> > > Gluck, Christoph Willibald: Alceste, Iphigénie en Tauride & Orfeo ed Euridice
Sonntag, 21. Oktober 2018

Gluck, Christoph Willibald - Alceste, Iphigénie en Tauride & Orfeo ed Euridice

Gluck ist sexy und aktuell


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


300 Jahre Christoph Willibald Gluck wurden 2014 begangen. Aus diesem Anlass brachte Arthaus eine Box mit drei Opern-DVDs heraus, die beweist, was in Gluck steckt.

Wie kommt ein Rezensent dazu, einen Komponisten und sein Schaffen als ‚sexy‘ zu bezeichnen? Das erklärt sich aus dem Umgang mit seiner Person und seinen Opern, der und die einst als ultimative Klassiker der Barockzeit, was sie aber nie waren, galten. Dann kam der Händel-Boom, dann der um Vinci oder andere. Die italienische Barockoper, oder das was man dafür hält, mit ihren Countertenören hielt Einzug auf den internationalen Theatern. Das ist wundervoll, tat aber Gluck nicht gut, der, bevor er seine sogenannten Reformopern schuf, auch viele Opere serie komponierte. Den Gluck-Forscher schmerzt dieser Umstand sehr, denn einst war Gluck eben so ‚sexy‘ wie heute Händel, der eben kein klassischer Komponist der Opera seria ist. Seine Opern bewegen sich vom Text her auf einem im restlichen Europa ‚veralteten‘ Sachstand, und was er musikalisch und besetzungstechnisch zusammenstellte, wäre vielen Komponistenkollegen eher befremdlich vorgekommen. Man konsultiere hierfür das einschlägige Händel-Handbuch. Noch eine Anmerkung zum Thema Reformoper: Gluck hat davon nur zwei bzw. mit viel Wohlwollen drei geschaffen. Alles, was er für seinen großen französischen Auftrag schuf, sind keine Reformopern, sondern entsprechen einer damals ein Frankreich gerade sich etablierenden Ästhetik, die keiner Reform mehr bedurfte. Nachgerade muss sogar betont werden, dass Gluck seine Reformopern dem französischen Musikmarkt anpasste.

Drei Opern zum runden Jubiläum

Arthaus Musik hat zum 300. Geburtstag des Komponisten drei DVDs herausgebracht, die Aufführungen aus London, Zürich und Stuttgart dokumentieren und die eben nicht nur beweisen, dass Gluck sexy ist, sondern auch, dass er unserer heutigen Zeit noch viel zu sagen hat. Klar muss dabei sein, dass die drei gezeigten Inszenierungen zwar Kritikerpreise gewonnen haben und bei Teilen des Publikums auf Gefallen stießen, aber dem anklagenden Puristen, der auf einen Werkbegriff pocht, wie er Gluck niemals vertraut sein konnte, ein Dorn im Auge bleiben müssen. Orfeo in Fliegerjacke und Jeans sowie mit Gitarre oder andere wohlüberlegte Regie-Ideen, die oft doch nur Überzeitlichkeit betonen, werden schlicht als Eingriff in die Würde einer Oper hineingelesen, für die diese Würde fragliche Situationen mit sich brächte.

‚Che farò senza Euridice…‘

'Orfeo ed Euridice' (1762) aus dem Royal Opera House Covent Garden (1991) in der Inszenierung von Harry Kupfer und der musikalischen Leitung Hartmut Haenchens zeigt alle Beteiligten als Kenner ihres Geschäfts. Ob man nun Jochen Kowalski als Countertenor begreift oder nicht, sei dahingestellt, aber er meistert den Orfeo mit unbändiger Leichtigkeit. Und eine gute Portion Leichtigkeit vertragen die düsteren Bühnenbilder von Hans Schavernoch. Allerdings sind sie der Handlung durchaus angemessen. Der Stilbruch, den die Kostüme von Eleanore Kleiber erzwingen, und die Lichtregie von Willibald Kammer, die nur wenig lichte Momente zulässt, deuten den Personalstil an, der den Arbeiten unter Federführung von Kupfer trotz ändernder Mitarbeiter stets eigen ist. Kupfers Ästhetik, die vor allem Kritik der modernen Medien beinhaltet, prägt auch seine Inszenierung von 'Orfeo ed Euridice'. Amors Stimme, berückend gesungen vom Knabensopran Jeremy Budd, erklingt scheinbar aus dem transportablen Radio, und ein Fernseher spielt auch eine prominente Rolle. Der Royal Opera Chorus hingegen wird bewusst aus der Szene herausgehalten und ist an der rechten Seite des Orchestergrabens als antikisierender Chor platziert. Berückend agieren auch Gillian Webster als Euridice mit unschuldiger, wiewohl auch durch die Regie bedingter Unnahbarkeit, und der schon erwähnte Orfeo von Jochen Koüwalski lässt keine Wünsche offen. Stimmlich sehr präsent, aber im Klang gänzlich anders als seine Fachkollegen heutiger Zeit, ist er Orfeo, er spielt ihn nicht geschminkt. Manche vielleicht schon zu durchdachte Regie-Idee wird durch sein eindringliches Spiel klar und deutlich. Diese Inszenierung ging zurecht um die Welt.

Berührende 'Iphigénie en Tauride' in Zürich

Lange schon vor Don Carlo und Posa, wie sie bei Verdi auf die Bühne kommen, gibt es eine anrührende Opern-Männerfreundschaft, die durch Pylade, den Jugendfreund des Orest, in 'Iphigénie en Tauride' tränenreich besungen wird. Das Opernhaus Zürich, in dem die Aufzeichnung dieser Operninszenierung entstand, galt und gilt als progressives Haus und verfügt darüber hinaus sogar über ein eigenes Ensemble für historisch informierte Aufführungspraxis. La Scintilla präsentiert sich unter William Christie in Bestform und ein hervorragendes und vor allem recht junges Solistenensemble macht in der Regie von Claus Guth wirklich Freude. Meine persönliche Meinung zu Guths Arbeiten schwankt zwischen den Polen: Bitte nicht schon wieder diese Doppelgänger und Stellvertreter einerseits und große Bewunderung über eine konsequente Arbeitsweise andererseits, die auch bei großangelegten Opern das Kammerspielmäßige nicht vergisst. Dies hat er nicht zuletzt mit seinem Wiener 'Tannhäuser' gezeigt, den er als psychopathologische Studie eines ‚Künstlers‘ im Wien des Fin de Siècle präsentierte, inklusive Wiener Hofoper und Otto-Wagner-Spital.

Guths Tendenz zur Verbindung von Kammerspiel und Oper zeigt sich vor allem im entscheidenden zweiten Aufzug der Oper, der im für die französische Tradition so wichtigen Kerker spielt. Anrührend agieren der auf höchstem Niveau musizierende Rodney Gifry als Oreste und der mit feingeführtem Tenor singende Deon van der Walt als Pylade inklusive des Doppelgängers des Orest. Juliette Galstain überzeugt nicht nur gesanglich in dieser sehr fordernden Partie, sondern leidet richtiggehend, der Ästhetik des späteren Gluck entsprechend. Zweifellos großes Kino, das nachhaltig berührt.         

Die Pariser 'Alceste' gehört zu den Höhepunkten in Glucks Schaffen. Was ebenso ohne Zweifel gesagt werden kann, ist, dass mit der vorliegenden Aufzeichnung die größte Herausforderung für Puristen in dieser Box vorliegt. Die unter der Intendanz von Klaus Zehelein 2006 auf die Bühne gebrachte Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito steht exemplarisch für das in Stuttgart lange Jahre gepflegte Dramaturgen-Theater. Gerade die Arbeiten des genannten Duos, welche bis heute oft von Anna Viebrock und ihrem unnachahmlich dystopischen Stil ausgestattet werden, gehören zu den besonderes durchdachten Musiktheater-Arbeiten, die immer wieder Lust zum Nachdenken gerade auch über Klassiker machen. Aus Admète (prägnant von Donald Kaasch gesungen) einen etwas schmierigen Erlösungsprediger zu machen, überzeugt ebenso wie die berückend und sehr dramatisch gesungene Alceste von Catherine Naglestad, die diesem Prediger verfallen zu sein scheint. Besonderes Lob verdienen auch Michael Ebbecke als poltender Hercules und Wolfgang Probst als Herold. Zu viel sollte von dieser Inszenierung jedoch nicht verraten werden! Wer sich auf diese Produktion einlässt, wird einen wundervollen DVD-Abend erleben.  

Dirigate auf höchstem Niveau

Eine besondere Lanze muss abschließend für die drei Dirigenten der Produktionen gebrochen werden. Das Team von Arthaus Musik hat hier wirklich drei sehr verschiedene Dirigate von Musikern auf höchstem Niveau ausgewählt, die gleichzeitig ihren Gluck auf ganz verschiedene Weise musizieren, was sich als höchst anregend erweist. Constantinos Carydis legt die 'Alceste' mit dem Staatsorchester Stuttgart eher romantisch an, was aber bei dieser Oper nicht stört, während William Christie in Zürich mit dem Spezialensemble La Scintilla das andere Extrem repräsentiert. Der größte Spagat gelingt Hartmut Haenchen mit 'Orfeo ed Euridice', indem er einen weichen Barockklang mit dem an und für sich auf modernen Instrumenten musizierenden Orchester des Royal Opera House erreicht. Schon allein diese drei Herangehensweisen machen diese Box spannend, auch wenn die Produktionen nun dem Allgemeingeschmack vielleicht, leider, weniger zuträglich sind. Ein Must-Have, um Gluck neu (wieder) zu entdecken!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    Gluck, Christoph Willibald: Alceste, Iphigénie en Tauride & Orfeo ed Euridice

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Arthaus Musik
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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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