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Montag, 15. August 2022

Delius, Frederick - Delius in Norway

Nicht ganz den Puls gefunden


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Folge aus der Delius-Reihe des britschen Labels Chandos kann an Vorgängereinspielungen nicht ganz anschließen.

Die bisherigen Folgen der Chandos-Reihe mit Orchestermusik von Frederick Delius hatten die Leiste einigermaßen hoch gelegt. Um es vorwegzunehmen: Diesmal ist es nicht gelungen, tatsächlich neue Referenzeinspielungen vorzulegen. Sir Andrew Davis, der die Reihe nach dem Tod von Richard Hickox übernommen hat, scheint sich in Norwegen nicht ganz so heimisch zu fühlen wie anderswo.

Zwischen Delius und Norwegen bestand eine musikalische Wahlverwandtschaft, längst aber war das Land nicht tatsächlich die ‚geistige Heimat‘ des Komponisten. Während seines Studiums in Leipzig hatte Delius mehrere junge skandinavische Musiker kennengelernt, die den Vierundzwanzigjährigen mit der Musik Edvard Griegs bekannt gemacht hatten. So wichtig dieser Einfluss zeitlebens bleiben sollte, Delius wuchs doch eindeutig über sein Vorbild hinaus und entwickelte eine ganz eigene musikalische Persönlichkeit.

Die SACD bietet in einem reichhaltigen Programm drei umfangreichere Orchesterkompositionen: die Tondichtungen 'Paa Vidderne' (Auf den Bergen, nach Henrik Ibsen) und 'Eventyr' (Es war einmal) sowie die Suite zur Schauspielmusik 'Folkeraadet' (Die Volksversammlung). Keines der drei Werke wird als CD-Premiere vorgelegt, und obschon die Einspielungen der ersten beiden Werke unter John Hopkins (Marco Polo) keineswegs optimal sind, gelingt Davis nicht, neue Standards zu setzen.

'Paa Vidderne' ist ein eher altmodisch klingendes Werk, das eher in der Grieg- oder Liszt-Nachfolge zu verorten ist. (Es gibt auch ein Melodram gleichen Titels, das von Chandos bislang noch nicht eingespielt ist und das dringend einer professionellen Einspielung bedarf – vielleicht irgendwann zusammen mit der Schauspielmusik zu 'Hassan'?) Die konventionelle Orchestrierung ist an vielen Stellen zu hören, doch auch die Grenzen des Orchesters. Das Bergen Filharmoniske Orkester hat zwar insgesamt eine hohe Spielkultur, ist besonders bei den Holzbläsern und den Streichern ausgesprochen professionell aufgestellt, doch leider verleidet an manchen Stellen die Trompete das Vergnügen – sie spielt nicht ganz sauber und ist klanglich teilweise zu exponiert platziert. Das heißt, der Gesamtklang wird durch einen einzigen Musiker empfindlich beeinträchtigt.

Auch die Musik zu 'Folkeraadet' scheint insgesamt zu beliebig, als dass man sie unbedingt auf CD hätte bannen müssen. Natürlich scheinen viele Feinheiten Delius‘schen Schaffens durch, aber vom Gesamteindruck her hat man eher den Eindruck von Gelegenheitsmusik. Ganz anders 'Eventyr', eine zu Unrecht viel zu unbekannte Orchesterkomposition Delius‘, der Vernon Handley (auf EMI) zu nachhaltigen Ruhm verholfen hat. So kultiviert das Orchester aufspielt, so fein Davis die Übergänge ausarbeitet – Handleys Einspielung ist unmittelbarer in der Empfindung, klingt auch typischer nach Delius und bleibt auch jetzt die Referenzeinspielung.

Ergänzt werden diese drei Werke durch fünf kleinere Beigaben, drei Orchesterstücken und zwei norwegischen Liedern, die Delius selbst orchestrierte; diese zwei norwegischen Lieder wurden in der Orchesterfassung bislang nur selten eingespielt. Die Sopranistin Ann-Helen Moen verleiht ihnen ihre warme, lyrische Stimme, und man hat wie sonst selten das Gefühl, sie endlich einmal in der richtigen Sprache zu hören. Das soll nicht heißen, dass es nicht auch hier harte Konkurrenz gibt – Eric Fenby, früherer Assistent des Komponisten, scheint in seiner Einspielung (ursprünglich bei Unicorn-Kanchana, heute bei Heritage in einer wichtigen 7-CD-Box), die Stimmung der Lieder, den ihnen eigenen Puls noch weit besser zu spüren als Davis (und Sarah Walker und Felicity Lott bei Fenby verfügen über vokale Mittel, die man von Moen nicht erwarten darf).

Die drei kleinen Orchesterstücke wirken wie eine sehr gemischte Platte. Eine Frucht von Delius‘ Grieg-Verehrung, die 1889 entstandene Orchestrierung eines von Griegs Klavierstücken 'Folkelivsbilleder' op. 17 (zu Delius‘ Lebzeiten ungedruckt geblieben) wirkt ebenfalls wie eine Gelegenheitskomposition. 'Sleigh Ride' (Originaltitel 'Winter Night') entstand ursprünglich als Klavierstück 'Norwegian Winter Night' im Hause Grieg und wurde berühmt durch Sir Thomas Beechams wohl kaum übertreffliche Einspielung aus dem Jahre 1956; Vernon Handley hat eine weitere herausragende Aufnahme des Stücks vorgelegt. An diese legendären Produktionen kann Davis nicht heranreichen – auch hier scheinen die älteren Interpretationen dem inneren Puls des Stückes näher zu kommen. 'On Hearing the First Cuckoo in Spring' schließlich verwendet ein entsprechendes Volkslied, und auch hier gelingt es Davis nicht, die Erinnerung an Beecham zu verdrängen.

So beachtlich die Gesamtleistungen also sind, so ganz zu Herzen wie die früheren Einspielungen gehen diese neuen SACD-Aufnahmen nicht. Die Aufnahmetechnik ist ausgezeichnet – doch was machen, wenn sich ein paar Bläser (vor allem der Trompeter, gelegentlich auch einer der Oboisten) unangemessen in den Vordergrund drängen? Ich werde Handley, Beecham und Fenby treu bleiben. Der Booklettext ist zuverlässig, aber ohne besondere Inspiration geschrieben, die englischen Liedübersetzungen sind nicht (wie hier behauptet) anonym.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Delius, Frederick: Delius in Norway

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
10.01.2014
Medium:
EAN:

SACD
095115513125


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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