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Montag, 18. Oktober 2021

Berlioz, Hector - Les Troyens

Die Trojaner in London


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese rundum gelungene Produktion von David McVicar vermittelt sowohl musikalisch als auch szenisch selbst auf dem heimischen Bildschirm noch ihre gewaltige Wirkung.

Eine szenische Umsetzung von Hector Berlioz Musikdrama 'Les Troyens' ist immer ein Großereignis. Im Juni 2012 fiel wieder einmal dem Londoner Royal Opera House diese Ehre zu – hatte doch genau dieses Opernhaus 1957 mit einer nahezu vollständigen Bühnenfassung eine Pioniertat vollbracht. Seit damals sind 'Les Troyens' eng mit Covent Garden verbunden, auch wenn mittlerweile viele andere Opernhäuser sich des sagenhaften Kolosses angenommen haben.

Die Londoner Neuinszenierung von David McVicar wurde kurz nach ihrer Premiere beim Label Opus Arte auf zwei DVDs festgehalten. Und selbst auf dem heimischen Bildschirm vermittelt sich noch die gewaltige Wirkung dieser rundum gelungenen Produktion. McVicar und seine Ausstatter Es Devlin und Moritz Junge erzählen die letzten Tage des trojanischen Kriegs und die Begebenheiten der Trojaner in Karthago in bildgewaltigem Ambiente in Kostümen der Entstehungszeit der Oper. Das ist wohltuend, denn man muss keine Sänger beobachten, die sich in Togen und Sandalen der Lächerlichkeit preisgeben, sondern man kann mühelos den Transfer zwischen antikem Mythos und Historie und der Faszination des 19. Jahrhunderts an diesem Stoff leisten. Schon das erste Bild, das die vor Freude fassungslosen Trojaner bei der Beobachtung ihrer angeblich befreiten Stadt zeigt, ist effektvoll. Auf mehreren Galerien schleudert der Chor der Soldaten mit Frauen und Kindern seine ungläubige Freude mitten in die Zuhörerschaft. So simpel der Regietrick, so groß dessen Wirkung. Dann öffnen sich die Pforten der Stadt und wir erhalten Einblick in das ausgemergelte Troja.

Die ersten beiden Akte dominiert mit ungeheurer Bühnenpräsenz und vokaler Glanzleistung Anna Caterina Antonacci als Seherin Cassandre. Leidenschaft und Schonungslosigkeit zeichnen ihrer Interpretation aus, die dennoch über stimmliche Raffinesse und wohldosierte Dynamikabstufungen verfügt. Antonacci durchlebt die Höhen und Tiefen ihres Bühnencharakters, zeigt keine Furcht vor dramatischer Attacke und ebenso wenig vor den zarten Zwischentönen der liebenden Frau. An ihrer Seite ist Fabio Capitanucci ein ebenbürtiger Chorèbe mit warm timbrierten und kräftigem Bariton, von dem man gerne mehr hören würde. In der kleinen Partie des Priam gibt sich ein souveräner Robert Lloyd noch einmal die Ehre und Pamela Helen Stephen veredelt die Hécube mit ihrem samtenen Mezzosopran. Dass ein Sänger vom Kaliber eines Ashley Holland als Panthée eingesetzt werden kann, zeugt von der durchweg luxuriösen Besetzungspolitik dieser Produktion.

Ein trojanisches Pferd aus Metall

Natürlich wartet man als Zuschauer gespannt auf das Erscheinen des trojanischen Pferdes, dessen Umsetzung zu den Grundentscheidungen einer jeden 'Troyens'-Inszenierung gehört. McVicar und sein Team zeigen einen gigantischen Pferdekopf, der konsequenterweise aus den Waffenresten der Griechen und Altmetall hergestellt ist. Diese Umsetzung korrespondiert auch stimmig mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, wo man sich bildästhetisch auch befindet. Das zum Ende des zweiten Aktes brennende Pferd kommt tatsächlich einem Opernspektakel gleich, das auch in der Bildkonserve noch fesselt.

Diese optische Stärke ist vielleicht auch ein wenig die Schwäche dieser Produktion. McVicars Inszenierung setzt verständlicherweise auf optische Opulenz, auf Massenwirkung oder szenische Clous, die im Opernhaus das Publikum bei Laune halten. Die individuelle Figurenzeichnung bleibt dabei manchmal auf der Strecke oder ist den durchweg hervorragenden Sängerdarstellern selbst überlassen. Mancher erweist sich in dieser Umgebung als überzeugenderer Darsteller, wie beispielsweise Antonacci, ein anderer kann da weniger punkten. Doch selbst bei den zahlreichen Naheinstellungen, fällt dieser Umstand nicht schmerzlich ins Gewicht, weil alle Mitwirkenden zumindest effektvoll platziert und versorgt sind. Jeder weiß, was er tut. Und in Sachen Chorführung und Massenszenen liefert McVicar eine wahre Lehrstunde.

Den Enée hätte ursprünglich Jonas Kaufmann singen sollen, der sagte ab. Nun ist Bryan Hymel der Tenorheld und er lässt in keinem Moment den populären Fachkollegen vermissen. Überzeugender als Hymel kann man sich momentan keinen Enée vorstellen. Er besitzt das stimmliche und stilistische Rüstzeug für die Partie, glänzt mit seiner mühelosen und strahlenden Höhe, die auf einem sicheren Fundament aufbaut und kommt mit seinen Kraftreserven scheinbar nie an die Grenzen. Zudem gibt es weitaus schwächere Darsteller. Kurz: Hymel ist ein faszinierender und aufregender Enée der Sonderklasse.

Eva-Maria Westbroek hat ihrer fulminanten Interpretation der Cassandre nun auch die Didon hinzugefügt. Mit rundem, warmem Ton gibt sie eine anrührende Königin, wenngleich ihr ein wenig die Selbstverständlichkeit einer breiten Mittellage fehlt. Man hört, dass sie sich der Partie von oben annähert – was bereits viele andere Sängerinnen auch getan haben –, dadurch vermisst man manchmal einige Farben, die einer wirklichen Mezzosopranistin leichter zur Verfügung ständen. Aber Westbroek macht diesen Umstand mit ihrem natürlichen Spiel und der textlichen Durchdringung ihrer Interpretation wieder wett. Das große Duett mit Enée gelingt beiden Sängern mit einer wunderbaren Mischung aus flutenden Piani, vorbildlichem Legato und geheimnisvoller Schwerelosigkeit.

An diesem musikalischen Zugriff hat der Dirigent Antonio Pappano natürlich maßgeblichen Anteil. Er führt sein Orchestra of the Royal Opera House und den hauseigenen Chor mit teils straffen Tempi durch das Mammutwerk, ohne sich die Freiheit zu epischer Breite im rechten Moment nehmen zu lassen. So fallen das Liebesduett am Ende des vierten Aktes oder auch das Duett zwischen Anna und Didon wirklich aus der Zeit. Pappano hält die Zügel mit dem notwendigen Maß an Unnachgiebigkeit in der Hand, um die Massenszenen und komplizierten Ensembles nicht auseinanderfallen zu lassen. Dabei bewältigt er die Partitur aber nicht nur, sondern lenkt den Berlioz’schen Streitwagen mit Energie, Leidenschaft und einer klaren Handschrift sicher ins Ziel.

Unter den vielen Solisten seien stellvertretend noch die auffallend stimmschöne und auch darstellerisch bewegende Anna von Hanna Hipp, der sonore Narbal von Brindley Sherratt, Barbara Senator als Ascagne und Ed Lyon als Hylas erwähnt.

Mit diesen durchweg überzeugenden musikalischen Leistungen, einer aufwendigen und in sich stimmigen Inszenierung ist diese Veröffentlichung, die zudem über ein umfangreiches und äußerst informatives Beiheft – leider ohne Trackliste – und vor jedem Teil über eine kurze Einführung mit Antonio Pappano verfügt, alle mal ihr Geld wert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Berlioz, Hector: Les Troyens

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
2
04.11.2013
Medium:
EAN:

DVD
809478010975


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Opus Arte

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Stets ist es unser Bestreben Ihnen kulturelle Ereignisse in bestmöglicher Qualität nach Hause zu bringen. Alle Neu-Veröffentlichungen werden im Widescreen-Format mit True-Surround-Sound und der zusätzlichen Option einer exzellenten Stereo-Tonspur produziert. Interessantes Zusatzmaterial füllt die DVD bis zur Kapazitätsgrenze. Midprice-Serien wie die -La Scala Box- und -Faveo- öffnen den Blick auf klassische Archivaufnahmen von den führenden Opernhäusern der Welt in außergewöhnlicher Qualität. Opus Arte ist immer auf der Höhe der stets schneller voranschreitenden technischen Entwicklung, manches Mal sind wir ihr auch einen Schritt voraus. Bereits vor sieben Jahren begannen wir mit der Produktion in High Definition und verfügen somit über einen sehr großen Katalog an Titeln, der nur darauf wartet veröffentlicht zu werden. Mit -Schwanensee- veröffentlichte Opus Arte als erstes Klassik DVD Label einen Titel im Format HD DVD. Auch ein Besuch unserer Website lohnt stets: Sie erhalten dort aktuelle Nachrichten, Besprechungen, exklusive Fotos, Trailer und zahlreiche Details zu unseren Produktionen aus erster Hand.


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