> > > Strawinsky, Igor: Die Geschichte vom Soldaten
Samstag, 10. Dezember 2022

Strawinsky, Igor - Die Geschichte vom Soldaten

Interaktive Aufführung


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Dokumentation einer Aufführung von Igor Strawinskys 'Geschichte vom Soldaten' mit interaktiver Videoleinwand enthält einige interessant, aber auch einige problematische Momente.

Die vorliegende DVD von Arthaus Musik führt auf der Hülle gleich die guten Pressekritiken mit – kann man doch auf der Rückseite etwas von einer ‚perfekten Verschmelzung von Animation und Schauspiel‘ und einem ‚neuen Kapitel in der Musiktheater-Geschichte‘ lesen – was die Erwartungen weit in die Höhe treibt. Tatsächlich sind wirklich überzeugende szenische Interpretationen von Igor Strawinskys 'Geschichte vom Soldaten' eher selten, da sich das ursprüngliche Konzept der Komposition, Musik, Narration und Tanz als gleichberechtigte Elemente der Aufführung einander gegenüberzustellen, als großer Stolperstein bei der Realisierung erweisen kann. Mit dem Live-Mitschnitt einer Inszenierung von Daniel Pfluger, der im Rahmen des PODIUM Festival Esslingen im April 2013 entstand, hat man demgegenüber einen zeitgemäßen Versuch der szenischen Darstellung einzufangen versucht, der die Mitwirkenden auf die Mitglieder des Instrumentalensembles, zwei Schauspieler (Uwe Topmann und Isa Weiß) und eine interaktive Videoleinwand beschränkt.

‚Interaktiv‘ bedeutet in diesem Falle tatsächlich, dass die Schauspieler mit den Projektionen in Kontakt treten, dass sie beispielsweise durch Berührung der Leinwand ein Repertoire an abstrakten Formen erzeugen, die den Personen der Geschichte zugewiesen sind und sich anschließend rhythmisch zur Musik bewegen, oder dass die optischen Elemente auf andere Weise mit dem Agieren der Schauspieler oder deren Schatten auf der Leinwand gekoppelt werden. Das verwendete Formenrepertoire, wie alle Animationen vom Animationskollektiv Motionfruit realisiert, ist dabei recht simpel und über Farben kodiert: Der Soldat wird von einem grünen Quadrat repräsentiert, der Teufel von einem roten Dreieck und die Prinzessin von einem blauen Kreis. Darüber hinaus gibt es jedoch auch animierte Sequenzen, manchmal erstaunlich markant – so etwa, wenn sich am Ende des ersten Teils in einer Schwarzweiß-Projektion die Welt als Gefüge ineinander greifender Zahnräder entpuppt –, viel häufiger allerdings zum Kitsch tendierend: Bei der Szene am Bach im ersten Teil mag man dies noch als ironisches Moment auffassen, doch wenn beim Betreten des Königsschlosses im zweiten Teil Bilder im Prinzessin-Lillifee-Look über die Leinwand wandern, ist das schon ziemlich schwer erträglich.

Uwe Topmann agiert als Erzähler, der beim Vortrag in die unterschiedlichen Rollen der Narration schlüpft. Dabei reichert er im Verlauf des Stückes den – leider meist abgelesenen – Sprechpart durch vielfach abgestuftes szenisches Agieren an, gelangt dabei aber zu einer manchmal arg übertriebenen, beinahe schon exhibitionistischen Ausdrucksweise. Es kann gut sein, dass dies im Live-Konzert anders gewirkt hat; auf DVD zumindest tut die extreme Überzeichnung dem Stück nicht gut und lässt auch einige Passagen extrem zäh werden. Wenn auf dem Höhepunkt des zweiten Teils Isa Weiß als Prinzessin langsam aus dem Publikum heraus auftritt, während sich zugleich ihr Gegenbild auf der Leinwand manifestiert, entfaltet sich das Miteinander beider Personen zu einer schauspielerisch-choreographischen Umsetzung von Strawinskys Tanzfolge in Gestalt eines Liebesgeplänkels. Das wirkt zum Teil sehr intim, lässt aber irgendwie auch den inhaltlichen Bezug zu den vom Komponisten verwendeten Tanzscharakteren Tango, Walzer und Ragtime vermissen.

Das Kammer-Ensemble des PODIUM Festival Esslingen spielt unter Leitung Miguel Pérez Iñesta tadellos, bleibt aber insgesamt im Zusammenspiel etwas brav und lässt – wie übrigens die Aufführung in ihrer Gesamtheit – die ironischen Spitzen vermissen, die Strawinsky in seiner Musik versteckt. Hier merkt man doch rasch, dass es sich um ein temporäres und nicht etwa um ein ständiges Musikerkollektiv handelt. Immerhin gelingt der szenische Einbezug der Gruppe sehr gut: Denn die Musikerinnen und Musiker sind nicht nur immer als sichtbare Elemente ins Bühnenbild integriert, sondern sie nehmen auch unmittelbar am Geschehen teil. Insbesondere der Einfall, vor und während des Kartenspiels die Ensemblemitglieder im Kollektiv als Stimme des Teufels mit dem Soldaten dialogisieren zu lassen und dadurch die Spannungsschraube anzuziehen, erweist sich als ausgesprochen originell.

Nicht ganz unproblematisch und etwas wirr ist schließlich die auf DVD eingefangene filmische Umsetzung des Konzertmitschnitts: Immer wieder lassen sich Momente von Unentschlossenheit bemerken, weil nicht ganz klar scheint, wo der Kamerablick denn nun eigentlich verharren müsste, ob er den Erzähler, das Geschehen auf der Leinwand oder die Musiker in den Mittelpunkt rücken sollte. Hier ist der Zuschauer in der Live-Situation eindeutig im Vorteil, weil er sich selbst entscheiden und die Blickrichtungen wechseln kann. Als Zusatzmaterialien bietet die DVD erstens einen eher unnötigen Trailer an, der als Werbefilmchen gestaltet ist und positiven Pressekritiken untertitelt noch einmal unterstreicht, dass es sich hier um die Videodokumentation einer einzigartigen Aufführung handelt. Zweitens aber gibt es zumindest noch ein kurzes ‚Making of‘, das über die Entstehung der Produktion und ihre immerhin beachtlichen medientechnischen Voraussetzungen informiert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strawinsky, Igor: Die Geschichte vom Soldaten

Label:
Anzahl Medien:
Arthaus Musik
1
Medium:
EAN:

DVD
807280218091


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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