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Dienstag, 29. September 2020

Schubert, Franz - Dunkle Lichter

Schubert trifft Wiegand


Label/Verlag: Es-Dur
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schuberts Oktett und Wiegands Neukomposition scheinen nur entfernt miteinander verwandt, treten sich aber - wie der Titel suggeriert - im spannungsreichen und sensibel austarierten Spiel mit Klangfarben gegenüber.

Kombiniert man ein großformatiges Kammermusikwerk wie Schuberts Oktett in F-Dur (D 803) mit einer nur knapp achtminütigen Ersteinspielung eines zeitgenössischen Werkes wie in dieser Produktion aus dem Hause Es-Dur, kann das einige interessante Fragen aufwerfen und Blickwinkel auftun. Insbesondere dann, wenn die Komposition des 1970 in Chemnitz geborenen Mario Wiegand als Namensgeber der gesamten Aufnahme fungiert und sie Franz Schubert durch die eigene Zeitgenossenschaft in einen anderen Kontext überführt. Allein die instrumentale Besetzung und ihr Produktionsumstand verbindet beide Kompositionen; als Auftragswerke reagieren sie auf schon Dagewesenes.

Das achtköpfige Ensemble, bestehend aus Musikern des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin überzeugt mit einer klangschönen Einspielung der anspruchsvollen Kompositionen. Mit größter Sensibilität stimmen sich Streichergruppe (Philipp Beckert, Franziska Drechsel, Violinen; Andreas Willwohl, Viola; So Yung Lee/Konstanze von Gutzeit, Violoncello; Iris Ahrens, Kontrabass) und Bläsertrio (Oliver Link, Klarinette; Uwe Holjewilken, Horn; Sung Kwon You, Fagott) zu einer sauber intonierten und klanglich schlank wirkenden Interpretation ab. Die klangliche Intensität der im Ganzen dicht miteinander verwobenen und hervorragend ausbalancierten Stimmen entfaltet ihre Blüte besonders in leisen Passagen voller Innigkeit - etwa im 'Adagio', wenn die Klarinette ihre zarte Melodie mit wunderbar warmem Klang exponiert und sich die dialogisierenden Solisten in fein gesponnenen Phrasen profilieren. Erwähnenswert ist besonders auch die Qualität der Interpreten in begleitender Funktion, indem Tonrepetitionen und Liegetöne durchweg zu einem flexiblen und plastisch-tiefendimensionalen Geflecht herausgearbeitet werden.

Weitet Schubert den harmonischen Ambitus bereits auf ein ‚Dreitonartensystem‘ aus und nähert sich in Durchführungen den tonalitätsschwächenden Wegen der Ganztonskala an, führt Wiegand dann die dramatischen Final-Tremoli und schillernden Flageoletts in einen Raum gespenstisch-flackernder Streicherstimmen. Nach Abschluss des fulminanten Schubert-Finales voll gewaltiger Abgründe, opulenter Akkorde wahrhaft orchestraler Klangfülle und surreal anmutender Heiterkeit im Final-Allegro wirkt die folgende Neukomposition wie ein großer Kontrast und in lichternde Sphären überhöhte Ergänzung zugleich. Aus dem verdichteten Satz lösen sich immer wieder thematische Gedanken: transparente Kantilenen der melodietragenden Stimmen (auch hier die erste Violine, die Klarinette und das Horn), die sich dann zu expressiven, rhythmisch parallel geführten Tutti verdichten. Hier entfalten sich Farb- und Lichtwirkungen durch Reduktion, Schichtung und Neukombination verschiedener Instrumente. Wiegands kompositorisches Vorgehen jenseits historisierender und restituierender Tendenzen ist hochinteressant und lässt das Schubertsche Oktett in einem anderen Licht erscheinen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Jasemin Khaleli Kritik von Jasemin Khaleli,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Dunkle Lichter

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Es-Dur
1
25.04.2014
Medium:
EAN:

CD
4015372820510


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Es-Dur

ES-DUR ist ein Label für klassische und zeitgenössische Musik mit Sitz in Hamburg. Das Label wurde 1992 zusammen mit dem Label CHARADE vom Tonmeister Eberhard Schnellen gegründet und erwarb sich aufgrund der herausragenden künstlerischen und technischen Qualität der mittlerweile rund 50 Veröffentlichungen schnell einen sehr guten Ruf. Im Frühjahr 2011 übergab Eberhard Schnellen die Führung des Labels in die Hände seiner langjährigen Mitarbeiter Karola Parry und Udo Potratz, beide ebenfalls Tonmeister.

ES-DUR bietet sorgfältig produzierte Editionen wie die Kammermusikreihe mit David Geringas und Tatjana Schatz. Im Rahmen dieser Reihe legte David Geringas im November 2011 mit GERINGAS PLAYS BACH PLUS eine außergewöhnliche Einspielung der Cello-Suiten von J.S.Bach vor, die in der Presse überaus positiv aufgenommen wurde.

Die Reihe MUSIK AM GOTHAER HOF mit der Thüringen Philharmonie Gotha unter Herrman Breuer und bekannten Solisten wie Antje Weithaas, Jens Peter Maintz oder Michael Sanderling reflektiert das reiche musikalische Schaffen der Komponisten vom Gothaer Hof wie Louis Spohr, Georg Anton Benda und Andreas Romberg und wurde in der Fachpresse mit höchstem Lob bedacht.

Der ES-DUR-Katalog repräsentiert den Reichtum und die Vielfalt der Musikgeschichte und Gattungen, großen Raum finden aber auch die spannenden musikalischen Entwicklungen der Gegenwart - der Klang unserer Zeit.


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