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Samstag, 4. Februar 2023

Sibelius, Jean - Sämtliche Sinfonien

Erforschung sinfonischer Räume


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit ihrer Interpretation der sieben Sinfonien von Jean Sibelius gelingt John Storgårds und der BBC Philharmonic eine kleine musikalische Sensation.

Gesamtaufnahmen der Sinfonien von Jean Sibelius sind beileibe keine Seltenheit. Diese bei Chandos erschienene Neueinspielung mit der BBC Philharmonic unter Leitung von John Storgårds hat es allerdings in sich und hebt sich positiv von vielen anderen Interpretationen ab. Warum dies so ist, vermag etwa der Beginn der Sinfonie Nr. 1 e-Moll op. 39 zu verdeutlichen: Der Kopfsatz erwächst ganz allmählich aus der behutsam geformten Klarinettenmelodie heraus, die durch fast unmerkliche Anlagerung anderer Instrumentalfarben Schatten zu werfen beginnt, bevor sie in das Hauptthema mündet. Selbst dann bleibt die Musik aber – den Ausdruck des Beginns fortsetzend – schlicht und gelegentlich sogar distanziert im Klang, was die immer wieder eintretenden Momente des Aufblühens umso stärker macht.

Dass dieser Zugang ganz im Dienst des Aufbaus von Spannungsbögen steht, macht der Beginn der Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43 deutlich: Hier formt Storgårds – unter Zuhilfenahme der Artikulation in den begleitenden Streichern – die Kantilenen sehr plastisch und sorgt mit den Spannungspausen und dem darauf bezogenen Stocken und Innehalten für permanent wechselnde Spannungszustände. Die solchermaßen erzeugte Flexibilität ist auch für andere Stellen charakteristisch: Ein besonders schönes Beispiel ist Pizzicato-Begleitung zu den Flöten und Klarinetten im 'Andantino'-Satz von op. 43. Extrem differenziert geht Storgårds jedoch auch mit den Staccati und Pizzicati im 'Andante'-Mittelsatz der Fünften Sinfonie um, wo auch die ‚marcato’-Läufe und die unterschiedlichen Arten des Legatos und des Abphrasierens von melodischen Bögen von einem selten zu hörenden Umgang mit dem Notentext zeugen.

Die Dynamik der Werke ist weit ausgelotet, Blechbläsereinsätze ragen oft wie Skulpturen aus dem Gesamtklang heraus, und die satzübergreifenden Motive sind, wie in der Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43, extrem gut herausgearbeitet. Dass Storgårds sich dabei, wie im Finale von op. 43, nicht in Überschwang verfängt, sondern in der Zurücknahme eine angenehme Distanz erkennen lässt, macht die Aufnahme besonders spannend. Diese Strategie der Zurückhaltung bei gleichzeitigem Blick auf die satztechnischen Details zahlt sich aus und prägt den Zugang zu allen Sinfonien, denn gerade der Verzicht auf übermäßige Emphase dient dem Aufbau von Spannung. Doch auch die heiteren Elemente – die Stimmung im Kopfsatz der Zweiten Sinfonie, der bukolische Charakter des Kopfsatzes aus der Sinfonie Nr. 3 C-Dur op. 52 oder des zweiten Satzes aus der Sinfonie Nr. 4 a-Moll op. 63 – werden von den Beteiligten spannend umgesetzt.

Besonders überzeugend gerät die Aufnahme jedoch immer dort, wo Sibelius unterschiedliche rhythmische Schichten übereinander schichtet, wie er dies am Ende der Kopfsätze von op. 39 oder op. 43 tut. Storgårds schafft es an solchen Stellen bei der Darstellung der miteinander konfrontierten Klangschichten das Gefühl von Fremdheit zu verstärken, indem er das Fehlen vermittelnder Elemente herausstreicht und es als Impuls für den dramaturgischen Aufbau von Höhepunkten ausnutzt. Wenn dann noch, wie im dritten Satz der Vierten Sinfonie, ein schwebender, verschleiernder Umgang mit der Rhythmik (in den tiefen Stimmen Synkopen, in den hohen hingegen Triolen mit Verschiebungen) hinzutritt, gelingt den Ausführenden mit tatkräftiger Unterstützung des Tontechnikers eine ungemein faszinierende und in höchstem Maße räumlich wirkende, dabei von Präzision geprägte Formung der Musik. Selten ist die Erforschung der sinfonischen Räume in den Sinfonien von Sibelius so plastisch zu erleben gewesen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sibelius, Jean: Sämtliche Sinfonien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
3
04.04.2014
Medium:
EAN:

CD
095115180921


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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