> > > Strauss, Richard: Sonatinen für Bläser Nr.1 & 2
Freitag, 19. Juli 2019

Strauss, Richard - Sonatinen für Bläser Nr.1 & 2

Musikalische Verdrängung und Weltflucht


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Enttäuschung sowie den Pessimismus der Kriegsjahre und die Verdrängung der gesellschaftlichen und politischen Situation verarbeitet Richard Strauss in seinen beiden ausdrucksstarken und hier ansprechend umgesetzten Bläsersonatinen.

Richard Strauss’ zwiespältige Haltung zum Nationalsozialismus ist zwar weitläufig bekannt, aber lange noch nicht in Gänze von der Wissenschaft differenziert aufgearbeitet. Dass Strauss als Präsident der Reichsmusikkammer und als höchst angesehener Musiker von der nationalsozialistischen Führung hofiert wurde, drängt doch vielfach in den Hintergrund, dass sich der Komponist und Dirigent aus kultureller Enttäuschung während des Zweiten Weltkriegs zunehmend – sogar im Streit mit den führenden Politikern – vom nationalsozialistischen Regime abwandte und nahezu vollständig in seine eigene private Musikwelt zurückzog.

Richard Strauss hielt Zeit seines Lebens an seiner musikalisch-kulturellen Ideologie fest und erkannte erst, als die wichtigsten kulturellen Institutionen in Trümmern lagen, wie stark die Kriegszerstörungen auch die deutsche Kultur getroffen hatten. Seine persönliche Auseinandersetzung mit den politischen und kulturellen Geschehnissen der Kriegsjahre schlägt sich in seinen Kompositionen aus dieser Zeit nieder. Zu ihnen gehören unter anderen die beiden Bläsersonatinen in F- Dur (1943) und Es-Dur (1944/45), die jeweils für die außergewöhnlich große Besetzung von 16 Bläsern komponiert wurden. Die vordringlich heiter-melancholische Stimmungswelt des 'Rosenkavaliers' durchzieht die beiden symphonisch weit ausgreifenden Werke ohne jedoch den charakteristischen Humor des frühen Strauss komplett zu verdrängen. Die beiden Sonatinen sind ein Vorbild der Instrumentationskunst und Klangvielfalt, in der die zeitlos scheinende Individualität des Komponisten klar zum Ausdruck kommt. Dennoch kam man sich dem Eindruck von Weltschmerz, wenn nicht sogar Weltflucht des deprimierten, einst so hoch angesehenen Komponisten in den beiden Werken kaum entziehen.

Sehr schwelgend und doch eher zurückhaltend interpretiert das Armonia Ensemble den ersten Satz der Sonatine in F-Dur. Die ausgedehnten Phrasen der vier Hörner stehen hier im bewussten Kontrast zur frechen Begleitung der hohen Holzbläser. Das gute, lebhafte Zusammenspiel zählt zur Stärke des Ensembles, das sich vorrangig aus Mitgliedern des Leipziger Gewandhausorchesters zusammensetzt. Der zweite Satz, eine Romanze, kann leider nicht vollständig überzeugen, weil die Phrasen von den Bläsern nicht immer richtig ausgespielt werden und damit ein recht ruheloser Eindruck entsteht. Weitaus wirkungsvoller ist das virtuose, anspruchsvolle Finale der ersten Sonatine, welches die hervorragenden solistischen Fähigkeiten der Interpreten sehr gut zur Geltung kommen lässt.

Einen ähnlich technischen Anspruch stellt auch das 'Allegro con brio' der zweiten Sonatine an die Musiker. Das Ensemble meistert dabei gut die raschen Wechsel, komplexen Motivverflechtungen und die schwierige Rhythmik. Besonders hervorzuheben sind die klanglich erstklassig agierenden und spieltechnisch absolut versierten Klarinetten (Andreas Lehnert und Edgar Heßke) vor allem in der zweiten Sonatine. Auch die vier Hörner sorgen für ein sehr kompaktes, charakteristisches musikalisches Stimmungsbild, in welchem der Rolle des Horns zumeist eine träumerisch-melancholische Rolle zugedacht wird.

Alles in allem ist die vorliegende Aufnahme der spieltechnisch heiklen Werke als gelungen zu bezeichnen, wenn auch kleine Schwächen im Zusammenspiel nicht immer die ganze Raffinesse und den subtilen Ausdruck der Kompositionen vermitteln können. Die Interpretation lässt keinen Zweifel daran, dass den Sonatinen ein gewisser – teils auch durchaus pessimistischer – Verdrängungscharakter eignet, der Strauss’ Leben in den letzten Kriegsjahren prägte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Sonatinen für Bläser Nr.1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
16.05.2014
Medium:
EAN:

CD
885470005768


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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