische Möglichkeiten verfügte sie bereits vor wenigen Jahren – und die setzt sie auch hier wieder in zum Teil schwindelerregender Manier ein. Das verschafft ihr den Freiraum, zu gestalten, während andere Kollegen oder Kolleginnen mit den technischen Anforderungen vollauf beschäftigt sind. Diesen Freiraum nutzt sie diesmal vor allem in der vertikaler Dimension: Die intrikate Mehrstimmigkeit, die in Rachmaninoffs opulenter d-Moll-Sonate unter pianistisch forderndem Rankenwerk versteckt ist, will erst einmal entdeckt, dann richtig verstanden und nicht zuletzt auch noch sinnvoll vermittelt werden. Das gelingt Xiayin Wang über weite Strecken auf wirklich beachtliche Weise. Sowohl in den pianistisch anstrengenden schnellen Außensätzen der Sonate op. 28, in denen der polyphone Tonsatz bis zum Äußersten des überhaupt Möglichen geführt wird, als auch im 'Lento'-Mittelsatz sind die Stimmen zumeist klar, sachdienlich und ausdrucksvoll in eine überzeugende Balance gebracht. Das gilt in gleicher Weise für die ebenfalls dreisätzige Klaviersonate Nr.  2 b-Moll, in der Xiayin Wang Präzision der Linienführung mit technischer Bravour zu verbinden weiß.

Bei aller Finesse in der vertikalen Auffächerung des dichten Klaviersatzes ist aber die horizontale Dimension nicht in gleicher Weise überzeugend gelungen. Rachmaninoff gibt freilich seinen Interpreten mit dem Riesenklotz der d-Moll-Sonate eine schwere Aufgabe, das ist klar. Doch gerade vor dem Hintergrund von Wangs gestalterischer Differenzierung in der Vertikalen fällt der weniger gut gelungene Umgang mit Spannungslinien übers Satzganze auf. Schon in den ersten Takten konstruiert die Pianistin einen riesigen Kontrast, der dann im weiteren Verlauf mit Kraft ausformuliert werden muss. Xiayin Wang bleibt da an mancher Stelle expressiv etwas im Mittelbereich, wo mancher Tenuto-Mittelstimme mehr Gravität und ein Gewicht, das den musikalischen Fortlauf gewissermaßen aufhält, gut vertragen könnte. In agogischer Hinsicht geht die Chinesin mitunter auf sinnvolle Weise frei mit dem Notentext um, doch könnte gerade im Hinblick auf Spannungsbögen, die über ganze Themenkomplexe und Satzphasen hinweg gespannt sind, mehr Stringenz walten. Wie sich Spannungswellen im Großen mit einem glasklaren Spiel, das auch den Scherzando-Charakter der Musik unterstreicht, auf schlüssige Weise verbunden werden kann, machte etwa Olli Mustonen in seiner fulminanten Einspielung der d-Moll-Sonate für Ondine deutlich.

Wie in einem Brennspiegel zeigt sich das Dilemma von Xiayin Wangs Rachmaninoff-Deutung im oft aufgeführten g-Moll-Prelude op. 23/5. Da spielt Wang in bemerkenswert schneller Gangart ein wenig zu stark auf die Taktschwerpunkte hin und hängt die beiden Sechzehntel des daktylischen Grundrhythmus zu widerstandslos an die Achtelnote, wo sie doch gerade in Steigerungspassagen schrappnellhaften Charakter entwickeln könnten. Hinzu kommt ein in oberen dynamischen Regionen spitzer und etwas hohler Klang. Da wäre an vielen Stellen klangliches Volumen eher wünschenswert; was zu hören ist, ist artikulatorische Attacke, einhergehend mit einem recht dünnen Klang.

Diesen Einwänden zum Trotz ist Xiayin Wangs neue Rachmaninoff-Einspielung hörenswert. Wer auf die Vertikale achtet, kann hier mehr hören als bei einer Reihe anderer Aufnahmen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Serge: Klaviersonaten Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
02.05.2014
Medium:
EAN:

CD
095115181621


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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