> > > Strauss, Richard: Die Frau ohne Schatten
Montag, 29. November 2021

Strauss, Richard - Die Frau ohne Schatten

Russische Erstaufführung


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch wenn Jonathan Kents Produktion von Strauss' 'Frau ohne Schatten' von der Presse in höchsten Tönen gelobt wurde, entfaltet sie auf DVD nur bedingt ihren Zauber. Auch die musikalische Seite lässt viele Wünsche offen.

Im Jahr 2009 wurde in Russland zum ersten Mal Richard Strauss‘ 'Die Frau ohne Schatten' gegeben, und zwar im Mariinsky Theater in St. Petersburg. Die Produktion in der Regie von Jonathan Kent hat es nun beim hauseigenen Label Mariinsky auf eine Doppel-DVD geschafft, mitgeschnitten im Dezember 2011.

Ob man diese Inszenierung zwingend in Ton und Bild festhalten musste, ist fraglich. Vieles ist hübsch anzusehen, einiges nicht hübsch anzuhören, und neue Erkenntnisse über die Figuren und ihre Nöte gewinnt man auch nicht. Jonathan Kent trennt die Welten der Menschen optisch klar von derjenigen des Kaisers und jener der Geister, wobei der Kaiser, obwohl selbst ein Mensch, in Kostüm und Maske eher wie ein Teil des Geisterreichs erscheint.

Nun ja. Wo man auf der einen Seite ein wirklich fantasievoll ausgestattetes ‚russisches Märchen aus 1001 Nacht‘ geboten bekommt, herrscht bei Barak die harte Realität der Neuzeit. Das ist konsequent, und tatsächlich berühren die Menschen-Szenen weit mehr als jene der Märchenwelt. Denn in den symbolträchtigen Bühnenbildern, zwischen gigantischen Blumen, eisenbeschlagenen Pforten und bläulich schimmernden Tänzern passiert einfach nichts. Die Sänger stehen hilflos umher und ergehen sich in Standardgesten. Daran krankt letztlich auch der gesamte dritte Akt, der zwar effektvoll ausgeleuchtet ist und mit wenigen Bühnenelementen versucht, Stimmung zu erzeugen, über die ungeheuren Dimensionen der gespielten Zeit und die Handlungsarmut aber nicht hinweghilft. Vielleicht wirkt diese Produktion live um einiges besser – auf DVD sind sämtliche Nahaufnahmen einfach nur entlarvend.

Das durchweg nicht muttersprachliche Ensemble schlägt sich wacker; wirklichen Genuss bereitet die musikalische Seite aber nur bedingt. Valery Gergiev lässt es im Graben aufbrausend dröhnen, das Mariinsky Orchestra schwelgt im eigenen Klang. Dynamische Differenzierung überrascht in dieser opulenten Lesart ebenso wie das ungeheuer zügige Tempo. Dennoch: Es klingt berauschend schön, was da aus dem Orchester tönt. Ein satter Streicherapparat und bestens disponierte Blechbläser, vom überirdisch schönen Violinsolo (Kirill Terentiev) im dritten Akt ganz zu schweigen. Aber sängerfreundlich ist das nicht. Und über einen Zeitraum von weit über drei Stunden hin ist der Klangrausch recht ermüdend. Die 'Frau ohne Schatten' hat weitaus zartere und durchsichtigere Momente als uns Gergiev glauben lassen will.

Schwaches Färberpaar

Das Färberpaar ist leider stimmlich unzureichend besetzt. Edem Umerov ist zwar ein gutmütiger, wenn auch grobschlächtiger Barak, es fehlt ihm aber an bass-baritonalem Fundament. Die Stimme entwickelt wenig Wärme und verfügt über wenige Farbnuancen. Dafür ist Umerovs Deutsch recht ordentlich, was man von seiner Bühnen-Gattin Olga Sergeeva als Färbersfrau nicht behaupten kann. Sie keift mit hörbarer Wonne vor sich hin, bleibt aber undifferenziert in ihrer Interpretation. Trotz ihres heftigen Vibratos gelingen ihr im zweiten Akt einige berührende Stellen, aber auch, weil sie ihre stimmlichen Defizite mit einer glaubhaften Darstellung überspielen kann. Dass sie beständig alle hohen Töne von unter her anschleift, um sich dann im Verlauf der gesungenen Note auf eine Tonhöhe festzulegen, ist auf Dauer enervierend. Im dritten Akt kämpft sie, hörbar ermüdet, mit der Intonation. Dennoch: Heftiger Jubel für die Sängerin, die im Applaus den letzten Solovorhang entgegennehmen darf.

Der Tenor Avgust Amonov ist als Kaiser eine rollendeckende Besetzung, ohne Glanzlichter zu liefern. Er verfügt über eine kraftvolle Höhe, die mit ihrem metallischen Glanz mühelos die Hürden von Strauss‘ Komposition meistert. Dass er als Figur recht blass bleibt, liegt zum einen an der fehlenden Personenregie, zum anderen ist seine Tongebung von einer mechanischen Härte, die ihn die schwierige Partie zwar beeindruckend bewältigen lässt, aber keine Sympathie beim Hörer und Zuschauer erzeugt.

Als absolute Fehlbesetzung muss die Amme von Olga Savova gelten. Die Mezzosopranistin hat eine wirklich klangschöne Stimme, die in höheren Lagen wundervoll anspringt. Für die tiefen Passagen der Amme fehlt es ihr aber am nötigen Fundament, und jegliche sprachliche Prägnanz geht ihr aufgrund ihres nicht existenten Deutschs vollkommen ab. Zudem ist Savova einfach keine Schauspielerin. Und gerade die Rolle der Amme verlangt nach großer Bühnenpräsenz. Olga Savova kämpft aber beständig mit den Tücken der deutschen Sprache, kämpft darum, in den tiefen Lagen gehört zu werden und traut sich kaum einmal, vom Dirigenten wegzusehen, um mit den Kollegen auf der Bühne zu spielen. Mit dem Ausruf der Amme ‚Übermächte sind im Spiel! Her zu mir!‘ schleudert sie am Ende des zweiten Aktes unvermutet einen vokalen Feuerball ins Publikum. Da ist ihre Stimme zuhause, da kann sie überzeugen. Mit der Partie der Amme hat sie aber keine Chance, ihre Qualitäten auszuspielen.

Kaiserin und Geisterbote retten den Abend

Was diese DVD aber dennoch wertvoll macht, ist der herrliche Geisterbote von Evgeny Ulanov, der mit fast lupenreiner Artikulation und strömendem Bassbariton aus dem übrigen Ensemble auffallend positiv heraussticht, und die wirklich phänomenale Kaiserin von Mlada Khudoley. Die Sopranistin scheint wirklich über alle Qualitäten zu verfügen. Mit endlosem Amten meistert sie die langen Strauss-Phrasen, verleiht der Kaiserin mit lyrischem Glanz überirdische Tonschönheit und hat gleichzeitig die Fähigkeit zum dramatischen Zugriff. Die unmenschlichen Intervallsprünge sind von ungeheurer Intensität, gleißend hell strahlen die Spitzentöne und menschlich warm glühen die Mittellage und Tiefe. Khudoleys Sopran ist zudem äußerst beweglich. Die erste Szene mit den tückischen Auszierungen und glitzernden Höhenflügen bereiten ihr nicht die geringste Mühe. Noch im dritten Akt hat Mlada Khudoley alle Reserven für die lange Szene der Kaiserin, auch das Melodram bewältigt sie mit großer Souveränität. Diese herrlich gesungene Kaiserin hätte es nur noch eine bessere Diktion verdient, dann wäre diese Interpretation nahezu perfekt.

Auch wenn Jonathan Kents Produktion von der Presse in höchsten Tönen gelobt wurde, entfaltet sie auf DVD nur bedingt ihren Zauber. Aber die Kaiserin von Mlada Khudoley ist eine Entdeckung wert!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Die Frau ohne Schatten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
2
08.11.2013
Medium:
EAN:

DVD
822231854326


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Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


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