> > > Ligeti, György: Métamorphoses nocturnes
Donnerstag, 14. November 2019

Ligeti, György - Métamorphoses nocturnes

Neue Maßstäbe


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Quatuor Béla wartet mit einer fulminanten Einspielung von György Ligetis Streichquartetten auf.

Mit seiner genauen und detailreichen Einspielung der beiden Streichquartette György Ligetis, beim französischen Label æon erschienen, setzt das Quatuor Béla (mit Julien Dieudegard und Frédéric Aurier, Violine; Julian Boutin, Viola; Luc Dedreuil, Violoncello) neue interpretatorische Maßstäbe. Bereits der Anfang des 1953/54 entstandenen Streichquartetts Nr. 1 mit seinen ‚misterioso‘ aus der Stille sich herausschälenden Klängen wirkt wie ein spannungsvoll aufgeladener Doppelpunkt, der in eine fulminante Fortsetzung mündet. So agieren die vier Musiker im weiteren Verlauf energiereich in der rhythmischen Diktion, lassen sich in perfektem Zusammenspiel bei der Gestaltung der Unisono-Blöcke hören und zeichnen die vorgeschriebenen Extreme innerhalb der Dynamik mit scharfkantiger Artikulation. An einigen Stellen hinterlässt das Ensemble dabei in klanglicher Hinsicht gar den Eindruck einer mit ihrem Spiel druckvoll nach vorne treibenden Heavy-Metal-Band.

Darüber hinaus ist aber auch – ein besonders geglücktes Detail – der grimmige Humor Ligetis immer wieder deutlich zu spüren: So lassen sich die vom Komponisten gesetzten ironischen Spitzen nicht nur bei einer wie unmotiviert in den Zusammenhang eingefügten Kadenzwendung sondern auch beim plötzlich hereinbrechenden Walzer mit seiner banalen Melodie oder bei den nachfolgenden Ostinati bemerken. Wie dies alles in eine Gesamtdarstellung des Werkes eingebettet ist, erweist sich als große Klasse, weil – wesentlich stärker überspitzt als in anderen, hiergegen eher brav anmutenden Aufnahmen – die von Ligeti bewusst komponierten Brüche richtiggehend inszeniert werden. Konzentriert erklingen dagegen die ruhigeren Passagen, insbesondere dort, wo sich über einer intimen Zeichnung der leisen Hintergrundschichten zarte Melodiebewegungen entfalten.

Im Streichquartett Nr. 2 von 1968 setzt der Komponist noch weitaus stärkere Kontraste als im früheren Werk, worauf die Interpreten mit einer drastischen Darstellung reagieren. So wie die wilden Ausbrüche vor dem Hintergrund scharfer Flageoletts dem Hörer manchmal abrupt den Boden unter den Füßen wegziehen, werden umgekehrt die leisen Borduns mit ihrer brüchigen Klanglichkeit, die verschwindend leisen Tremoloakkorde oder die ineinandergeschobenen, klanglich trockenen Pizzicato-Repetitionen mit ihrem hektischem Gewusel vielschichtig umgesetzt. Komplettierend zu den beiden Ensemblewerken hat Luc Dedreuil noch Ligetis zweisätzige Solosonate für Violoncello (1948–53) aufgenommen: Nach tastendem deklamatorischen Beginn geraten ihm viele Passagen wunderbar ruppig und knorzig, ohne dass er dabei die zarten Momente des Werkes vernachlässigte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Ligeti, György: Métamorphoses nocturnes

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
08.11.2013
Medium:
EAN:

CD
3760058360323


Cover vergössern

aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag aeon:

  • Zur Kritik... Interpretation der Spitzenklasse: Der französische Pianist Cédric Pescia überzeugt mit einer faszinierend nuancierten Zugang zu Cages 'Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier'. Weiter...
    (Tanja Geschwind, )
  • Zur Kritik... Kulturelle Anverwandlung: Thierry Pécous Werke erweisen sich als spannende anarchische Weltenmusik, die Grenzen mühelos übergeht. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Schlackenloser Vokalklang: In einer starken CD-Produktion fokussiert das Ensemble Exaudi mit Kompositionen Wolfgang Rihms und Luigi Nonos auf unterschiedliche Facetten zeitgenössischer Vokalkunst. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von aeon...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Attraktive Kammermusik: Torleif Thedéen und Oliver Triendl brechen eine Lanze für Robert Kahns Kammermusik für Cello und Klavier. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Jahrzehnte mit Debussy: Vladimir Ashkenazy interpretiert beide Bände von Debussys 'Préludes'. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Das Liszt-Problem: Boris Giltburgs Diskographie weist ihn als Experte der romantischen Pianistik aus. Mit Liszts 'Transzendentaletüden' ergänzt er sein Repertoire nun um einen wichtigen Baustein. Weiter...
    (Sebastian Rose, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Draeseke: String Quartet No.2 op. 35 - Scherzo. Allegro vivace

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich