> > > Berlioz, Hector: Symphonie Fantastique
Donnerstag, 29. September 2022

Berlioz, Hector - Symphonie Fantastique

Einfach nur überwältigend


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Berlioz' 'Symphonie fantastique' und Varèses 'Ionisation' beweisen Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einmal mehr, dass sie zur Weltspitze gehören.

Hinwegfegende Crescendi, federleichte Walzerklänge, süffige Melodien, tiefgehende Emotionen, satanische Rhythmen – all das und vieles mehr bietet die Einspielung von Hector Berlioz‘ 'Symphonie fantastique' und Edgar Varèses 'Ionisation', die das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons vorgelegt hat. Beim Label BR-Klassik Anfang 2014 erschienen, zeigt die Aufnahme einmal mehr, dass das Münchner Orchester und sein lettischer Dirigent auf Weltklasse-Niveau agieren.

Dabei bringen die ausgewählten Werke an sich nichts Außergewöhnliches mit Berlioz‘ 'Symphonie fantastique' und Varèses 'Ionisation'; beide sind schließlich bekannte und wichtige Werke des 19. und 20 Jahrhunderts. Weder im Konzertsaal noch auf dem Tonträgermarkt sind die Kompositionen eine Seltenheit. Doch das Interessante der Einspielung liegt nicht so sehr in der Auswahl als in der Kombination der Werke. So wird der 'Symphonie fantastique', einem ‚instrumentalen Drama‘ mit immenser emotionaler Sprengkraft, mit 'Ionisation' ein Werk zur Seite gestellt, das ohne Melodie, allein auf das Schlagwerk beschränkt, große Spannung erzeugt. Dass diese Zusammenstellung, die auf den ersten Blick keine großen musikalischen Gemeinsamkeiten erkennen lässt, durchaus funktioniert, macht diese Aufnahme deutlich. Berlioz‘ 'Symphonie fantastique' endet mit dem satanischen Hexensabbat in 'Songe d’une nuit du Sabbat', in dem – laut dem individuell formulierten Booklet-Text von Jörg Handstein – ‚die Grenze zwischen Ton und Geräusch […] ins Wanken [gerät], wo die Musik einen Albtraum zeigt.‘ Gerade die wachsende Bedeutung des Geräuschs im Hexensabbat schafft einen fließenden Übergang zur nachfolgenden 'Ionisation', in der Geräusche und Rhythmen zum beherrschenden Gestaltungsmittel werden.

Diese klanglichen Kontraste, die die beiden Kompositionen fordern, präsentiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Jansons in herausragender, geradezu überwältigender Weise. Liebevoll, zärtlich, zerbrechlich eröffnen die Streicher mit großer Einfühlsamkeit den ersten Satz, wobei das Orchester einen verschwindend leisen, kaum hörbaren Klang erreicht. Dann bäumt sich das Ensemble aber auch binnen weniger Sekunden zu einem massiven, fast erschlagenden Fortissimo auf, das alle Intimität sofort vergessen lässt und die überdrehte Euphorie eines Fieberkranken suggeriert. Gegensätzliche Emotionen treten zutage, und das Ensemble offenbart auf diese Weise die unvorstellbaren seelischen Qualen des Liebenden. Gerade das ungeheure Auf- und Abschwellen, die kontinuierliche, ungebremste Steigerung beherrscht das Symphonieorchester in Perfektion. Der Interpretation ist ein unglaublicher Schwung zu eigen, der den Hörer förmlich von seinem Sitz fegt. Verstärkt wird das fantastische Klangerlebnis von einer herausragenden Klangqualität des Mitschnitts, durch die alle Facetten der 'Symphonie fantastique' ohne Verzerrung abgebildet werden.

Neben der beeindruckenden Ausführung der klanglichen Kontraste entwickelt das Orchester unter Jansons Leitung zudem eine große innere Balance; alle Instrumentengruppen greifen homogen ineinander. Übernehmen die Bläser die melodischen Einsätze – wie in der zweiten Ballszene die Flöten –, treten die Streicher sensibel zurück und schaffen eine durchsichtige, aber tragende Basis. Die Instrumente spielen, tanzen leichtfüßig miteinander, wobei jedoch das starke Fundament der Bässe nie verlorengeht. Gerade der dritte Satz der 'Symphonie fantastique' wird so zu einem besonderen Erlebnis. Aufs engste ist da die sanfte Melodie von Oboe und Englischhorn verwoben, unzertrennlich wachsen die beiden Instrumente im intimsten Pianissimo zusammen. Eine ungestörte, pastorale Idylle wird heraufbeschworen, die von dem zarten Spiel der Streicher fortgeführt wird. Langsam nimmt aber der Einfluss der tiefen Streicher und Bläser im Verlauf des Satzes zu, unaufhaltsam brechen sie immer wieder in die Idylle ein – in seiner Interpretation treibt Janson dieses Spiel von Spannung und Entspannung bis ins Äußerste.

Ein Wechselspiel von Spannung und Entspannung bringt dann auch das zweite Werk der Einspielung, Varèse 'Ionisation', in dem das Schlagwerk des Orchesters seine ganze Ausdrucksstärke unter Beweis stellt. Absolute Präzision, meisterhaftes Zusammenspiel und Klarheit selbst in größter rhythmischer Komplexität prägen dabei die Interpretation der 13 Instrumentalisten unter Jansons‘ Leitung. Keine großen Emotionen werden hier hervorgerufen, sondern eine systematische Klang- und Rhythmuslandschaft wird erforscht, die den Hörer mehr geistig fordert als seelisch mitnimmt.

Doch gerade die Kombination des emotionalen Feuerwerks im ersten Teil der Aufnahme und der rationalen Gestaltung von Klängen und Rhythmen im zweiten Teil macht den Reiz dieser Einspielung aus. Janson und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks präsentiert mit Hector Berlioz‘ 'Symphonie fantastique' und Edgar Varèses 'Ionisation' zwei wegweisende Kompositionen ihrer Zeit auf Weltklasse-Niveau. So unterschiedlich sie auch sein mögen – das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist durchweg überwältigend.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Berlioz, Hector: Symphonie Fantastique

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BR-Klassik
1
10.02.2014
Medium:
EAN:

CD
4035719001211


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BR-Klassik

BR-KLASSIK, das Label des Bayerischen Rundfunks (BR), veröffentlicht herausragende Live-Konzerte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO), des Chors des Bayerischen Rundfunks, des Münchner Rundfunkorchesters sowie der Konzertreihe musica viva. Dabei ist es ein wesentliches Ziel des Senders, über seine Radio- und TV-Programme hinaus auch digital sowie via CD und DVD allen Musikfreunden weltweit Zugang zu besonderen Aufnahmen zu bieten und auf diese Weise auch jenes Publikum zu erreichen, welches keine Möglichkeit hat, die Konzerte der internationalen Tourneen selbst vor Ort live zu erleben.

Neben den jeweiligen Chefdirigenten wie beispielsweise Mariss Jansons oder Sir Simon Rattle finden sich großartige Künstlerpersönlichkeiten wie Daniel Barenboim, Herbert Blomstedt, Bernard Haitink und viele andere mehr.

Die Reihe BR-KLASSIK WISSEN liefert unterhaltsame und kurzweilige Hörbiografien von Jörg Handstein mit vielen Hintergrundinformationen und Musikbeispielen auf jeweils 4 CDs, erzählt von Udo Wachtveitl sowie spannende Werkeinführungen in bedeutende Kompositionen der Musikgeschichte.

Durch die Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE werden historische Aufnahmen des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks wieder verfügbar. Beispielsweise die legendäre Aufführung des Verdi-Requiems unter der Leitung Ricardo Mutis mit Jessye Norman, Agnes Baltsa, José Carreras und Jewgenij Nesterenko und dem Chor des BR im Jahr 1981 oder etwa denkwürdige Konzertabende mit der Pianistin Martha Argerich: 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr.1 unter Seiji Ozawa.

Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 200 Aufnahmen und hat bereits mehr als 50 renommierte und internationale Auszeichnungen erhalten, darunter den Preis der Deutschen Schallplattenkritik, den Diapason d’or, den BBC Music Magazine Award und den ICMA.

BR-KLASSIK wird weltweit durch NAXOS vertrieben. Selbstverständlich gehören hierzu auch digitale Portale wie Spotify, Apple, amazon u.v.a.. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK. 


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