> > > Raff, Joachim: Symphonie Nr. 5
Montag, 24. Januar 2022

Raff, Joachim - Symphonie Nr. 5

Kongruenz von innerem Herzschlag und äußerer Bewegung


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Neeme Järvi trifft in dieser Einspielung von Raffs Fünfter Sinfonie genau ins Schwarze. Die Musik entwickelt eine ungeheure Sogkraft und wirkt dabei stets filigran.

Blickt man auf die Musikgeschichte des späteren 19. Jahrhunderts, so erscheinen aufgrund der historiographischen Behauptung gegensätzlicher ästhetischer Schulen Komponisten entweder dem Lager der sogenannten Neudeutschen zuzugehören oder den Adepten der absoluten Musik. Die Fokussierung auf den Parteienstreit verdeckt allerdings, dass es bedeutende Tonschöpfer gab, deren Verortung in dem gängigen (und vereinfachenden) Raster nicht gelingen mag.

Joachim Raff zum Beispiel ist so einer. Der gebürtige Schweizer hatte keine Berührungsangst mit der Ästhetik von Franz Liszt (für den er in Weimar administrative Dienste, Kopierdienste bis hin zu Instrumentationen erledigte), aber er blieb auch offen für Einflüsse aus dem anderen ‚Lager‘, vor allem was musikalische Satztechniken und kontrapunktische Durchdringung anbelangt. So finden sich etwa unter seinen elf Sinfonien einige mit Namen und einige nicht weiter bezeichnete (und selbst unter seinen Streichquartetten, dem Inbegriff ‚reiner‘ Musik, sind Werke mit Titeln wie 'Die schöne Müllerin').

Höllischer Strudel

Raffs Fünfte Sinfonie op. 177 trägt den Namen 'Lenore' und ist angeregt von Gottfried August Bürgers gleichnamiger Ballade (1773). Die traditionell viersätzige Sinfonie ist in drei Abteilungen gegliedert. In den ersten beiden Sätzen wird, zurückgreifend auf herkömmliche Formmodelle, das Liebesglück zwischen einem Soldaten und seiner Geliebten in Musik gefasst, der ausgedehnte dritte Satz im schnellen Marschtempo trägt die Überschrift 'Trennung'; der vierte Satz 'Wiedervereinigung im Tode' geht nun formal eigenständige Wege und wirft Motivmaterial der vorangehenden Sätze in einen wahrhaft höllischen Strudel, aus dem ein Choralthema verklärend das Zusammensein des toten Soldaten mit der nun ebenfalls ins Todesreich geholten jungen Frau ausleuchtet.

Unwiderstehlicher Sog

Die Dramaturgie der 1872 vollendeten Fünften Sinfonie ist hochspannend, zumal Raff alle vier Sätze mit klaren Temporelationen unter einem gemeinsamen Puls zusammenbindet. Das macht nun vorliegende Aufnahme mit Neeme Järvi und dem Orchestre de la Suisse Romande ohrenfällig, denn Järvi folgt Raffs erstaunlich schneller Metronomisierung – im Gegensatz zu anderen Interpreten, bei den dieselbe Sinfonie dann auch schon gerne mal zehn Minuten länger dauert. Nun ist Tempo allein nicht alles, das zeigten jüngere Aufnahmen des lettisch-amerikanischen Dirigenten, dessen Vorliebe für rasche Gangarten immer stärker zutage tritt. Da geriet manches im schnellen Tempo seltsam unbeweglich und unbewegt, denn der Altmeister hat einen Hang zu rigide durchgehaltenen Zeitmaßen.

Hier aber erweist sich sein Interpretationsansatz als goldrichtig und absolut treffsicher. Denn der innere Herzschlag der Musik ist kongruent mit der äußeren Bewegung. Die Musik wirkt zu keinem Zeitpunkt gehetzt, denn Järvi lässt dem Orchester, selbst wenn er die Musik unentwegt nach vorn treibt, immer genug Gestaltungsfreiraum, um sorgsam zu phrasieren. So geraten der Schwung des ersten Satzes mitreißend, die Idylle des zweiten Satzes ruhig fließend, aber nicht oberflächlich, der Geschwindmarsch des dritten Satzes geradezu wunderbar schnittig und fein ausgehört. Und im vierten Satz erzeugt Järvi einen unwiderstehlichen Sog. Das Moment des Bedrohlichen, dessen trübe Farben und motivischen Windungen der diabolischen Kraft potentiell entgegensteht, ist hier bestens dosiert, so dass sich die zündende Dynamik ungehindert entfalten kann.

Filigran und wendig

Hier sowie in den beigefügten Ouvertüren, mit denen die Spielzeit auf stolze 80 Minuten ausgedehnt wird, agiert das Orchester hoch idiomatisch. Filigrane rhythmische Figuren kommen federleicht daher, blütenzart eingefärbt von den exzellenten Bläsern und agilen Streichern des Orchestre de la Suisse Romande. Bei allem zielgerichteten und äußerst flüssigen Musizieren schafft Järvi hier erstaunlich viel Raum für zart ausgearbeitete Texturen in den Bläsern und dynamische Wellenbewegungen, mit denen Themen verständlich phrasiert werden; man höre etwa die feinen dynamischen Abstufungen zwischen Piano und Pianissimo in der Orchesterrhapsodie 'Abends' op. 163b.

Es ist offensichtlich, dass sich Neeme Järvi und das Schweizer Orchester in diesem musikalischen Idiom, in dem sich Raff auch in den Ouvertüren zu 'Dame Kobold' op. 154 (1869), 'König Alfred' WoO 14 (1848/49), 'Dornröschen' WoO 19 (1855) und 'Die Eifersüchtigen' WoO 54 (1881/82) bewegt, deutlich wohler fühlen und zu weitaus besseren Ergebnissen gelangen als im zuletzt beackerten Feld französischer Musik; ihr blieben die Interpreten bei aller Farbenfrische das Klare und fein Gezeichnete in Verbindung mit atmender Flexibilität schuldig. Hier aber verbindet der Dirigierroutinier Neeme Järvi rhythmische Präzision und Detailschärfe mit graziler Wendigkeit der Linienführung und einer bezaubernden Entfaltung des von Raff evozierten orchestralen Reichtums. Großartig.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Raff, Joachim: Symphonie Nr. 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
07.03.2014
Medium:
EAN:

SACD
095115513521


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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