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Dienstag, 19. März 2019

Tanejew, Sergej - Piano Chamber Music

Gewaltige Dimensionen


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Etwas einhören muss man sich in Tanejews Kammermusik schon. Doch die hervorragende Interpretation macht einem das leicht.

Der erste Satz ist ein Brocken von in der Kammermusik nicht eben alltäglichen Dimensionen. Fast 20 Minuten muss man sich durch den, nun ja, etwas sperrigen und in jeder Hinsicht gewaltig ausladenden Kopfsatz von Sergej Tanejews Klavierquintett g-Moll op. 30 kämpfen. Zwischen langsamer Einleitung und Stretta-Schluss liegt ein thematisch zwar prägnanter und äußerst kraftvoller, aber dennoch ziemlich spröder Satz – und das ist nur der erste eines Werkes von fast 45 Minuten.

Die junge Pianistin der Aufnahme, Anna Zassimova veröffentlicht seit einigen Jahren Platten, die ihr nicht unbedingt große Berühmtheit einbringen werden, dafür aber ausgesprochen spannende Nischen ausleuchten. Schwerpunkt ihrer Arbeit war bisher der russische Komponist Georges Catoire, und eben dem ist dieses 1910/11 entstandene Klavierquintett Sergej Tanejews gewidmet. Catoire war einer der Schüler Tanejews, der als der bedeutendste Kompositionslehrer Russlands gelten kann.

Immer wieder wurde Sergej Tanejew, dem Professor des Moskauer Konservatoriums, eine akademisch trockene Schreibweise vorgeworfen und immer wieder erfährt man von diesem Vorwurf erst dort, wo er dementiert wird. Tatsächlich kann man diese Einschätzung kaum teilen angesichts eines so quirlig-lebhaften und virtuosen Satzes wie dem Presto-Scherzo und seinem überraschenden ‚Moderato teneramente‘-Einschub. In diesem Trioteil des Satzes befindet sich in der bereits 2011 entstandenen Aufnahme ein hörbarer Schnitt. Die Interpreten haben sich für einen weniger rasanten und knackigen Ansatz entschieden als die einer gut zehn Jahre alten Konkurrenzaufnahme in der stellar anmutenden Besetzung mit Michail Pletnev, Vadim Repin, Ilja Gringolts, Nobuko Imai und Lynn Harrell oder auch die einer sogar etwas jüngeren, aber bereits letztes Jahr erschienenen Einspielung mit Piers Lane und dem Goldner String Quartet.

Auch die Sätze drei und vier sind Tanejew beeindruckend gelungen; der langsame Satz als Chaconne, das Finale als monumentaler Schluss inklusive krönender Glockenklänge. Ebenso beeindruckend ist das Ensemblespiel der Interpreten Anna Zassimova, Albrecht Breuninger, Stefan Krznaric, Julien Heichelbech und Bernhard Lörcher in dieser äußerst komplexen und technisch schwierigen Struktur. Zu rühmen ist außerdem der sehr angenehme und hinreichend transparente Klang der Aufnahme, die vom SWR verwirklicht wurde.

Das überdimensionale Quintett füllt allerdings nur die erste von zwei CDs, auf der anderen befinden sich noch ein Klavierquartett und ein Klaviertrio Tanejews. So manche andere Aufnahme (man wundere sich nicht: Tanejews Werke sind in verhältnismäßig vielen Aufnahmen erhältlich) wie im Falle des Quartetts etwa durch das Ames Piano Quartet (aufgenommen 2000) können mit der Neuproduktion nicht konkurrieren. Gleich in den ersten Takten des Klavierquartetts E-Dur op. 20 machen die Streicher mit kräftigem, gespanntem und vibrierendem Ton klar, wo es hingeht. Die epischen Seiten des Werkes werden mit großem Ton ausgekostet. Glücklicherweise gelingt den Interpreten die lyrische Seite ebenso gut. Reichlich Gelegenheit bietet da der besonders schöne, sehr ruhig interpretierte zweite Satz mit seinem zarten Thema. Das kann sich zwar immer wieder auch gewaltig aufbäumen, und die Musiker halten sich da keineswegs zurück, doch umso deutlicher tritt der Kontrast hervor.

Vorzüglich spielen die Interpreten das Finale, das fast so umfangreich ist wie der Kopfsatz des Quintetts. Ausgesprochen transparent und plastisch gestaltet, dabei aber überaus energisch und schwungvoll, und das bekommt dem Satz voller kontrapunktischer Kniffe inklusive einer kleinen Fuge sehr gut. Schließlich kehrt am Schluss das wunderschöne Thema des langsamen Satzes wieder, von dem Tanejew offenbar nicht genug bekommen kann. Das ist ja auch kein Wunder bei einem solchen Einfall. ‚Moderato serafico‘ bezeichnet Tanejew diesen letzten Abschnitt des Werkes, und etwas fast Jenseitiges oder Spirituelles hat er auch tatsächlich, zumal in einer klanglich so schönen Aufnahme wie hier.

Im Klaviertrio D-Dur op. 22 schlagen Anna Zassimova, Albrecht Breuninger und Bernhard Lörcher ein flottes Tempo für das eröffnende 'Allegro' an, das sie im Verlaufe des Satzes flexibel gestalten. Zumeist herrscht ein drängender Charakter, der dem Satz gut steht. Auch das Scherzo und der langsame Satz sind in ihrem Charakter perfekt erfasst: Flott, teils witzig und teils kraftvoll der eine, ruhig und zart der andere. Dabei gelingen die wechselnden Klangfarben besonders gut und die Tempi wirken stimmig.

Das Finale des Trios ist ungewöhnlich leichtfüßig gehalten. Dem werden die Interpreten besonders gut gerecht durch sehr präzise Artikulation und perlendes Spiel; der Satz bleibt außerordentlich transparent. Auch der unvermittelte Wechsel zu gelegentlichen aufgewühlteren Stimmungen gelingt sehr gut. Insgesamt kann man die Produktion dieser drei großen Kammermusikwerke Tanejews nur in den höchsten Tönen loben.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tanejew, Sergej: Piano Chamber Music

Label:
Anzahl Medien:
cpo
2
EAN:

761203779321


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Tanejew, Sergej
 - Piano Quintet op. 30 in G minor for 2 Violins, Viola, Violoncello & Piano - Introduzione. Adagio mesto - Allegro patetico
 - Piano Quintet op. 30 in G minor for 2 Violins, Viola, Violoncello & Piano - Presto
 - Piano Quintet op. 30 in G minor for 2 Violins, Viola, Violoncello & Piano - Largo
 - Piano Quintet op. 30 in G minor for 2 Violins, Viola, Violoncello & Piano - Allegro vivace


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Interpret(en):Breuninger, Albrecht Laurent
Zassimova, Anna
Krznaric, Stefan
Heichelbech, Julien
Lörcher, Bernhard


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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