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Montag, 15. August 2022

Adams, John - Harmonielehre

Agilität und Statik


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Aufnahme mit Orchesterwerken des amerikanischen Komponisten John Adams zerfällt in zwei recht ungleiche Teile. Der erste mit der 'Doctor Atomic Symphony' ist tadellos, der zweite enttäuscht.

Man kennt den Eindruck aus dem Alltagsleben: Beim Blick auf ein schnell vorwärts rotierendes Speichenrad scheint es, als drehe sich das Rad in langsamerer Geschwindigkeit in die entgegengesetzte Richtung. Ähnlich ist der Eindruck, den vorliegende Aufnahme des Orchesterwerks 'Harmonielehre' des amerikanischen Komponisten John Adams hinterlässt. Adams bietet in diesem 1984-85 entstandenen, fast dreiviertelstündigen Dreisätzer für Orchester ein Feuerwerk rhythmischer Vitalität und Schichtung, ganz zu schweigen von den kräftigen Klangfarben des Orchesters, das vor allem im Schlagwerk Einzelkomponenten in den Vordergrund rückt. Doch in der bei Chandos erschienenen Einspielung des Royal Scottish National Orchestra unter der Leitung seines derzeitigen Musikdirektors Peter Oundjian ist zwar die Rhythmik – auch in ihren Überlagerungen – deutlich herausgearbeitet und die Tempi bewegen sich in dem vom Komponisten vorgezeichneten Rahmen. Aber letztlich herrscht doch der Eindruck des rasenden Stillstands. Die Musik scheint bei aller Agilität auf ihrer Oberfläche nicht recht vom Fleck zu kommen, sich nicht in eine bestimmte Richtung zu entwickeln. Die rhythmische Bewegtheit ist dem Moment verhaftet. Schon am Anfang des ersten Satzes zeigt sich das bei der rhythmisch-metrisch einkomponierten Bewegungssteigerung, die hier allerdings keine Energiezunahme zur Folge hat, weil sie sich recht ziellos bloß ereignet ohne gestaltet zu sein. Wie spannend, ja treibend dieses großartige Orchesterwerk gedeutet werden kann, hat jüngst Michael Tilson Thomas in einer erstklassigen, vermutlich auf Jahre hin den Maßstab bildenden Aufnahme von Adams‘ 'Harmonielehre' gezeigt.

Noch ein anderer Unterschied konkretisiert sich vor allem im Vergleich dieser beiden Aufnahmen: Durch eine voluminöse, prägnante Bassfundierung geraten die tektonischen Verschiebungen auf harmonischer Ebene bei Tilson Thomas weitaus klarer. Sie strukturieren das Werk und machen Entwicklungen sowie plötzliche Umbrüche erfahrbar, während die bassschwache Präsentation vorliegender Produktion das harmonische Element etwas unterbelichtet lässt. Und schließlich ist da noch die Ebene der Klangfarbe, die bei diesem Werk eine wesentliche Rolle spielt. MTT entlockt dem San Francisco Symphony Orchestra eine fast rauschhafte Fülle verschmelzender Klangvaleurs, während das Royal Scottish National Orchestra (in beiden Wiedergabeformaten der hybriden SACD) zu sehr in einzelne Klanggruppen zerfällt. Positiv hervorzuheben ist allerdings die präzise Herausarbeitung gerade des Schlagwerks. Am attraktivsten sind in dieser Produktion die filigranen Momente, in denen helle, quecksilbrige Klangfarben im Vordergrund stehen, etwa zu den Beginn des dritten Satzes 'Meister Eckhardt and Quackie'.

Aufs Ganze gesehen scheint Peter Oundjian mit den lyrischen Momenten interpretatorisch mehr anfangen zu können als mit den rhythmisch mehrschichtigen. Wenn im ersten Satz der 'Harmonielehre' die Kantilenen in den Celli einsetzen, entsteht ein angenehmer musikalischer Sog. Aber nach mehreren Minuten, wenn sich der Fokus zu den hohen Streichern wendet, scheint dem Dirigenten ein wenig der ordnende Überblick zu entgleiten und die Musik erscheint wieder recht ziellos.

Weitaus besser ist – neben einer zwar zügigen, aber nicht eben feurigen Lesart des orchestralen Showpieces 'Short Ride in a Fast Machine' (1986) – die aus der Oper 'Doctor Atomic' vom Komponisten herausgelöste 'Doctor Atomic Symphony' (2007). Auch in dieser Oper gelingt Adams die Verbindung eines großen politischen, fast menschheitsgeschichtlichen Themas mit dem Physiker und ‚Vater der Atombombe‘ J. Robert Oppenheimer und einer persönlichen, das Schicksal der Handelnden betreffenden Ebene. Die drei (sehr unterschiedlich langen) Sätze des orchestralen Destillats sind getragen von einer auf dramatische Unmittelbarkeit gerichteten Musik, die im Gegensatz zu 'Harmonielehre' weitaus weniger sinfonisch angelegt ist. Das kommt dem Zugang von Peter Oundjian sehr entgegen. Hier kann sich die Spannung kurzer Strecken prägnant und in kräftigen Farben gemalt übertragen. Dass sich der Dirigent damit wohler fühlt, meint man auch dem Orchester ablauschen zu können, das hier – um einige Gastsolisten verstärkt – deutlich mehr überzeugen kann. In der Summe also eine Aufnahme, die mit der 'Doctor Atomic Symphony' einen verheißungsvollen Einstieg bietet, die hohen Erwartungen aber mit der beschließenden 'Harmonielehre' nicht erfüllen kann.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Adams, John: Harmonielehre

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
08.11.2013
Medium:
EAN:

SACD
095115512920


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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