> > > Orient Express: Werke von Dvorak, Liszt, Schostakowitsch u. a.
Sonntag, 17. November 2019

Orient Express - Werke von Dvorak, Liszt, Schostakowitsch u. a.

Orientreise mit Stolpersteinen


Label/Verlag: ARS MUSICI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auf Durchreise zeigt das Take Four Gitarrenquartett die Verschiedenheiten der osteuropäischen Musik. Es hält mit seinem Programm an wichtigen Stationen, auf dem Weg stolpert es aber auch an einigen Stellen.

Das gesamte Programm dieser CD setzt sich aus osteuropäischer Musik zusammen und führt in fremde Klänge, komplexe Rhythmen und neue Kompositionsformen ein. Die ausgewählten Stücke sind im Original für Orchester, Klavier, Violine oder Gesang geschrieben worden. Umso bemerkenswerter ist die Idee des Ensembles Take Four, diese Stücke für ein Gitarrenquartett zu transkribieren. Clever ist sie insofern, als die Gitarre rückblickend auf ihre lange Geschichte doch eher auf dem Gebiet der Volksmusik anzusiedeln ist und hierdurch der volkstümliche und tänzerische Charakter einiger Stücke deutlich zum Ausdruck gebracht werden kann. Durch die Oktav- und Bassgitarre erweitern Take Four ihr Klangspektrum und verringern damit die Distanz zum Orchesterklang, der in vielen ihrer Transkriptionen durchaus angestrebt wird. Gleichwohl rücken sie mit ihren Bearbeitungen die zum Teil bekannten Werke in ein völlig neues Licht, wodurch dem Zuhörer neue Perspektiven ermöglicht werden.

Der ‚Orient-Express‘, wie das Album betitelt ist, beginnt mit dem berüchtigten 'Säbeltanz' von Aram Khachaturian, und schnell machen die witzigen Tonrepetitionen in dem mehrmals wiederkehrenden Hauptthema wie eine Sehenswürdigkeit auf sich aufmerksam. So belustigend diese Musik doch sein möchte, wird sie von Take Four zu locker, ja fast schon unbekümmert behandelt. Die berühmten Repetitionen werden zu geradlinig und beiläufig ausgeführt, zumal dynamische Schattierungen in diesem Stück insgesamt vernachlässigt wurden. Anstatt das Energiepotential dieser Komposition auszuschöpfen, scheint das Gitarrenquartett auf Reservemodus geschaltet zu haben. Die Transkription an sich wirkt unruhig; es fällt schwer, angesichts des rasanten Tempos den einzelnen Stimmen zu folgen, da diese sich häufig überlappen und wegen ihrer klanglichen Nähe zueinander nur mit Mühe unterschieden werden können. Die Interpretation kommt unentschlossen daher; das hätte durch geschickte Phrasierung und präzise Akzentuierung vermieden werden können.

Ganz anders wird das hierzu kontrastierende 'Wiegenlied' aufgefasst. Anstatt sich einer Neudeutung verpflichtet zu fühlen, hält das Quartett an den volkstümlichen Charakter und den Balkananklängen der Komposition fest. Das aus drei Tönen bestehende und stets aufwärts in die Tonika führende ‚Balkanmotiv‘, die durch ständige Wiederholung der Themen gefestigte Form und ein ruhiger Bass unter einer lyrischen, ja poetischen Melodie, erinnern stark an die volkstümlichen Türkü aus der türkischen Musikkultur. (Weshalb Take Four in ihrer Route die Türkei gemieden haben, ist im Übrigen unverständlich. Die Adaption der Werke türkischer Kunstmusiker wie Ahmet Adnan Saygun, Ulvi Cemal Erkin oder Cemal Resit Rey würde doch das Bild einer orientalischen Klangwelt mit eigenen, neuen Farben vervollständigen.) Nichtsdestotrotz gibt die Interpretation des 'Wiegenlieds' den ländlichen und nostalgischen Charakter der Musik angemessen wieder.

Dagegen ist das 'Moderato' aus der Serenade Es-Dur op. 22 von Antonin Dvorak ein gewaltiger Stolperstein. Die Interpretation wirkt nicht nur wegen der Eingängigkeit in der Dynamik eher klotzig, sondern ebenso wegen der kompositorisch anspruchslosen Transkription und dadurch verschlossenen Klangatmosphäre. Das anschließende 'Tempo di Valse weckt dagegen einen völlig anderen Eindruck. Die warmen Klänge und der konstante Dialogaustausch zwischen Oberstimme und Bass beweisen in dieser Transkription Originalität und Ideenreichtum. Die Akzente in der Melodie werden sehr geschickt gesetzt und präzise ausgeführt, wobei die Artikulation in der Melodie durch Staccato geschärft wird. Das aus drei Tönen bestehende Motiv wird sehr vielfältig im Bass verarbeitet, zumal die motivische Arbeit von Take Four hier wirklich überzeugt. Das Tempo wurde geschickt gewählt und der Walzer-Charakter wird sehr schön kaschiert bzw. kommt er hauptsächlich in der Präsenz des Hauptthemas zum Vorschein, wodurch das ganze Stück mit seinen vielen Facetten sehr lebendig wird.

An Lebendigkeit fehlt es dagegen der 'Hebräischen Melodie' von Joseph Achron. Das düstere Thema wirkt schwach und leblos. Die Begleitung wiederum blüht zunehmend auf und nimmt durch ausschweifende Figuren melodische Züge an. Sequenzen und Septakkorde modernisieren und färben das insgesamt dunkle Bild dieser Komposition. Die interpretatorische Klasse von Take Four zeigt sich in wechselnden Dialogen, der differenzierten Themenübergabe zwischen der Stimmen und der virtuosen Kontrasterzeugung. Konsequenterweise erlebt die Interpretation im Verlauf eine zunehmende Aufhellung und verdunkelt erst am Ende wiederdurch die Rückkehr zum makabren Anfangsthema.

Über Schostakowitschs 'Foxtrot' distanzieren sich Take Four zunehmend von den nostalgischen Klängen der Volksmusik des Balkans und erreichen in Cassucis 'Schöner Gigolo, armer Gigolo' die Endstation. Der sehr unterhaltende und verspielte Saloncharakter ist geprägt von virtuosen Bluesfiguren und Jazzklängen. Unabhängig von dem amüsanten Text überrascht der mehrstimmige Gesang von Take Four, die sich mit den onomatopoetischen Einwürfen ‚bling, bling, bling‘ sehr sympathisch verabschieden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Orient Express: Werke von Dvorak, Liszt, Schostakowitsch u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS MUSICI
1
07.02.2014
Medium:
EAN:

CD
885150338001


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ARS MUSICI

Wenn man es genau nimmt, reichen die Wurzeln des Labels ARS MUSICI bis in die 1950er Jahre zurück. Damals gründete Rudolf Ruby in Freiburg i.Br. die Schallplattenfirma deutsche harmonia mundi, die Pionierleistungen mit inzwischen legendären Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik in Sachen Historische Aufführungspraxis vollbrachte. Nach dem Verkauf des Labels und Katalogs an die BMG setzte man seit 1994 in der Schwarzwald-Metropole die Arbeit unter dem neuen Firmennamen Freiburger Musik Forum GmbH fort. Das Label ARS MUSICI wurde ins Leben gerufen, und das Themen-Spektrum der Produktionen erweiterte sich von Musik des Mittelalters bis hin zu aktuellster zeitgenössischer Musik.
Schwerpunkte liegen seitdem in den Bereichen der vokalen Ensemblemusik (Solisten, vokalsolistische Ensembles, Chöre) sowie instrumentaler Musik (insbesondere Tasteninstrumente und Kammermusik). Seit dem nunmehr über 10-jährigen Bestehen des Labels erschienen zahlreiche Neuveröffentlichungen, die national wie international eine breite und positive Resonanz in der Fachwelt sowie bei Presse und Kritik fanden und von denen etliche mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden. Den Katalog zieren heute Namen wie Michael Korstick, Robert Hill, Lorenzo Ghielmi, Tabea Zimmermann, Henrik Wiese, Klavierduo Stenzl, Trio Jean Paul, Artemis Quartett, Ensemble Modern, Ensemble Aventure, Singer Pur, Dufay Ensemble, Augsburger Domsingknaben, Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger ... ? um nur einige wenige zu nennen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Freiburger Musik Forums liegt in der Publikation von Tonträgern mit ausgezeichneten Interpreten der jungen Generation. So verbindet die Firma eine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat. Mit der CD-Reihe PRIMAVERA hat das Freiburger Musik Forum im Auftrag des DMR seit ca. 25 Jahren zahlreichen Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs ihre erste Chance gegeben, sich der Öffentlichkeit mit einer eigenen CD vorzustellen.
Mit dem Theodor-Egel-Saal in Freiburg Ebnet bietet die Firma einen idealen Raum für Tonträger-Aufnahmen ? in Zusammenarbeit mit erfahrenen Tonmeistern und einer rundherum sehr guten Betreuung der Künstler, die hier aufnehmen.


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