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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Franz Schubert: Lazarus D689 - oder: Die Feier der Auferstehung

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Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frieder Bernius führte Schuberts unvollendeten 'Lazarus' in Leipzig in der hinterlassenen Torso-Form auf. Neben der orchestralen Ausarbeitung beeindrucken vor allem die weiblichen Solisten.

Die Aufführungsmöglichkeit katholischer Oratorien in Wien um 1820 war eine sehr eingeschränkte – anders als im protestantischen Deutschland waren kirchliche Oratorienaufführungen strikt verboten –, 1817 kam ein explizites Verbot auch ‚szenischer Oratorien‘ hinzu. So bleibt unklar, zu welchem Anlass Franz Schubert 1820 mit der Arbeit an 'Lazarus, oder: Die Feier der Auferstehung' begann. Möglicherweise ist die Komposition mit den zwei evangelischen Gemeinden in Wien in Verbindung zu bringen. Ostern 1820 sollte im k. k. Österreich erstmals eine Fakultät zur Ausbildung protestantischer Theologen eröffnet werden. Dieses Ereignis verzögerte sich dann aber bis ins Jahr 1821, und es mag sein, dass Schubert seine Komposition zu diesem Zeitpunkt bereits längst ad acta gelegt hatte. So entstand nur knapp die Hälfte der Komposition; der im Untertitel genannte Teil des Werks blieb unvertont ebenso wie das Ende des zweiten der drei Teile (oder ‚Handlungen‘, wie der Librettist August Heinrich Niemeyer 1778 in seinem ‚Religiösen Drama‘ geschrieben hatte). Die Komposition endet mit der Grablegung Lazarus‘ und einer expressiven Arie seiner Schwester Martha, die ihrem Bruder in den Tod folgen will.

1994 begab sich Edison Denisov, beauftragt durch Helmuth Rilling, an die Komplettierung von Schuberts Fragment (das Ergebnis ist ein teilweise geradezu neohistoristisch anmutendes Objekt, das weder versucht, Schuberts Stil detailliert zu imitieren, noch in starken Kontrast zu diesem tritt; so wird ein allzu harter Bruch zu Schuberts Stil vermieden, und dennoch ist klar, dass hier ein anderer weiterschreibt) – die 1996 entstandene Einspielung errang den ECHO Klassik. Ein anderer in Stuttgart ansässiger Dirigent, Frieder Bernius, ist nun zum Original zurückgegangen und hat die erste historisch informierte Einspielung des Torso vorgelegt, mit seinem Kammerchor Stuttgart und seiner Stuttgarter Hofkapelle. Der hier vorliegende Aufführungsmitschnitt entstand am 18. Juni 2013 in der Nikolaikirche Leipzig im Rahmen des Bachfestes.

Gleich von den ersten Takten befinden wir uns in einer gänzlich anderen Welt als in den bisherigen Interpretationen. Viel lichter und klangfarbenreicher ist die Darbietung der Stuttgarter Hofkapelle. Nun ist der Orchesterpart über viele Stellen ausgesprochen zurückhaltend instrumentiert, und dennoch gelingt es Bernius, das Orchester zum Protagonisten zu machen.

Der hohen Qualität des Orchesters entsprechen leider nicht alle Solisten. Andreas Wellers Tenor hat etwas von seiner Rundung verloren, Vibrato beeinträchtigt gelegentlich die klare melodische Linie. Ebenfalls bereits zum Vibrato neigt der Tenor Tilman Lichdi als Nathanael; der eher kühlen, fast ‚weißen‘ Stimme mangelt es noch ein wenig an dramatischer Tiefe. Hierauf kann, trotz Bernius‘ insgesamt vornehmlich lyrischen Ansatzes, der Bariton Tobias Berndt als Simon zurückgreifen. Ihm gelingt es, lyrische und dramatische Aspekte zu verbinden. Als Lazarus‘ Schwestern leisten Johanna Winkel und Sarah Wegener weitgehend Vorbildliches, mit herrlicher Phrasierung und einem äußerst differenzierten dynamischen Spektrum sowie mit einer veritablen Verwandtschaft im Timbre. Winkel verleiht der Martha mit leidenschaftlicher Stimme ein ausgesprochen menschliches Gewand, während Wegener die Maria etwas lyrischer anlegt (nur in der extremen Tiefe hat sie geringe Schwierigkeiten). Die Altistin Sophie Harmsen als Jemina komplettiert das Damentrio, und es ist umso bedauerlicher, dass die Tenöre den drei Damen nicht ebenbürtig sind. Von vollendeter Schönheit komplettiert der Stuttgarter Kammerchor die Besetzung.

Gerade wenn im Liveerlebnis der Torso endet und gut einminütiger Beifall folgt, bedauert der Hörer umso mehr, dass die Komposition nicht vollendet wurde. Die Aufführung wurde vom MDR mitgeschnitten, die Aufnahmequalität ist gut, aber nicht ganz nebengeräuschfrei. Das komplett deutsch-englisch-zweisprachige Booklet lässt keine Wünsche offen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Franz Schubert: Lazarus D689: oder: Die Feier der Auferstehung

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.04.2014
071:07
2013
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4009350832930
8329300


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"Nach der preisgekrönten Ersteinspielung von Franz Schuberts Oper Sakontala widmet sich Frieder Bernius nun dessem Oratorium Lazarus (D 689). Obwohl nur als Fragment erhalten, wird Lazarus aufgrund der rezitativisch-ariosen Form oft als Vorläuferkomposition von Wagners Parsifal angesehen und findet sich bis heute in den Spielplänen. Bei der Liveaufnahme vom Bachfest Leipzig 2013 wurde Bernius von namhaften Solisten sowie dem Kammerchor Stuttgart und der Hofkapelle Stuttgart unterstützt."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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