> > > Prokofiev, Sergey Sergeyvich: Klavierkonzerte Nr. 1-5
Montag, 15. August 2022

Prokofiev, Sergey Sergeyvich - Klavierkonzerte Nr. 1-5

Mehr als nur Haydn auf Speed


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dem bewährten Interpretengespann Jean-Efflam Bavouzet–Gianandrea Noseda ist mit der Gesamteinspielung von Klavierkonzerte von Sergej Prokofjew ein weiterer großer Wurf gelungen.

Es mag dies die erste CD sein, die offiziell einem Physiotherapeuten gewidmet ist. Aber das ist bei weitem nicht das Erstaunlichste an dieser Gesamteinspielung der Klavierkonzerte von Sergej Prokofjew. Bemerkenswert ist vielmehr die hohe Qualität, die sich auf allen Ebenen zeigt: in der solistischen Gestaltung wie auch im Orchester, in der Klanggebung wie im interpretatorischen Zugriff. Man mag das ausgezeichnete Resultat aber vielleicht gar nicht so überraschend finden, wenn man sich vergegenwärtigt, wer für diesen Coup im Hause Chandos verantwortlich zeichnet. Es ist nämlich das bewährte Interpretengespann Jean-Efflam Bavouzet–Gianandrea Noseda, das für das britische Label bereits einen fulminanten Zyklus der Bartók-Klavierkonzerte herausgebracht hat. Eigenen Aussagen zufolge gehört für Jean-Efflam Bavouzet, der jüngst mit einer vielbeachteten Gesamteinspielung der Soloklavierwerke von Claude Debussy seinen Rang unterstrichen hat, Prokofjew zu seinen besonders geschätzten Komponisten, und Noseda hat ohnehin für die Klassische Moderne ein besonders Händchen. Da konnte man einen Erfolg erwarten. Aber dass er letztlich so umfassend ausfällt und das Resultat kaum Wünsche offenlässt, ist schon bemerkenswert.

Als Beispiel, an dem sich die Qualitäten dieser äußerst anregenden Prokofjew-Lektüre verdeutlichen lassen, mag das Fünfte Klavierkonzert G-Dur op. 55 dienen. Allein das kann erstaunen, gehört es doch unter den fünf Klavierkonzerten zu den weitaus seltener gespielten – im Gegensatz zu den ersten drei. Der Solist Jean-Efflam Bavouzet hat eine besondere – und auch besonders lang währende – Nähe zu diesem Werk, wie man in den sehr persönlichen und aufschlussreichen Ausführungen des Solisten im ausgezeichneten Beiheft (deutsch/englisch/französisch) dieser Produktion lesen kann. Man hört es aber auch. Das G-Dur-Konzert, für das sich vor allem Swjatoslaw Richter einsetzte, wird hier mit straffer Muskulosität und packender Energie in Klang verwandelt. Man kann in dem fünfsätzigen Konzert wie in einem Brennspiegel den ganzen Prokofjew der vorangehenden Klavierkonzerte hören – so schattierungsreich und tiefenscharf wird dieses Konzert bis in kleinste Verästelungen des Virtuosen und der Orchestrierung hinein gedeutet. Wirbelnde Motorik und funkenschlagende Virtuosität in der tatsächlich 'Allegro con fuoco' genommenen 'Toccata', ruhig ausgesungene Kantilenen, sich abwechselnd mit donnerndem Pathos im 'Larghetto', ein gut akzentuierter, mit spitzen Fingern sarkastisch aufgeladener 'Moderato'-Marsch und belebende Ecksätze sind von dem berufenen Interpretengespann mit einer großer Konturenschärfe und Prägnanz in der Nachzeichnung der Stimmungen fabelhaft umgesetzt. Die überbordende Kraft des Rhythmus wirkt ebenso belebend wie die die spukhaften Passagen ausgedünnter Linienführung und fahler Klänge.

Gianandrea Noseda entlockt dem BBC Philharmonic einen für Prokofjew typischen Klang, vor allem in den glasklaren, metallenen Klängen der hohen Holzbläser. Auch das Schlagwerk ist stets hörbar, zuweilen kommt die Machart der instrumentatorischen Veranstaltung viel deutlicher heraus als bei anderen Interpreten, etwa was den Glockenspiel-Einsatz im Ersten Klavierkonzert Des-Dur op. 10 betrifft und dumpf-polternde Elemente im g-Moll-Konzert Nr. 2 op. 16. Hervortretenden Solobläsern verschafft Noseda den nötigen Raum und neben der instrumentatorischen Feinzeichnung kommen auch die stellenweise ausgestellten Grobheiten der Klangfarben sehr gut zur Geltung.

Eine der hervorstechenden Qualitäten dieser Einspielung ist die enge Abstimmung von Solist und Orchester, auch in klanglicher Hinsicht. Denn so wie das BBC Philharmonic die verschiedenen Klangregister detailliert auffächert, so glasklar geht der Solist Jean-Efflam Bavouzet mit dem Solopart um. Während vor allem russische Pianisten auf einen fülligeren, bisweilen wuchtigeren Klavierklang setzen, der letztlich dazu führt, dass die dissonante Akkordik im Klaviersatz eher zu Farbwerten verschmilzt, wirkt Bavouzets kristallines Klavierspiel etwas leichtgewichtiger, aber auch bissiger. Allerdings kann der Franzose durchaus auch seine Pranken auspacken, wo sie am Platze sind, etwa im großen Soloabschnitt des Kopfsatzes von op. 16. Trotz des etwas leichtgewichtigen, kristallklaren Ansatzes hat der interpretatorische Zugriff dennoch nicht ironisierend-sarkastische Schlagseite. Was allzu schnell ins Karikaturistische gerät, etwa das Seitenthema im ersten Satz des Zweiten Konzerts, atmet hier durchaus Ernsthaftigkeit und Spannung, die dort etwa durch vehement auffahrende ‚Schlenzer‘ im Orchester unterstrichen wird.

Es gibt hier also viel zu loben, doch das größte Kunststück von Bavouzet–Noseda besteht wohl darin, die collagenhaften Kontraste in ein dramaturgisch zwingendes musikalisches Narrativ zu überführen. Die Spannungsbögen sind überzeugend gestaltet, Steigerungen von langer Hand angebahnt und dann zu triumphaler Klimax geführt. Das ist, um es salopp zu formulieren, großes Kino. Oder, um eine Formulierung in Bezug auf das Fünfte Klavierkonzerte aus dem Beiheft umzumünzen, weit mehr als ‚Haydn on speed‘.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofiev, Sergey Sergeyvich: Klavierkonzerte Nr. 1-5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
2
07.02.2014
Medium:
EAN:

CD
095115180228


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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