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Montag, 3. August 2020

Keiser, Reinhard - Brockes - Passion

Alternative


Label/Verlag: Ramée
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Brockes-Passion von Reinhard Keiser in einer sehr eleganten Einspielung mit den belgischen Ensembles Les Muffatti und Vox Luminis. Ein wichtiger Impuls für das Repertoire.

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) schuf mit dem 1712 veröffentlichten ‚Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus‘ einen Passionstext, der seine komponierenden Zeitgenossen in höchstem Maße inspirierte und auch beim Publikum verfing. Heutigen Ohren kann diese Mischung aus pietistischer Entschiedenheit, bildhafter Drastik und blumiger barocker Poesie seltsam und fremd scheinen, was die Rezeption der nach dem Textdichter so genannten Brockes-Passionen in der Gegenwart auch insgesamt belasten mag. Zu Brockes‘ Zeiten war das durchaus anders: Die erste Vertonung in einer prominenten Reihe lieferte 1712 Reinhard Keiser (1674-1739), dessen zweistündiges Werk einen hohen Maßstab für seine komponierenden Zeitgenossen setzte. Nach ihm verhalfen in den Folgejahren so prominente Meister wie Telemann, Händel, Mattheson, Stölzel oder Fasch Brockes‘ Text zu einiger Verbreitung.

Die belgischen Ensembles Les Muffatti und Vox Luminis legen nun Keisers Passionsoratorium in einer noblen Einspielung vor und plädieren deutlich für den Hamburger, der bislang immerhin als inspirierter und wegweisender Opernkomponist wieder in seine Rechte eingesetzt war. Und die Begegnung mit Keiser lohnt sich: Seine Musik ist erstklassig, reif, mit einer Fülle dramatischer Akzente, die den versierten Bühnenkünstler verraten, aber auch mit wunderbarer Empfindung, die dem windungsreichen Text sensibel Geltung verschafft. Es sind sehr wenige ausgedehntere Arien zu hören – die mit Abstand längste dauert gerade fünf Minuten. Dennoch zerfällt das Geschehen nicht in eine Folge kleiner Teile, weil Keiser im Ablauf des Passionsgeschehens immer wieder in sich geschlossene Szenen komponiert, die inhaltlich und musikalisch-motivisch eng verklammert sind und wie kleine Kantaten im Gesamtkontext wirken.

Keisers Musik wirkt insgesamt affektiv sehr klar, unmittelbar verständlich und wirksam – ist nicht mit Struktur überladen, entfaltet sich immer in einer sehr konkreten Ausdruckssituation. Die Linien in den Arien sind sehr gesanglich, wenn auch im Sinne des Ausdrucks durchaus virtuos ausgestaltet, dazu gibt es neben den Soli auch etliche klug disponierte dialogische und Ensemblekonstellationen. Rezitativisch ist das Geschehen klar und ausdrucksstark, durchaus variantenreich und harmonisch vielfältig, wenn auch nicht vertrackt. Im Orchestersatz, der wohl auch wegen der eher kammermusikalischen Situation der privaten Uraufführung im Hause Brockes‘ vergleichsweise licht gehalten ist, fallen Eleganz und kluger Einsatz der möglichen Varianten auf: Eine sehr dezidiert gebrachte Traversflöte kann erstaunliche Wirkungen entfalten.

Immerhin am Rande bemerkenswert: Bei aller solistischen Dominanz – dem Chor fallen wenige Zwischenrufe und chorale Reflektionen zu – ist es interessant, das Keiser kein einziges Altsolo vorsieht. Insgesamt fallen nicht die ganz großen, individuellen, prägnanten Einzelsätze auf: Ohrwurmpotenzial hat diese Passion nicht. Vielleicht steht auch der stilistisch immer wieder weichzeichnende Text dem klar gefassten Höhepunkt etwas entgegen – jedenfalls beeinflusst das die Komposition spürbar: Sie überzeugt vor allem mit ihrer künstlerischen Geschlossenheit und Qualität.

Einfühlsame Interpreten

Das Instrumentalensemble Les Muffatti mit seinem Leiter Peter Van Heyghen hat sich im barocken Repertoire ebenso vernehmlich präsentiert wie die Vokalformation Vox Luminis mit Lionel Meunier. Und sie finden hier gemeinsam zu einem feinen Ton, zu einer erlesenen Interpretation, die das Feine betont, die Differenz ausleuchtet.

Den Evangelisten singt Jan Van Elsacker mit angenehm schlanker, beweglicher Stimme, in deutlicher Diktion, die allerdings etwas künstlich und abgezirkelt wirkt. Klanglich greift der im Vergleich zu den oratorischen Passionen Bachs weit weniger beschäftigte Evangelist die Eleganz der Musik sehr überzeugend auf. Peter Kooij singt die Jesus-Partie eloquent und würdig, entgeht auch der durchaus gegebenen Gefahr der völligen Vermenschlichung der Jesus-Figur bei Brockes: Jesus wird auch arios als Zweifelnder, Verzagender gefordert. Als Tochter Zion bewältigt die Sopranistin Zsuszi Tóth einen besonders großen vokalen Anteil mit klarer Leichtigkeit, in ausgeglichenen Registern und auf herausragender technischer Basis: Was Keiser an Geläufigkeit fordert, ist nicht wenig und wird von Tóth mühelos präsentiert.

Das Vokalensemble singt seine Parts schlank, mit lichter Präsenz, ganz der einfachen Geste der meisten Sätze entsprechend. Aus der Formation löst sich die Vielzahl der weiteren Soli: Neben Kaiphas, Pilatus, den Mägden und Petrus kommen auch Judas, Johannes, Jakobus, der Hauptmann, ein Kriegsknecht und als integrative Größe in verschiedenen Stimmlagen die Gläubige Seele zu Wort. All das gerät sehr homogen und überzeugend, in der fein dosierten dramatischen Geste vielleicht am klarsten bei den Tenören Fernando Guimarães und Robert Buckland.

Les Muffatti präsentieren sich als feines Ensemble, vor allem auffällig mit ebenso elegantem wie präzisem Basso continuo, der das Geschehen klar strukturiert, klangvoll und perkussiv. Auch alle weiteren Beiträge gelingen absolut idiomatisch und zutreffend. Das Klangbild ist klar und erwärmt, wirkt plastisch, gut balanciert und trägt den intimen Gesamtansatz Keisers gelungen mit.

Reinhard Keisers Brockes-Passion ist musikhistorisch ganz gewiss ein Schlüsselwerk. Dass sie sich auch rein musikalisch absolut lohnt, zeigen Les Muffatti und Vox Luminis ganz deutlich. Einziges Manko ist die insgesamt – am Beispiel des Evangelisten wurde das schon angemerkt – etwas unnatürliche, wenn auch nicht unklare Diktion. Bei einem Werk, das so deutlich textmotiviert ist, fällt das immerhin spürbar ins Gewicht. Peter Kooij ist hier die Positiverscheinung und macht klar: Ein schwieriger Text kann nur mit absolut natürlicher Sprache zur Geltung gebracht werden.

Dennoch: Wer seine Erfahrungen mit Bachs Passionen für einen Moment zurückstellen mag, wird mit dem Genuss einer ästhetisch erstaunlich modernen und expressiven Passion belohnt, die sich vor ihren bekannteren Nachfolgewerken aus den Federn Telemanns oder Händels absolut nicht zu verstecken braucht. Ein unbedingt lohnender Beitrag zum Repertoire.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Keiser, Reinhard: Brockes - Passion

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ramée
2
04.04.2014
Medium:
EAN:

CD
4250128513036


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Ramée

Das Label RAMÉE wurde im Jahre 2004 von Rainer Arndt gegründet.
In den ersten vier Jahren seiner Existenz hat sich RAMÉE bereits als eine vielbeachtete Marke am CD-Markt der Alten Musik etabliert. Etliche Veröffentlichungen des noch kleinen Katalogs haben das Lob von Fachpresse und Publikum gefunden und sind mit Preisen prämiert worden. Sechs bis acht »handverlesene« Produktionen pro Jahr des Ein-Mann-Betriebes konzentrieren sich vor allem auf selten oder noch nicht eingespielte Literatur der Alten Musik oder auf bekanntere Werke in neuen und ungewöhnlichen Interpretationen.
Dabei werden nicht nur höchste Ansprüche an die Aufnahme selbst gestellt, sondern ebenso an die graphischen und taktilen Eigenschaften der Hülle sowie an die literarische und wissenschaftliche Qualität des Textheftes: RAMÉE-CDs sollen poetische Objekte als Ganzes sein, denn das Vergnügen des Ohres ist untrennbar mit dem des Auges und der Hand verbunden. Eine Edition für anspruchsvolle Liebhaber guter Musik!


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