> > > Venosa, Carlo Gesualdo von: Responsorien zur Karwoche (1611)
Donnerstag, 29. September 2022

Venosa, Carlo Gesualdo von - Responsorien zur Karwoche (1611)

Madrigalistische Lesart


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Compagnia del Madrigale stellt Carlo Gesualdos 'Responsoria et alia ad Officium Hebdomadae Sanctae spectantia' in einen Kontext mit anderen zeitgenössischen Vokalkompositionen.

Als das Vokalconsort La Compagnia del Madrigale im vergangenen Jahr bei Glossa seine makellose Wiedergabe von Carlo Gesualdos sechstem Madrigalbuch veröffentlichte, war dies eine kleine musikalische Sensation in Bezug auf ein Repertoire, das zwar diskografisch durchaus verfügbar ist, aber dennoch bislang kaum restlos überzeugende Wiedergaben kannte. Nun lässt das Ensemble eine vollständige Aufnahme von Gesualdos 'Responsoria et alia ad Officium Hebdomadae Sanctae spectantia' (1611) nachfolgen und legt damit erneut eine extrem hohe Messlatte für kommende Interpretationen.

Bereits der Einstieg lässt einen aufhorchen und unterstreicht, auf welch hohem Niveau hier gesungen wird: Der schlackenlose Klang, mit dem das Ensemble den ersten Gesang der 'Feria Quinta' – 'In monte Oliveti' – anstimmt, ist betörend, ebenso das daraus allmählich herauswachsende Crescendo, das sich über einzelne melodische Schritte zu einem Spannungsbogen entwickelt, der immer weiter getragen wird und erst nach fast einer Minute in eine erlösende Kadenz mündet. Modellhaft scheint hier das Wesen des interpretatorischen Ansatzes auf: Die Sängerinnen und Sänger streben nach einer Analogie von inhaltlichen Sinneinheiten des Textes und musikalischer Abschnittsbildung, führen die Gedanken rhetorisch der jeweiligen Schlusswendung zu, um dann – oftmals aus dem Raum des Nachklangs und der damit verknüpften Spannungspause heraus – die nächste Phrase anzustimmen.

Die dabei entstehende, von klarer Deklamation geprägte Geschlossenheit wird durch einen sehr flexiblen Vortrag unterstützt, der den affektiven Wendungen der Musik mit jeder Faser folgt. Besonders schön sind daher all jene Augenblicke, wo Gesualdo den bislang akkordisch fortschreitenden Vokalsatz plötzlich aufbricht und – wie im 'Sicut ovis ad occisionem' aus dem 'I. Notturno' des 'Sabbato Sancto' – zur Kontrapunktik gestaffelter Stimmenvereinzelung übergeht. Vor allem gelingt es dem Ensemble dabei, den für geistliche Musik einzigartigen madrigalistischen Experimenten und ungewöhnlichen harmonischen Fortschreitungen gerecht zu werden, die Gesualdo aus den bildreichen Textgrundlagen ableitet. Indem die Vokalisten der Compagnia del Madrigale gerade diese Aspekte besonders herausarbeitet, betonen sie die Nähe der Responsorien zu den späten Madrigalbüchern des Komponisten.

Hier setzt auch die Besonderheit dieser mit drei CDs bedachten Einspielung gegenüber anderen Aufnahmen an, denn das Ensemble hat den Korpus von Gesualdos Responsorien behutsam erweitert. Indem die Vokalisten, jeweils die Gesänge einer Nacht von denjenigen der nächsten trennend, zumeist geistliche Madrigale von Zeitgenossen wie Giovanni de Macque, Luzzasco Luzzaschi, Luca Marenzio und Pietro Vinci einfügen, machen sie deutlich, dass Gesualdos Komponieren in einem historischen Kontext steht, der bei anderen Komponisten vergleichbare musiksprachliche Mittel hervorgebracht hat. Fazit: Hier ist eine von der Ausführung her faszinierende Aufnahme entstanden, die nicht nur durch eine exzellente und sensible Umsetzung von Gesualdos Klagegesänge überzeugt, sondern auch aufgrund des weiter gefassten musikalischen Rahmens extrem hörenswert ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Venosa, Carlo Gesualdo von: Responsorien zur Karwoche (1611)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
3
07.03.2014
Medium:
EAN:

CD
8424562228030


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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