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Samstag, 4. Februar 2023

Liebeslieder - dem ensemble recherche gewidmet

Auf der Suche nach dem Liebeslied


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine Projekt-CD des ensemble recherche entpuppt sich als abwechslungsreiches Panorama zeitgenössischen Komponierens.

Als eines der produktivsten Ensembles der deutschen Neuen-Musik-Szene überzeugt das ensemble recherche immer wieder mit außergewöhnlichen Projekten. Zu den wohl nachhaltigsten gehörte in der Vergangenheit das ‚Witten In Nomine Broken Consort Book‘, das 2004 beim Label Kairos veröffentlicht wurde und Einzelstücke zahlreicher Komponisten enthielt: Den Leitgedanken für neu entstehende Werke markierte damals die auf die englische Musik des 16. und 17. Jahrhunderts zurückgehende Tradition der Fertigung so genannter ‚In nomine‘-Kompositionen – eine Tradition, die sich im wesentlichen darauf gründete, dass ein Komponist seine musikalisch-handwerklichen Fähigkeiten unter Beweis stellte, indem er eine bekannte Melodie oder einen mehrstimmigen Werkausschnitt als Modell übernahm und in einem eigenen Werk kunstvoll ausarbeitete. Das neueste Projekt haben sich die Musikerinnen und Musiker zu ihrem 25jährigen Ensemblejubiläum im Jahr 2010 ausgedacht: Um das Thema ‚Liebeslied‘ geht es diesmal – und damit auch um die Frage, wie man sich unter den Bedingungen heutigen Komponierens künstlerisch damit auseinandersetzen kann.

Die Resonanz bei den angefragten Komponistinnen und Komponisten war sehr groß und hat bis heute zahlreiche Werke nach sich gezogen; eine Auswahl von 30 Stücken – zwischen 40 Sekunden und knapp 13 Minuten lang – fanden den Weg auf die vorliegende Doppel-CD aus dem Hause Wergo. Die Sammlung dokumentiert einerseits das teils sehr fantasiereiche Bemühen um die kompositorische Auseinandersetzung mit der Liebeslied-Thematik, das sich auf die unterschiedlichsten Spielarten von Liebe – von der ‚Agape‘ als selbstloser Hingabe bis hin zu dem in musikalischen Entsprechungen abgehandelten ‚Eros‘, von der Zuneigung der Komponisten zum befreundeten Ensemble bis hin zur Reflexion über das Kamasutra – einlässt. Andererseits liefert sie aber auch – die ganze Bandbreite von Solonummern mit Begleitung über Trio- und Quartettbesetzungen bis hin zu Stücken in Ensemblestärke einbeziehend – prägnante klingende Visitenkarten, in zumeist wichtige Kennzeichen des jeweiligen Individualstil miniaturhaft aufbewahrt sind. Damit wird die Produktion zugleich zu einem überraschend vielfältigen Panorama der stilistischen Breite heutigen Komponierens.

Da ist beispielsweise Lucia Ronchettis (*1963) ironische, voller Energie steckende Komposition 'Rosso pompeiano. Scherzo for ensemble' (2010), die mit Klezmer- und Folkloreklänge arbeitet und zugleich den italienischen Schlager der 1950er Jahre beschwört. Ganz anders schafft François Sarhan (*1972) mit 'scènes d’amour' (2010) ein assoziationsreiches Hörstück, indem er eine Klangcollage aus Liebesszenen der Filmgeschichte und einzelnen Fragmenten aus Opernarien durch instrumentale Improvisationen begleiten lässt. Georg Kröll (*1934) wiederum rückt in seinem Stück '… mit innigster Empfindung' (2010) einen lyrischen Einfall des Englischhorns in den Mittelpunkt, während Carola Bauckholt (*1959) in 'Liebeslied' ihre Musik klanglich einem stilisierten Naturbild annähert und Fabio Nieder (*1957) in 'Der SCHUH auf dem WEG zum SATURNIO' (2010) mit klaren, transparenten Klängen eine Art musikalische Geschichte formt.

Dass die Werke den Interpretinnen und Interpreten des Ensembles auf den Leib geschrieben sind, kann man vor allem dort bemerken, wo die Perfektion der Musiker gefordert ist oder einzelne Instrumente auf besondere Weise heraustreten. So versteckt sich etwa hinter dem 'Lovesong' (2010) von Chaya Czernowin (*1957) eine virtuose Ensembletextur aus Klängen und Geräuschen, die den Musikern alles abverlangt und zugleich eine Verbeugung vor deren Fähigkeiten ist. Witzig ist die skizzenhafte Studie 'An die Musik. Poem – Liebesradierung' (2009) von Nicolaus A. Huber (*1939), deren Klang und das Hantieren mit Transparentpapier eine hier leider nur erahnbare visuelle Ebene heraufbeschwört. Nicht alles ist dermaßen originell: Salvatore Sciarrino (*1947) macht es sich beispielsweise mit einer Transkription von Mozarts Adagio für Glasharmonika KV 356 (817a) besonders einfach, und auch Georg Friedrich Haas (*1953) bringt mit 'Liebeslied 1, Liebeslied 2, Liebeslied 3' (2010) einen wenig erfinderischen Auszug aus der Komposition 'Aus.Weg' (2010) an den Start. Das ändert aber nichts daran, dass die Zusammenstellung in ihrer Gesamtheit außerordentlich gelungen ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Liebeslieder: dem ensemble recherche gewidmet

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
WERGO
2
28.03.2014
145:35
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4010228679229
WER 67922


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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