> > > Little, Tasmin spielt: Werke von Moeran, Delius, Holst u. a.
Montag, 15. August 2022

Little, Tasmin spielt - Werke von Moeran, Delius, Holst u. a.

Feinste britische Violinromantik


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ernest John Moerans Violinkonzert überragt die anderen konzertanten Werke, die Tasmin Little hier zusammen mit dem BBC Philharmonic unter Andres Davis eingespielt hat.

Nicht alle, aber sehr viele Komponisten, die ein Violinkonzert schrieben, ließen sich von einem Geiger beraten. Oft war dieser dann Widmungsträger des Werkes und spielte auch die Uraufführung. Joseph Joachim ist hier sicherlich das berühmteste Beispiel; für ihn schrieben Schumann, Dvorak und Brahms ihre Konzerte. Auch Ernest John Moeran (1894–1950) suchte den Rat des seinerzeit berühmten Geigers Arthur Catterall für die Ausgestaltung des Soloparts in seinem Werk. Der lange Entstehungszeitraum der Komposition (1937 bis 1942) mag Moerans labilem Gesundheitszustand geschuldet sein; eine im Ersten Weltkrieg erlittene Verwundung machte ihm bis zum Ende seines Lebens zu schaffen. Wie praktisch alle anderen britischen Violinkonzerte (so etwa auch Brittens Konzert, das für Antonio Brosa entstand) ist das Stück nur sehr selten im Konzertsaal zu hören. Tasmin Little, seit Jahren eine engagierte Anwältin vernachlässigter (britischer) Violinkonzerte, hat bereits Werke von Frederick Delius und Gerald Finzi dem Vergessen entrissen. Das elegisch-spätromantische Moeran-Konzert passt also bestens in ihr Portfolio. Sie musiziert zusammen mit dem BBC Philharmonic unter Andrew Davis. Das zweite größere Werk, das dieser CD auch ihren Namen gibt, ist Ralph Vaughan Williams‘ berühmte Romanze 'The Lark Ascending' (etwa: Die sich erhebende Lerche). Daneben stehen noch kürzere Kompositionen von Delius, Gustav Holst und Edward Elgar.

Moeran folgte in seinem Konzert zwar der traditionellen Dreisätzigkeit, wandelte es aber in vielen Details ab. Der üblicherweise an zweiter Stelle befindliche langsame Satz beschließt das Werk, dem Kopfsatz folgt ein lebhaftes Rondo mit einer integrierten 'Valce Burlesca'. Zudem enthält der erste Satz zwei Kadenzen. Dank Catteralls Expertise ist das Stück zwar anspruchsvoll, aber auch für den Solisten sehr dankbar konzipiert. Insbesondere in den ersten beiden Sätzen gibt es zahlreiche Möglichkeiten zur violinistischen Entfaltung. Little lässt sich nicht zweimal bitten: Ihre exzellente Technik kommt vor allem im von Davis rasant genommenen Rondo hervorragend zur Geltung, in den Ecksätzen kann sie mit einer bewundernswerten lyrisch-melodischen Gestaltungskraft punkten. Die orchestrale Begleitung gelingt dem BBC Philharmonic angemessen dezent, aber nie mit zu starker Zurückhaltung. Herrlich zu hören, wie etwa das Fagott nach dem kraftvollen Beginn des Rondos munter mit der Solistin dialogisiert. Auch das sanfte Ausschwingen des Finalsatzes gelingt allen Interpreten bestens. Die Klangbalance verstärkt diesen positiven Eindruck: Littles Violine schwebt gleichsam über dem Orchester, das aber doch angemessen berücksichtigt wurde. Ein guter Teil dieser Balance geht natürlich auch auf das Konto des Komponisten.

Die fünf anderen Stücke auf dieser CD können mit der kompositorisch-musikalischen Substanz des Moeran-Konzertes nur bedingt mithalten. 'The Lark Ascending' gibt Little zwar Gelegenheit, ihr brillantes Spiel bis in höchste Lagen zu zelebrieren, doch die Begleitung des Orchesters ist eher schlicht gehalten. Ohne Zweifel ist es ein Genuss, die zahlreichen Triller der Solovioline – Vaughan Williams mag hier an den Flügelschlag der Lerche gedacht haben – so exzellent und sauber ausgeführt zu hören. Delius‘ 'Legende' ist eine impressionistisch angehauchte Tondichtung mit herrlichen Kantilenen, in der sich Littles flexible und warme Tongebung bestens mit dem von Davis etwas zu stark zurückgehaltenen Orchester verbindet. Besonders effektvoll und dramatisch ist den Musikern hier der kurze Mittelabschnitt 'Piu vivo, con vigore' gelungen. Die zarten orchestralen Farbtupfer (Harfe, Horn) neben dem sonst sehr dominanten Violinpart wurden von der Klangtechnik wunderbar eingefangen.

Dies gilt auch für Holsts 'Nachtlied', das aber sonst im Vergleich zu Moeran und Delius etwas schwächer abschneidet. Von der orchestralen Strahlkraft seiner 'Planeten' war Holst hier ein gutes Stück entfernt. Das Einfangen der lyrisch-melancholischen Stimmung, fast ein wenig Mondschein-Romantik (aber ganz ohne Kitsch) gelingt Little und Davis bestens. Die kurze, hochdramatische Steigerung in der Mitte des Stückes macht den britischen Orchestermusikern hörbar Freude. Charmant, aber auch etwas harmlos wirken schließlich die drei Elgar-Arrangements von Roger Turner. Little holt mit ihrer sehr feinen dynamischen Schattierung das Bestmögliche aus den Miniaturen heraus. Hinreißend gelingt ihr dabei 'Salut d‘amour', ohne Zweifel eines der berühmtesten Werke des Komponisten.

Vor allem – aber nicht nur – dank Moerans Konzert darf diese CD als Glücksfall für das Violin-Repertoire bezeichnet werden. Ein besseres Plädoyer für das – obwohl mitten im 20. Jahrhundert komponierte – zutiefst romantische Werk ist kaum denkbar. Tasmin Littles technisch wie musikalisch gleichermaßen herausragendes Spiel veredelt auch die anderen Werke und eröffnet dem Hörer die Vielfalt der britischen (Violin-)Musik des 20. Jahrhunderts.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Little, Tasmin spielt: Werke von Moeran, Delius, Holst u. a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
08.11.2013
Medium:
EAN:

CD
095115179628


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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