> > > Beethoven, Ludwig van: Klaviersonaten Nr. 27, 28, 30, 31
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Beethoven, Ludwig van - Klaviersonaten Nr. 27, 28, 30, 31

Träumerisches Spiel


Label/Verlag: CAvi-music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dina Ugorskaja legt die nächste Einspielung später Beethoven-Sonaten nach und verzaubert mit ihrer imponierenden Ausgewogenheit des musikalischen Zugriffs.

Nach einer fulminanten Einspielung von Beethovens sogenannter ‚Hammerklavier-Sonate‘ sowie der letzten Sonate op. 111 folgt nun, ebenfalls bei Cavi-music der zweite Teil der späten Klaviersonaten opp. 90, 101, 109 und 110, interpretiert von Dina Ugorskaja. Dies vorweg: Für Furore kann sie ein weiteres Mal sorgen. Die in Deutschland lebende Tochter des berühmten russischen Pianisten Anatol Ugorski zeigt wieder einmal, dass sie vollkommen zu Unrecht verhältnismäßig (noch) wenig Bekanntheit genießt und macht zudem Ihren Kolleginnen und Kollegen deutlich, wie man diese so harten Brocken souverän meistert.

Die letzten Klaviersonaten sind nun mal eine der größten Hürden für Pianisten, wobei sie nicht nur spieltechnisch einiges fordern, sondern in ihrer Atmosphäre eine Ausdrucksvielfalt verlangen, denen viele Tastenvirtuosen dann doch nicht gewachsen sind. Ugorskaja vermag in ausgewogen russischer Tradition einen stets werkdienlichen Ansatz zu vermitteln, tritt oft nüchtern an die Musik heran, schafft es in den entscheidenden Passagen aber auch, die Zerrissenheit in der Musik absolut authentisch zum Ausdruck zu bringen. Faszinierend ist dabei besonders, wie es ihr gelingt, den in ihrer Umsetzung oft unmöglich anmutenden Anweisungen der Partitur auf persönliche und zugleich schlüssige Art gerecht zu werden.

Ein ‚dolce‘ im zweiten Satz von op. 90 wird dann regelrecht zum Erlebnis; das ist in der Interpretation Ugorskajas zweifelsohne eine Süße, welche eine natürliche Sensibilität zu generieren weiß, ohne jemals in Kitsch oder Künstlichkeit abzurutschen. Im dritten Satz von op. 101 mit der Satzbezeichnung 'Langsam und sehnsuchtsvoll' wird durch den äußerst feinfühligen Anschlag, bei dem insbesondere der Basslinie die entsprechende Zurückhaltung beigemessen wird, die Sehnsucht direkt und ohne Umschweife kommuniziert. Der polyphone Schlusssatz mit der teuflisch schweren Fuge wird anschließend virtuos gemeistert, stets mit dem nötigen Ausdruck –die Pianistin verfällt zu keinem Zeitpunkt in trockene Virtuosität. Sie hat hier eindeutig etwas musikalisch zu erzählen, Technik ist niemals Zentrum des Spiels, sondern Basis interpretatorischer Feinarbeit. Da mag es auch verkraftbar sein, dass das angesprochen verträumte Klangbild hier und da etwas zu viel des Guten ausgekostet wird, etwa im zweiten Satz besagten der Sonate op. 101.

Mangelnde Vielschichtigkeit ist ohnehin nicht das Problem. Die moderaten Tempi, die feine Anschlagtechnik und das anmutende Legato lassen oft genug die ‚innigste Empfindung‘ aufleuchten. Einzig dem Fortissimo scheint ab und an die nötige Energie abhanden gekommen; so kompromisslos wie etwa im zweiten Satz von op.110 geht Ugorskaja selten in die Forte-Passagen.

Gerade diese vorletzte Beethovensonate op. 110 ist – wie auch der Rest der Sonaten – fein kalkuliert, mit vielen verschiedenen Farben gezeichnet, was für große Begeisterung sorgen kann. Dennoch ist es im Schlusssatz doch wieder dieses träumerische Spiel, was auf der einen Seite verzaubert und doch auf der anderen Seite, wie eigentlich immer bei Beethoven, Luft nach oben lässt: Die Gegensätzlichkeit zwischen dem klagenden Gesang und der Fuge wird sicherlich deutlich, aber gerade der Fuge fehlt das letzte Feuer, das unbändige Aufbrausen. So wird letztlich dem triumphalen Ende in As-Dur mitunter die wirkliche Überzeugungskraft genommen; das Abgeschiedene, Versunkene, teils sogar Mystische überwiegt in dieser Interpretation klar, der Triumph steht an zweiter Stelle. So bleibt der Hörer schlussendlich bis zum Ende in einen Trancezustand versetzt, einer schwebenden Atmosphäre ausgesetzt. Auf eine ganz eigene Weise hervorragend ist das Ganze aber mit Sicherheit.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Beethoven, Ludwig van: Klaviersonaten Nr. 27, 28, 30, 31

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
CAvi-music
1
14.02.2014
77:35
2013
Medium:
EAN:
BestellNr.:
Booklet
CD
4260085532995
8553299


Cover vergössern

"Später Beethoven II Eine Mischung aus innerer Stärke und Empfindsamkeit Dina Ugorskaja: Beethoven hat diese Gattung unglaublich viel weiter gebracht und für die Komponisten des späten 19. Jh. und auch darüber hinaus bis in das 20. Jh. ganz wichtige neue Impulse gesetzt. Wenn man von seinen späten Sonaten spricht, hat eigentlich nur die Hammerklaviersonate das typische viersätzige Format - abgesehen von op. 101, wobei hier gleich der erster Satz gar kein typisches Sonaten-Allegro ist, - ansonsten ist jedes Werk sehr unkonventionell aufgebaut und deutet eine durchgängige Form der Komposition an. Nach der gewaltigen, geradezu teuflischen Hammerklaviersonate, in der die Auswucherungen allein schon in den klavieristischen Anforderungen über alle Grenzen schlagen, - ob in den Satzlängen, ob in den polyphonischen Verstrickungen der Finalfuge oder im Fugato der Durchführung des 1. Satzes, ob in der harmonischen Dichte des Geschehnisses, - nach einer Pause zu der Sonaten-Gattung wiederkehrend, findet Beethoven noch Einmal zu einem neuen Sonatenformat in den opp. 109 bis 111, in denen Einfachheit, Entschlackung, aber auch neuartige Kontrastbildungen, abrupte Wechsel, sowie Öffnungen und Weitungen bis hin zu Klangszenarien von Verklärung eine gewichtige Rolle spielen. Das größte Beispiel dieser Kehrtwende liegt für mich allerdings im Streichquartett op. 132, ich meine den Satz im lydischen Stil, Die Danksagung eines Genesenden - dieses Choralartige, das Weiße, das Weise? Doch ein Vorbote der drei letzten Sonaten ist bereits die zweisätzige Sonate op. 90. (Auszug aus einem Gespräch zwischen Dieter Rexroth und Dina Ugorskaja für das Booklet) www.dina-ugorskaja.de „Ein heiliger Gesang!“ (FAZ 22. Dez 2012 zu Beethoven Nrn. 29/32) Diskographie: CAvi 8553184 G.F. Händel: Klaviersuiten HWV 427, 428, 429, 430, 431 CAvi 8553217 R. Schumann: Gesänge der Frühe; 7 Fughetten; Kreisleriana; Geistervariationen CAvi 8553256 L.v. Beethoven, Sonaten Nrn. 29 „Hammerklaviersonate“, Nr. 32 op. 111 "


Cover vergössern

CAvi-music

"Es muss nicht viel sein, wenn's man gut ist" heißt die Devise für das Label, das stets den Künstler in den Vordergrund stellt, das partnerschaftlich Projekte realisiert, das persönliche Wünsche und Ideen der Künstler unterstützt, das sich vorwiegend auf Kammermusik konzentriert, das handverlesen schöne Musik in hervorragender Interpretation anbietet, mit einer Künstlerliste, die sich sehen lassen kann. Eine sehr persönliche Sache, die von Herzen kommt !! Außerdem kommen neben dem Label CAvi-music auch die Labels "SoloVoce" und "CAvi-Autentica" aus dem Hause Avi-Service for music.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag CAvi-music:

  • Zur Kritik... Debussy, vom Zen-Buddhismus her neu gehört: Sheila Arnold gelingt eine hochmusikalische und spannende Aufnahme, in der sie Miniaturen von Debussy in einen Zusammenhang mit Klavierwerken des Japaners Takemitsu und des Amerikaners Cage stellt. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
  • Zur Kritik... Gesungene Gedichte: André Schuen singt eine Sammlung von Schubertliedern rund um das Thema Wandern sehr natürlich, klar und berührend und wird dabei kompetent unterstützt von Daniel Heide. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
  • Zur Kritik... Emotional aufgeladen: Ob zupackend im Tango, pulsierend bei Ravel oder melancholisch bei Fauré: Das Flex Ensemble präsentiert sich als ein Klavierquartett mit großer Affinität zu den verschiedensten Spielarten französischer Musik. Weiter...
    (Silke Meier-Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von CAvi-music...

Weitere CD-Besprechungen von Daniel Eberhard:

  • Zur Kritik... Das Beste kommt zum Schluss: Josef Krips und das London Symphony Orchestra überzeugen mit ihrer Mahlerinterpretation der 4. Sinfonie nur mäßig, der Gesang von Suzanne Danco begeistert dafür umso mehr. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Eine neue Hoffnung: Episode IV im Mahlerzyklus von Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra bietet großes Kino mit kleineren Schwächen im Drehbuch. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Ein Zyklus für die Fünfte: Der neue Tschaikowsky-Sinfonie-Zyklus von Philippe Jordan und dem Orchestre de l'Opéra national de Paris ist wie vorheriges Beethoven-Projekt exzellent durchmusiziert. Das magische Erlebnis birgt jedoch eine Einzelsinfonie und nicht der Gesamtzyklus. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
blättern

Alle Kritiken von Daniel Eberhard...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Brennend: Für Vivaldi und Händel geben Réka Kristóf und die Accademia di Monaco alles. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Gezupfte Größe: Es ist ein höchst lebendiges Porträt der zauberhaften Musik Kapsbergers: Jonas Nordberg ist auf der Theorbe ein bemerkenswert klangorientierter Interpret. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Gespenstische Stimmen: Das aktuelle Album 'Dichterliebe' von Julian Prégardien ist ambitioniert und eigenwillig. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 40 in A minor op.12 - Poco adagio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich