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Samstag, 28. Mai 2022

Bruckner, Anton - Messe e-Moll

Beeindruckendes Konzertdokument


Label/Verlag: ORF
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme gehört zu den schönsten Einspielungen von Bruckners Messe in e-Moll - und dabei handelt es sich um einen Mitschnitt!

Das Festival Musica Sacra im Spätsommer 2013 in St. Pölten wurde mit einem Konzert eröffnet, das vom ORF aufgenommen wurde und auf CD veröffentlicht wurde. Die Domkantorei, die Capella Nova Graz und ein Bläserensemble tragen Werke von Bruckner und Mendelssohn vor.

Die Domkantorei St. Pölten gründete 1992 Domkapellmeister Otto Kargl, und legte von Beginn an großen Wert auf stilistische Sicherheit, klangliche Homogenität, Präzision und klare Intonation. Das weckt hohe Erwartungen. Die Kantorei besteht nur aus rund 20 ausgesuchten Mitgliedern. Ihr Repertoire geht bis ins 18. Jahrhundert zurück und macht dann einen Sprung in die zeitgenössische Literatur. Im Vordergrund steht natürlich der liturgische Dienst; darüber hinaus tritt der Chor in Kirchen und Konzerthäusern sowie auch bei verschiedenen Festivals auf.

Die Capella Nova Graz stammt noch aus den Studienzeiten Otto Kargls. Das 1983 ins Leben gerufene Ensemble war zunächst achtköpfig und wurde in den 1990er-Jahren zunächst auf 16 und später auf 20 Sänger erweitert. Ihr Schwerpunkt liegt in der Musik des 17. Jahrhunderts. Die cng arbeitet immer wieder mit der Domkantorei zusammen, um größere Werke aufzuführen. Sie arbeitet mit verschiedenen namhaften Orchestern zusammen und gastierte bei einigen Festivals mit. Belohnt wurde das Ensemble mit einigen Preisen.

Domkapellmeister Otto Kargl, in der Steiermark geboren, hält diesen Titel seit 1992 in St. Pölten. Chordirigieren und Gregorianik unterrichtet er am dortigen Konservatorium. Besonders am Herzen liegt ihm, unbekannte und vergessene Werke wiederzuentdecken und aufzuführen, etwa Werke von Biber, Schmelzer, Fux, Theile und aus dem Altbadischen Archiv. Sein dirigentisches Wirken beschränkt sich nicht nur auf diese zwei Ensembles. Er ist gern gesehener Gast beim Rundfunkchor in Helsinki und hat bereits einige Rundfunk- und CD Aufnahmen verantwortet.

Vorprogramm

Im ersten Programmblock stehen drei Werke von Anton Bruckner. Als erstes Stück hört man das Graduale 'Os justi'. Nach kurzem wackeligen Anfang rastet die Tonart ein und man bekommt einen homogenen, wohlklingenden Chor zu hören, einen luftigen, unforcierten Klang. Männer- und Frauenchor erklingen wie aus einem Guss. Der Chor erschafft herrliche Klangwellen vom Piano bis zum Forte durch das gesamte Stück hindurch. Mit einem einstimmigen ‚Alleluja‘ wird 'Os justi' schlicht, aber eindringlich abgerundet. Das 'Christus factus est' fängt im gleichen schönen Piano an, steigert sich in die Höhe und fällt in Sequenzen wieder hinab, geführt mit einem dichten Legato und Decrescendo, ohne an Intensität zu verlieren. Dissonanzen und Tonartwechsel werden gut gemeistert. 'Ave Maria', wohl eines der bekanntesten und schönsten A-Capella-Werke Bruckners, darf natürlich auch nicht fehlen. Besonders herausfordernd ist dieses Stück durch seinen Anfang: Erst muss der Frauenchor Intonationssicherheit und Homogenität zeigen und dann hat sich der Männerchor in den Klang einzufädeln. Dies wird hier mit viel Geschmack und Musikalität gemacht. Ansonsten gibt es nur noch eines: zurücklehnen und genießen bis zum Ende des Stückes.

Der zweite Block des Konzertes besteht aus zwei Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy. 'Richte mich Gott' (43. Psalm) und 'Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren'. Mendelssohn verlangt ja den Chören immer gerne weit gefächerte Klangtexturen ab. Bis auf ein, zwei Spitzentöne im Sopran wird dieser weiche, warme Klang, den man bisher hören durfte, von den Sängerinnen und Sängern fortgeführt.

Das Hauptwerk

Das Schwergewicht im Programm dieser Aufnahme ist Bruckners Messe e-Moll in der Fassung von 1882 für achtstimmigen Chor und Bläser. Spannungsvoll im Piano fängt der Frauenchor an, bis dann die Bläser mächtig, aber nicht zu laut das 'Kyrie' unterstützen. Daraufhin setzen die Männer sauber ein mit einer wunderbar klaren Dissonanz. Allerdings sind die hohen leisen ‚Kyrie‘-Einsätze im Sopran ein wenig angestrengt. Ein wunderbarer 'Gloria'-Anfang wird durch die Wärme der Bläser und den wohlklingenden Chor hervorgerufen. Herrlich! Leider ist die Höhe im Sopran wieder ein wenig das Problem; er wird uneinheitlich, verliert den sonst schönen runden Klang, wird etwas spitz und leicht grell, Einzelstimmen werden hörbar. Beim 'Qui tollis' klingt er wiederum engelsgleich. Das 'Miserere' ist großartig gelungen, aber beim 'Tu solus' werden jetzt auch beim Tenor Einzelstimmen hörbar, die Homogenität geht verloren. Gut gemeistert wird das 'Amen'.

Zackig geht es los beim 'Credo'. Perfekt koordiniert singt der Chor, die Stelle um 'Homo factus est' ist wunderbar gelungen, auch das 'Crucifixus'. Und der Chor hat da noch einige Reserven. Beim 'Sanctus' verfolgt eine Stimme die nächste im dichtesten Legato. Auch hier zeigt das Bläserensemble Einfühlungsvermögen und Strahlkraft im Piano. Im 'Benedictus' wird dies noch deutlicher bestätigt. Das 'Agnus Dei' als Abschluss verlangt dem Bläserensemble und Chor nochmal viele Facetten ab, Legato, dynamische Kontraste, unterschiedliche Klangfärbungen, heikle Dissonanzen, kraftvolle Steigerungen etc. Die Musiker, Sänger wie Instrumentalisten, meistern die Anforderungen ohne Tadel.

Fazit und Zugabe

Diese Messe wird wegen der hohen Anforderungen nur von wirklich guten Chören gesungen. Durch die Bläserbesetzung bekommt diese Aufnahme etwas ganz Besonderes; es entsteht eine zusätzliche Wärme und gleichzeitig eine Strahlkraft, die der Messe – mit den Worten des Komponisten – Atem verleiht. Die Schwerpunkte im interpretatorischen Zugang von DKM Otto Kargl werden unmittelbar deutlich; man merkt, dass er sehr viel wert auf die Sprache gelegt hat – man versteht jedes Wort. Als I-Tüpfelchen darf man nochmal den Chorklang im 'Locus iste' genießen. Augen zu, sich fallen lassen und die Gänsehaut ist garantiert. Das Beiheft ist in deutscher und englischer Sprache sehr ausführlich gehalten und sogar mit Notenbeispielen zur Verdeutlichung versehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Bruckner, Anton: Messe e-Moll

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Anzahl Medien:
ORF
1
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CD
9004629315430


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ORF

Wer hätte gedacht, dass sich die "ORF Edition Alte Musik" in wenigen Jahren zu einem international renommierten Label entwickelt. Mit vielen Plattenpreisen ausgezeichnet, umfasst die Edition nun hundert Titel. Künstler der Edition feiern mit Freunden und Gästen im Palmenhaus.

"Alte Musik - neu interpretiert"
Die ORF Edition Alte Musik feiert ihren 100. Titel
Zum Jubiläum der «ORF Edition Alte Musik» zu schreiben, heisst zuerst einmal, all denen zu danken, die mitgeholfen haben, die über 100 CD aus der Taufe zu heben, vor allem den Musikern, die ihre ganze künstlerische Kraft gaben und schließlich auch jenen, die die fertigen Produkte gekauft haben. Und das sind viele: so könnte im Schnitt jedes Ö1-Club-Mitglied zwei Titel der Edition besitzen. Ich bedanke mich herzlich!

Ziel dieser Edition ist es, musikalisches Neuland zugänglich zu machen (ich denke hier in erster Linie an die Unica-Reihe, in der bisher ungehobene Schätze veröffentlicht, werden oder die Serie "paradise regained - polyphonie der renaissance") und neben bereits renommierten Künstlern auch Newcomers der Szene zu präsentieren. Die Akzeptanz der Aufnahmen beim Publikum und der Presse ist hoch. Mit vielen internationalen Preisen - wie etwa dem begehrten "diapason d'or" in Frankreich oder den "5 stars" des Goldberg Magazine - ausgezeichnet, ist die Edition heute eines der weltweit führenden Labels für Alte Musik.
Glücklicherweise wurde das Projekt von Anfang an von leidenschaftlichen Menschen, Kollegen, Künstlern und Publikum mitgetragen und gefördert: Gerhard Weis, der als Generalintendant und Händel-Fan die Edition erst ermöglichte, Freunde und Stars wie Nikolaus Harnoncourt, Jordi Savall, William Christie, Marc Minkowski, Christophe Rousset, Ton Koopman, Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt, René Jacobs oder Giovanni Antonini, die das Einverständnis zur Veröffentlichung ihrer Aufnahmen in der Edition gaben und schließlich von den Aufnahmeleitern Wolfgang Sturm, Erich Hofmann und Wolfgang Racher. Ohne den Einsatz, das Interesse an neuen Formaten und unorthodoxen Aufnahmeverfahren und ohne eine große Portion Idealismus von Technikern wie Robert Pavlecka, Josef Schütz und Klaus Wachschütz hätte vieles nicht stattfinden können. So wurden in der Edition die ersten 5.1-surround Aufnahmen und die ersten SACD des ORF veröffentlicht.

Für mich ist freilich dieses Jubiläum ein Anlass, auch über die Zukunft der Edition, ja die Zukunft der sogenannten "Alten Musik" generell nachzudenken. Die medialen Entwicklungen der jüngsten Zeit lassen Böses erahnen. Praktisch jedem wird Werkzeug in die Hand gegeben, um sich mittels Video oder Audio z. B. per Podcast zu verwirklichen. Eine Informations- und Datenflut bricht auf uns herein. Eine gigantische Welle, die wohl zum Großteil zu entsorgenden Müll mit sich schwemmt.
Informationen, die auf allgemeines Desinteresse stoßen, niemanden - außer wenigen - interessieren. Freiheit und Möglichkeit für alle, sich zu produzieren. "Man muss ja nicht hinschauen oder -hören!" - Doch dazu muss der Mensch erst motiviert werden. Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass gerade die Alte Musik mit ihren oft klaren Strukturen, Harmonien und Melodien den Menschen das gibt, was viele suchen: emotionelle Identifikation. Gerade diese Möglichkeit der Identifikation wird in Zukunft an Wert gewinnen, wenn auch Musikkultur immer mehr zur Eventkultur, wenn ganz individuell erkannte und gewonnene Inhalte durch global geprüftes, vorgekautes "Gourmet-Menü" in Frage gestellt werden. "Fast food" oder "Mainstream" wird Alte Musik nie sein! Dass sie weiterhin an Publikum gewinnt, zeigt sich auch an der Akzeptanz der ORF Edition Alte Musik.

Bernhard Trebuch
Herausgeber der ORF Edition Alte Musik


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