> > > Busch, Adolf spielt: Werke von Brahms, Tartini, Mozart u. a.
Sonntag, 20. September 2020

Busch, Adolf spielt - Werke von Brahms, Tartini, Mozart u. a.

Vergangen, aber nicht vergessen


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frühe Aufnahmen von Adolf Busch präsentieren einen mit der musikalischen Vergangenheit redlich umgehenden, feinsinnigen Künstler.

Diesen frühen, zwischen 1921 und 1929 entstandenen Berliner Aufnahmen des begnadeten Geigers Adolf Busch (1891-1952) sollte das Prädikat legendär und wegweisend verliehen werden. Erstmals veröffentlicht Guild in seiner Historical-Reihe Studioeinspielungen mit Buschs erstem Klavierpartner Bruno Seidler-Winkler, die 1921 und 1922 in den Deutsche Grammophon Studios Berlin entstanden. Auch das berühmte Busch-Quartett mit Adolf Busch und Gösta Andreasson (Violine), Paul Doktor (Viola) und Paul Grümmer (Violoncello) ist auf dieser Doppel-CD zu hören.

Der Zeitgeist gab vor, was auf den schwarzen runden Scheiben zu hören sein sollte. Und bevor Adolf Busch und sein Quartett Sätze aus den Quartetten von Joseph Haydn und W. A. Mozart – aus dem Streichquartett in D-Dur KV 575 – präsentieren konnten, musste Adolf Busch den Geschmäckern mit sogenannten ‚Encores’ – zu deutsch: Zugaben – Rechnung tragen.

Diese von Adolf Busch zauberhaft gespielten Encores, die zeitbedingt viel Knistern und Rauschen aufweisen, laden in eine ganz andere Epoche, der zwischen den beiden Weltkriegen, ein. Sie entführen in jene musikalische Kulturepoche des Aufbruchs und des gleichzeitig beginnenden Untergangs. Aus der virtuosen Geigentradition heraus hatte sich zuvor die klassische Geigentradition um Joseph Joachim, Henri Marteau und Carl Flesch gebildet.

Adolf Busch wurde 1910 nach seinem großartigen Berlin-Debüt mit dem Brahms-Konzert als Nachfolger Joachims und Marteaus gehandelt. Doch 1912 zog er einundzwanzigjährig als Konzertmeister des Konzertvereins nach Wien. Dort erstand er 1913 auch seine erste Stradivari, die auf den Aufnahmen von 1921/22 zu hören ist. Die Süße des Tones, die elektrisierende Schärfe der hohen Saiten ist unverkennbar in den Tartini-Variationen über ein Thema von Corelli sowie den Ungarischen Tänzen in der Bereitung von Fritz Kreisler (1875-1962) zu erleben. Kreislers feine Komposition 'Pugnani'-Praeludium hat Kreisler nie selbst eingespielt, ist also eine Rarität. Auch dessen 'Allegro' oder Antonín Dvoráks 'Humoreske' in g-Moll op. 101/7 sind musikalisch die Dauerbrenner einer erloschenen Zeit. Bevor die elektronische Aufnahme revolutionär 1928 die akustische Welt eroberte, mussten die Musiker sich mühevoll vor dem Aufnahmegerät bewegen: als Geiger hingeneigt beim Forte, zurückgelehnt beim Piano.

Legendär, zeitlos, wegweisend

Größte Aufmerksamkeit erregt aber die hinreißend musizierte, klug durchdachte, in atemberaubender polyphoner Dichte ausgelotete Bachsonate in G-Dur BWV 1021 sowie drei Sätze der E-Dur-Sonate BWV 1006 und die d-Moll-Partita BWV 1004 für Violine solo. Adolf Buschs monumental-monolithisch auftrumpfenden Ciaconna bildet den Gipfel dieser Aufnahme eines Ausnahme-Interpreten, der hierzulande zu Unrecht nahezu vergessen und kaum gewürdigt wird. Buschs innerliche Beseeltheit und tiefe Wärme bewegt auch nach so langer Zeit. Diese Bach-Deutung ist ein klingendes Bekenntnis eines lange Vergessenen.

Auch stellen seine Bach-Einspielungen den Beginn einer außerordentlichen Bach-Rezeption auf Tonträgern dar. Das Präludium, die Gavotte aus J .S. Bachs Partita in E-Dur erklingt noch mit Buschs erster Stradivari. Heute ist sie im Besitz vom Crossover-Star David Garrett. Busch musste diese, als er sich weigerte, in Deutschland unter Hitlers Diktatur aufzutreten –Busch war schon 1927 in die Schweiz gezogen und bereiste die Welt von dort aus – aus Geldnot verkaufen. An Pfingsten 1927 kam beim 17. deutschen Bachfest in Leipzig die kürzlich entdeckte Bach-Sonate G-Dur in der Bearbeitung von Adolf Busch und Friedrich Blume zur Uraufführung. Mit seinem treuen, lebenslangen Duopartner Rudolf Serkin –sie musizierten seit 1921 zusammen – trat er sowohl in Leipzig auf als auch auf der folgenden Deutschland Tournee. Als transparent im Ton, weich und voll im Klang wird Buschs Stradivari in den damaligen Feuilletons beschrieben. So wird Busch als ‚führender Meister deutschen Geigenspiels’ gelobt, der ‚Tiefe der Auffassung, strahlenden Glanz des Spiels und untrügliches Stilgefühl’ besitze. Buschs und Serkins Interpretation der G-Dur-Sonate ist ein einmaliges Dokument höchsten kammermusikalischen Ausdrucks. Hier musizieren zwei ebenbürtige Partner.

Die Krönung der CDs ist die ebenfalls wie die G-Dur-Sonate mit seiner zweiten Strad aufgenommene Partita d-Moll. Adolf Busch war ein Künstler voller menschlicher und musikästhetischer, fast musikethischer Verantwortung. Als interpretierender Solist hegte er zu Beginn der Aufnahmetechnik Zweifel, was und wie aufgenommen werden sollte. Ebenso ein Querkopf im Denken, Handeln und musikalischen Verwalten wie später der große Dirigent Sergiu Celibidache. Adolf Buschs Vermächtnis, die Verkörperung einer all zu früh endenden Geigentradition – in Amerika begründete er seine eigene – kann auf dieser Aufnahme wunderbar nachgespürt werden.

Das Booklet ist der einzige kleine Wermutstropfen der Produktion. Viel zu klein sind die Schrifttypen. Leider ist der Text vom Streicherexperten Tully Potter nur in Englisch. Er ist informativ, aber viel zu lang. Einem der herausstehenden Bach-Interpreten des letzten Jahrhunderts sollte durch zusätzliche deutsche oder französische Übersetzungen die gebührende Anerkennung zuteil werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Busch, Adolf spielt: Werke von Brahms, Tartini, Mozart u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
2
26.02.2014
Medium:
EAN:

CD
795754240726


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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