> > > Westsächisches Symphonieorchester spielt: Werke von Fritz Geißler
Mittwoch, 30. November 2022

Westsächisches Symphonieorchester spielt - Werke von Fritz Geißler

Einhalt dem Vergessen


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Fritz Geißler, geboren 1921 und gestorben 1984, einer der vielseitigsten und schöpferischsten Komponisten der ehemaligen DDR, harrt noch seiner Renaissance. Von den ungefähr 140 Werken, darunter Kantaten, Opern und elf Sinfonien, die Geißler während seines 64jährigen Lebens geschaffen hat, ist seit der Wiedervereinigung kaum noch eines auf den Spielplänen der Konzert- und Opernhäuser zu entdecken. Dies mag bei Werken wie bei dem Oratorium ,Hymne auf Karl Marx' nachvollziehbar sein, für die Ausklammerung seines Gesamtwerkes, etwa der Oper ,Der Zerbrochene Krug' nach Kleist, den Orchesterwerken oder den ,Vier Liebesliedern nach hebräischen Texten' für Sopran und Klavier, gibt es keinerlei Gründe. Das Fehlen Geißlers in den Konzertprogrammen mag auch an der noch vor den Wende erfolgten Etikettierung des späten Geißler als ,Neoromantiker' liegen, andererseits scheint das gänzliche Vergessen aus dem Austausch der gesellschaftlichen Strukturen zu resultieren. Andere ehemalige Komponisten der DDR, denen Geißler in seinem künstlerischen Können mindestens ebenbürtig ist, sind häufiger vertreten, allein dadurch, dass sie noch leben und selbst für öffentliche Präsenz sorgen können.

Gerade einmal sechs Werke von Fritz Geißler sind zur Zeit auf Platte erhältlich, verteilt auf zwei CDs. Die Aufnahme der Reihe ,Zeitgenossen Ost' enthält beispielsweise die technisch und künstlerisch sehr interessante Dritte Sinfonie (1965/66). Hier vollzog Fritz Geißler die Vereinigung von Elementen und Möglichkeiten der Zwölftontechnik, des Punktualismus und Serialismus mit den überlieferten Elementen des Melos und der Entwicklungs- und Durchführungstechnik.
Die beiden auf der vorliegenden CD eingespielten Werke, die ,Sinfonische Suite' und das ,Konzert für Violine und Orchester', scheinen mit ihrer Klarheit, ihrer Vorliebe für spritzige, kecke Melodien und den spielerisch verwendeten Klangfarben zunächst ,konventioneller', doch liegt darunter eine verstörte, tiefer weisende Schicht.

Die ,Sinfonische Suite’ ging 1965 aus der Umarbeitung der vier Jahre zuvor geschaffenen 1. Sinfonie hervor. Sie ähnelt in ihrer poetischen Bildlichkeit, die von lyrischer Idylle über heldenhafte Größe bis hin zur Groteske reicht, eher einer sinfonischen Dichtung als einer Sinfonie. Der warme und volle Klang des Westsächsischen Symphonieorchesters erinnert an das nicht weit entfernte Gewandhausorchester. Das Spiel ist sehr solide, leichte Unschärfen bei den Einsätzen sind kaum zu bemerken. Die gesanglichen Abschnitte sind weich und spannungsvoll einprägsam vorgetragen, die unruhig-grotesken Abschnitte hingegen, beispielsweise im Scherzo oder im ,frechen' Finale, sind nicht genügend akzentuiert und es fehlt an einem übergreifenden Spannungsbogen. Die Strukturen liegen offen, allein das Schlagzeug (Pauken, Kleine und Große Trommel) überdeckt die übrigen Instrumente, aber das mag auch an der nicht immer genügenden Aufnahmetechnik liegen. Diese stößt trotz der nicht sehr großen Besetzung an ihre Grenzen, sobald in der Partitur ein allgemeines Fortissimo auftaucht: dann verschwimmen die Töne zu einem verzerrten Klangbrei.

Ab Mitte der siebziger Jahre suchte Fritz Geißler noch mehr ,den Weg zum Hörer’. So hob er den Dreiklang und das Melodische hervor, ohne den bisherigen ästhetischen Standpunkt und seine Kompositionstechniken aufzugeben. Das ,Konzert für Violine und Orchester’ von 1975/76, gewidmet Felix Mendelssohn Bartholdy und wegen der außerordentlichen technischen Schwierigkeiten für den Solisten erst 1997 uraufgeführt, zeugt hiervon. Jeder Satz des Konzertes hat einen anderen leicht fassbaren Charakter: der erste melancholisch, der zweite humorvoll, aber auch grotesk-sarkastisch, der dritte dramatisch-tragisch. Der vierte ähnelt in Charakter und Aufbau dem Finale des Violinkonzertes e-moll von Mendelssohn-Bartholdy. Mit großer Sicherheit wandelt der Solist Ruben Gazarian durch die Partitur und reißt dabei noch das Westsächsische Symphonieorchester mit sich. Das Orchester zeigt ein überraschend gute Leistung. Die Klangqualität ist besser als bei der ,Sinfonischen Suite', störend ist lediglich gelegentliches Poltern im Vordergrund.

Letztlich bleibt zu wünschen, dass die Werke von Fritz Geissler bald wieder häufiger auf den Konzert- und Opernbühnen zu finden sind. Auch mögen mehr seiner Werke auf Platte veröffentlicht werden. Einige Einspielungen, vor vielen Jahren auf Schallplatte bei Nova, Panton und Eterna erschienen, harren noch der Wiederveröffentlichung auf CD.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Westsächisches Symphonieorchester spielt: Werke von Fritz Geißler

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Querstand
1
53:36
1997
2002
Medium:
BestellNr.:
CD
VKJK 0224

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Geißler, Fritz


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Orchester/Ensemble:Westsächisches Symphonieorchester


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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