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Freitag, 13. Dezember 2019

Mahler, Gustav - Das Lied von der Erde

Klangerlebnis Kammermusikfassung


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine sehr ambitionierte, spannende und begeisternde Fassung von Mahlers Liedersinfonie für Kammerorchester: kleines Orchester, großer Klang. Und eine wunderbare Mezzosopranistin.

Mahlers Sinfonien zeichnet (auch) aus, dass die große Besetzung nie bis zum Überdruss ausgespielt, sondern immer wieder von kammermusikalischen Passagen mit kleinen und kleinsten Besetzungen durchbrochen wird. Das macht sie, nebenbei gesagt, nicht zuletzt für die Beteiligung der Singstimme so geeignet. Und Mahler nutzte solche klein besetzten ‚Zwischenspiele’ stets, um ungewöhnliche Klangkombinationen vorzustellen. Eine Mahler-Sinfonie für ein Kammerorchester zu reduzieren, bringt dann zwangsläufig ein interessantes Klangerlebnis hervor, denn reduzierte Passagen, die also ursprünglich für das ganze Sinfonieorchester vorgesehen waren, stehen nun neben beibehaltenen Besetzungen, die ohnehin für nur wenige oftmals solistisch eingesetzte Instrumente vorgesehen waren und nicht weiter reduziert werden können. Das hat etwas Experimentelles, das durchaus sehr reizvoll ist und auch die Möglichkeit bietet, vermeintlich Altbekanntes neu zu hören.

Die Kammermusikfassung des 'Lieds von der Erde' wurde von Arnold Schönberg begonnen, aber nicht abgeschlossen. Die Vollendung dieser reduzierten Fassung, die 1983 in Toblach uraufgeführt wurde, besorgte der Komponist und Dirigent Rainer Riehn (geb. 1941). Fundament der ‚wirklich’ reduzierten Passagen (des großen Orchesters also) wird das Klavier. Das Forte des gesamten Detmolder Kammerorchesters lässt aber ohnehin einen vollen (und auch eindrucksvollen) Klang entstehen. Kammermusikalisch ist das bei Mahler immer sehr starke Schlagzeug auf nur wenige Instrumente (und zwei Spieler) reduziert.

Mehr als ein Studentenorchester

Das Detmolder Kammerorchester hat sich in den sechzig Jahren seines Bestehens einen hervorragenden Ruf erarbeitet – und dies, obwohl die Fluktuation hoch ist, denn das Orchester setzt sich aus Studierenden und jungen Absolventen der Detmolder Musikhochschule zusammen. Als dritter Leiter fungiert seit 2009 der Pianist Alfredo Perl, der an der Detmolder Hochschule für Musik eine Professur für Klavier inne hat. Alle Beteiligten dieser Einspielung eint eine hörbar hohe Musikalität, die mit Liebe zum Detail gepaart ist. Im ersten Lied klingt aber ein großer Respekt vor der Musik Mahlers in einigen fast ängstlich durchbuchstabierten Passagen durch, der sich dann zum Glück schnell verliert und einer angemessenen Souveränität weicht.

Gerhild Rombergers Mezzo: die ideale Besetzung für diese Lieder

Ausgesprochen passend für diese Lieder (und ganz sicher auch dem vollen Klangapparat eines Sinfonieorchesters gewachsen) ist Gerhild Rombergers Stimme, die ein wunderschönes dunkles Timbre hat und so Mahlers im Titel mitgeteilten Wunsch einer tiefen (Frauen-)Stimme (die auch hoch singen können muss), auf das Schönste einlöst. Dafür nimmt man gerne in Kauf, dass manche Höhen etwas scharf sind. Ihr Spiel mit der Sprache ist dem Text angemessen und kommt im Zusammenklang mit dem Kammerorchester gut zur Geltung. Die großen Bögen singt sie gefühlt bis zur Unendlichkeit aus. In jedem Takt hört man, dass sie weiß, was sie singt und wie sie singt. Ihre ganz offensichtlich auch inhaltliche Durchdringung dieser Liedersinfonie Mahlers strahlt aus jedem Ton. Auch im geradezu ersterbenden ‚Ewig, ewig’ am Schluss.

Stephan Rügamer bewältigt die schwierige Partie mit seinem hellen Tenor ohne weiteres, und hier freut man sich besonders über die Kammermusikfassung, weil der Sänger nicht gegen das volle Orchester ansingen muss, um in manchen Takten doch nicht gehört zu werden. Man darf wohl vermuten, dass Mahler, hätte er die Möglichkeit gehabt, dieses postum uraufgeführte Werk selbst zu hören, manches zugunsten einer Durchschlagskraft der Gesangsstimmen geändert hätte (außer im letzten Lied, dem 'Abschied').

Liebe zum Klang

Das Label MDG (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm) aus Detmold bezeichnet sich selbst als audiophil (wobei zu fragen ist, ob das nicht selbstverständlich für jede Musikproduktionsfirma ist) und begründet hiermit den Verzicht auf eine mit technischen Mitteln hervorgerufene Manipulation des Klangs. Das Resultat wirkt tatsächlich sehr natürlich und direkt. Ein Kammerorchester, das eine ‚große’ Sinfonie in überschaubarer Besetzung spielt, ist womöglich aber besonders geeignet, um den charakteristischen Klang der einzelnen Instrumente klar herauszustellen. Mit dem Aufnahmeort, dem Konzertsaal der Abtei Marienmünster, zwischen Detmold und Höxter gelegen, hat das Label einen Raum gewählt, dessen Akustik dem Tonmeister von zahlreichen Produktionen her bestens bekannt ist.

Beispielhafte Booklet-Gestaltung

Das Booklet bietet auf 32 Seiten einführende und biographische Hinweise in drei Sprachen. Dazu werden die Liedtexte in Deutsch und Englisch abgedruckt. Komponist, Textdichter und die Ausführenden werden in Bildern vorgestellt. Bei der Lektüre des Einführungstextes von Rudolph Remmert erfährt man über eine Kurzbiographie Mahlers hinaus eine ebenso kompakte wie klare Beschreibung der einzelnen Lieder vor dem Hintergrund des Yin- und Yang-Prinzips. Außerdem teilt er interessante Details zu den Gedichten aus ‚Die chinesische Flöte’ von Hans Bethge mit, die den Liedern zugrunde liegen und die einen veritablen Boom des Exotischen um die Wende zum 20. Jahrhundert einerseits spiegeln und andererseits bedienen. Mahler war auch keineswegs der einzige Komponist, der Bethges Nachdichtungen chinesischer Poesie zur Vertonung auswählte. Das große Interesse an chinesischer Kultur zeige auch die Einrichtung des ersten Lehrstuhls für Sinologie im Jahr 1910 in Hamburg, so Rudolph Remmert. Im Booklet wird außerdem das Aufnahmekonzept erläutert. Lobenswert auch der Hinweis auf die Möglichkeit der Rezeption des Booklets für Sehbehinderte in Blindenschrift oder auf Datenträgern und eine Anleitung für die Positionierung von Lautsprechern im Raum nach dem 5.1-Surround- und dem 2+2+2-Multichannel-Prinzip. Mehr kann man von einem Beiheft nicht verlangen: Das ist beispielhaft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Das Lied von der Erde

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
28.03.2014
Medium:
EAN:

SACD
760623184562


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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