> > > Britten, Benjamin: The Rape of Lucretia
Dienstag, 27. September 2022

Britten, Benjamin - The Rape of Lucretia

Seelenmusik und spontaner Gesang


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Lucretia' kann auch den letzten Zweifler bekehren!

Es ist ein rundum gelungener und in hohem Maße beeindruckender Opernabend, der mit dieser Neuerscheinung auf DVD beim Label Opus Arte festgehalten ist. Benjamin Brittens 'The Rape of Lucretia' eröffnete im Juni 2001 das jährliche Aldeburgh Festival in einer Inszenierung von David McVicar, in Kooperation mit der English National Opera, in der bildstarken Ausstattung von Yannis Thavoris. Diese Produktion besticht selbst – oder vielleicht gerade – auf Bildträger durch ihre emotionale Dichte, fesselnde Atmosphäre und ein hervorragendes Sängerensemble, das zudem schauspielerisch keine Wünsche offen lässt. Close Ups auf den Gesichtern der Darsteller sind endlich einmal nicht desillusionierend. Hier wird nicht nach Leibeskräften mit den vokalen und physischen Anforderungen gerungen oder verstohlen nach dem Dirigenten geschielt. Hier entstehen glaubhafte Charaktere, deren natürlichste Ausdrucksform das gesungene Wort ist.

Diese atemberaubende Selbstverständlichkeit unterstützt der Dirigent Paul Daniel am Pult der glänzend aufspielenden Mitglieder des English National Opera Orchestra. Daniel bleibt in jeder Sekunde flexibel und stets am Nerv des Dramas. Unter seiner Leitung blühen die Schönheiten von Brittens Partitur ebenso entwaffnend auf wie der harsche, unnachgiebige Tonfall der Tragödie. Man erhält das Gefühl, das Orchester begleite die Protagonisten mit großer Empathie. Im Zusammenspiel von Inszenierung und Komposition entsteht somit die Musik scheinbar aus der Situation heraus, der Gesang wirkt gleichsam spontan.

Dieser Effekt stellt sich nicht zuletzt deshalb ein, weil alle Solisten mit Herz, Verstand und beeindruckendem Können bei der Sache sind. Sarah Connolly ist eine mitreißende Lucretia, die sich die Musik zueigen macht, als wäre sie ihr in die Kehle komponiert. Ihr warmer, samtener Mezzosopran verfügt über eine satte Tiefe und jene Komponente von ‚Menschlichkeit’, die sich nur schwer beschreiben lässt. Mit dieser Lucretia muss der Zuschauer mitleiden, mitweinen. Ihre finale Begegnung mit Collatinus gehört zu den erschütterndsten Momenten der Inszenierung.

Ebenso überzeugend gestaltet Christopher Maltman den Tarquinius. Mit geradezu animalischer Energie und Intensität wirft er sich ins Zeug, lässt mit seinem kraftvollen, volltönenden Bariton alles um sich verstummen. Dass der Sänger zudem über eine blendende Physis verfügt, ist der Partie nicht abträglich. Die Vergewaltigungsszene ist ohne Zweifel brutal und abstoßend, aber gleichzeitig irritierend vielschichtig – und in ihrer Ausführung alles andere als zimperlich. Derartigen körperlichen Einsatz sieht man selten auf einer Opernbühne.

Den Collatinus gibt Clive Bayley mit hörbar heldischem Material, und auch Leigh Melrose punktet mit seinem auffallendem schönen, unverbrauchten Bariton und schauspielerischer Glaubwürdigkeit. Schade, dass man von diesem Sänger in den vergangenen dreizehn Jahren so wenig gehört hat. In den weiteren Partien der Bianca und der Lucia sind eine persönlichkeitsstarke Catherine Wyn-Rogers und Mary Nelson zu erleben.

Die beiden Figuren des Female und Male Chorus lässt Britten in seinen Anweisungen eigentlich auf Thronsesseln fixiert zu beiden Seiten des Geschehens sitzen. Regisseur McVicar bezieht beide Partien in das aktive Bühnengeschehen mit ein. So entstehen spannende Beziehungen zwischen Lucretia und dem Female Chorus, und auch der Male Chorus macht immer wieder Anstalten, von der Situation übermannt in den Handlungsverlauf einzugreifen. Somit kommt beiden Figuren eine aktive Aufwertung zugute, die beide Sängerdarsteller mit größtem emotionalem Einsatz zu nutzen wissen. John Mark Ainsley und Orla Boylan beherrschen von Anfang bis Ende die Szenerie. Hier entspinnt sich das zweite Drama der Handlung. Aus bloßer Beobachtung wird Interaktion und Diskussion, beide haben eine eigene Geschichte, sind wirkliche Charaktere, auch wenn sie keine persönlichen Namen tragen. Orla Boylans Sopran ist von großer Leuchtkraft, dennoch sehr britisch, instrumental geführt – ebenso wie der Tenor von John Mark Ainsley, der mit seinem schlanken Tonfall besonders eindringlich im Gedächtnis haften bleibt. Wie bei allen anderen Protagonisten auch, verfügen beide Chöre über eine makellose Artikulation.

Dieser Mitschnitt von 'The Rape of Lucretia' ist ein absolutes Muss für alle Fans von schauspielerisch überzeugendem Musiktheater und ganz besonders für alle Britten-Unsicheren, denen der Zugang zu Brittens Opern und der Schönheit seiner Tonsprache bisher verschlossen geblieben sein mag. Diese 'Lucretia' kann auch den letzten Zweifler bekehren!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:








Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Britten, Benjamin: The Rape of Lucretia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
20.01.2014
Medium:
EAN:

DVD
809478011231


Cover vergössern

Opus Arte

Opus Arte ist eines der weltweit führenden DVD-Labels. Spezialisiert auf Oper und Tanz, enthält unser Katalog eine Vielzahl musikalischer Erfahrungen. Angefangen bei der Grand Opera hin zu märchenhaften Balletten, von zeitgenössischem Tanz hin zu Künstlerporträts - und nicht zu vergessen zu einer Party im rückseitigen Garten ihrer Majestät!
Stets ist es unser Bestreben Ihnen kulturelle Ereignisse in bestmöglicher Qualität nach Hause zu bringen. Alle Neu-Veröffentlichungen werden im Widescreen-Format mit True-Surround-Sound und der zusätzlichen Option einer exzellenten Stereo-Tonspur produziert. Interessantes Zusatzmaterial füllt die DVD bis zur Kapazitätsgrenze. Midprice-Serien wie die -La Scala Box- und -Faveo- öffnen den Blick auf klassische Archivaufnahmen von den führenden Opernhäusern der Welt in außergewöhnlicher Qualität. Opus Arte ist immer auf der Höhe der stets schneller voranschreitenden technischen Entwicklung, manches Mal sind wir ihr auch einen Schritt voraus. Bereits vor sieben Jahren begannen wir mit der Produktion in High Definition und verfügen somit über einen sehr großen Katalog an Titeln, der nur darauf wartet veröffentlicht zu werden. Mit -Schwanensee- veröffentlichte Opus Arte als erstes Klassik DVD Label einen Titel im Format HD DVD. Auch ein Besuch unserer Website lohnt stets: Sie erhalten dort aktuelle Nachrichten, Besprechungen, exklusive Fotos, Trailer und zahlreiche Details zu unseren Produktionen aus erster Hand.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Opus Arte:

blättern

Alle Kritiken von Opus Arte...

Weitere CD-Besprechungen von Benjamin Künzel:

  • Zur Kritik... Jubiläums-'Rodelinda': Diese neue 'Rodelinda' ist, wenn auch keine zwingende Alternative zu den bereits existierenden Einspielungen, doch eine spannende Ergänzung, die zeigt, dass man für lebendige Oper nicht unbedingt ein namhaftes Staraufgebot braucht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Oper ohne Bühnenluft: Beim Hören der vorliegenden Barockopern-Ausgrabung könnte man meinen, all die Bemühungen der letzten Jahrzehnte, dieses Repertoire mit Lebendigkeit und Theatralik wiederzubeleben, seien unerhört geblieben. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Beglückender Volltreffer: Was auf den ersten Blick nach massenkompatiblem Standard aussieht, erweist sich schnell als beglückender Volltreffer. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Benjamin Künzel...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2022) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich