> > > Corelli, Arcangelo: Violinsonaten op. 5 Vol. 1
Sonntag, 23. Februar 2020

Corelli, Arcangelo - Violinsonaten op. 5 Vol. 1

Hört Ihr sie nicht sprechen?


Label/Verlag: Passacaille
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Enrico Onofri und sein Ensemble Imaginarium mit dem ersten Teil einer Neueinspielung des Opus 5 von Corelli.

Seltsame Veränderungen sollen, nach Zeitgenossen, beim Geigespielen mit Arcangelo Corellis Physiognomie vor sich gegangen sein. Seine Augen, hieß es, wurden feuerrot, seine Gesichtszüge verzerrten sich, die Augäpfel rollten ‚wie bei einem Besessenen‘.

Ich gestehe, dass sich mir beim Hören von Corellis Musik kaum einmal dieses Bild eingestellt hat. Waren nicht andere – Vivaldi, Veracini, Tartini – die ‚Teufelsgeiger‘, Corelli hingegen, einem Bonmot zufolge, der ‚Klassizist‘ unter den italienischen Barockkomponisten? Dass nun aber ein Teil des Opus 5 des Bolognesers von Enrico Onofri und seinem Imaginarium-Ensemble eingespielt wurde, lässt aufhorchen. Dieselben Interpreten wandten sich vor wenigen Jahren auf einer beeindruckenden CD einigen Violinsonaten Vivaldis zu und bestachen dabei mit einer nachgerade visionären Deutung des Repertoires. Vor allem Vivaldis zumeist im Schatten stehende frühe Solo- und Triosonaten erklangen hier berstend temperamentvoll, mit fliegendem Puls, flirrend-fiebrig. Ein solchen Spiels fähiges Ensembles – und der ‚Klassizist‘ Corelli: Das machte fürwahr neugierig.

Geboten wird auf der neuen CD nun aber kein überdrehter Starkstrom-Corelli. Die Interpretationen der (auf einer CD vorliegenden) Sonaten Nr. 1, 3, 5, 7, 9, 10 erklingen sprudelnd, zugleich nobel, heiter, schwebend. Onofri zeigt sich – bei allem Temperament – jeder instrumentalen Kraftmeierei abhold. Sein Spiel ist blendend präsent und quicklebendig, dabei von großer Geschmeidigkeit und Eleganz. Seiner Tonbildung scheint jene Dichte und Ausdruckskraft zu eignen, die die Zeitgenossen an Corellis Spiel lobten, als sie es mit den Klängen einer ‚süßen Trompete‘ verglichen. Darüber hinaus ist Onofris leichthändige Bogentechnik zu bewundern: die – auch und gerade in der figurativen Auflösung – fließend und ebenmäßig gezogenen Phrasen, die Präzision der wie mit der Nadel gestochenen kleinsten Tupfer.

Freilich: Der beste Barockgeiger ist wenig ohne eine gleichen Sinnes unterstützende Continuo-Gruppe. So ist das kongeniale Wirken von Alessandro Palmeri (Cello), Margret Köll (Harfe), Alessandro Tampieri (Erzlaute) und Riccardo Doni (Cembalo/Orgel) nicht gering zu veranschlagen. Insbesondere durch die Doppelharfe wird der Continuo-Klang reich und duftig, ohne zu dominieren. Es mag sein, dass der bei aller Schmiegsamkeit sehr helle, drahtige Klangcharakter des Imaginarium-Ensembles auf dieser Aufnahme eine Spur zu stark hervortritt; dem Bassregister mag es insgesamt etwas an Kernigkeit mangeln, die mittleren Regionen, in denen sich die rechte Cembalohand und Harfe bewegen, mögen etwas zu unverbindlich bleiben. Es handelt sich dabei freilich nur um Nuancen.

Wichtig ist vor allem eins: Das inspirierte Miteinander aller Beteiligten, das hier zu hören ist. Wem es beim 'Tempo di Gavotta' aus der A-Dur-Sonate (Nr. 9) nicht in die Beine fährt, der sollte sich vergewissern, dass er nicht versteinert ist. In der F-Dur-Sonate (Nr. 10) wird die Solo-Geige durchgängig nur vom Continuo-Cello begleitet – letzteres übrigens 1685 vom römischen Instrumentenmacher Cimapane gefertigt und im Orchester Corellis eingesetzt. Heraus kommt ein witziges, schön musiziertes Instrumental-Duett, ein Imitieren, Dialogisieren, ein geistreiches Sich-zu-Werfen von Frage und Antwort. Man möchte den Mithörenden jene Worte zurufen, die Corelli an seine Schüler richtete, als er ihnen vorspielte, seine Geige meinend: ‚Hört Ihr sie nicht sprechen?‘

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Corelli, Arcangelo: Violinsonaten op. 5 Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Passacaille
1
08.11.2013
Medium:
EAN:

CD
5425004849885


Cover vergössern

Passacaille

Das belgische Label PASSACAILLE wurde 1995 gegründet und sollte von Anfang an eine Plattform für hochrangige belgische Künstler der historischen Aufführungspraxis sein. Das Barockorchester il Fondamento mit seinem Leiter Paul Dombrecht und der Hammerklavierspezialist Jan Vermeulen gehörten zu den ersten, die für das Label aufnahmen. Später erweiterte sich der Künstlerkreis um weitere prominente Namen wie Wieland Kuijken oder das Ensemble Octophorus. Bald erhielten die Aufnahme internationale Preise, was als zusätzlicher Anreiz gesehen wurde, sich im künstlerischen Bereich auch internationalen Künstlern und Ensembles zu öffnen. Ab 2000 begann die Zusammenarbeit mit Künstlern aus verschiedenen europäischen und transatlantischen Ländern. 2006 übernahm der belgische Traversflötist und Musikwissenschaftler Jan de Winne das Label und erweiterte den Künstlerkreis des Labels erneut um international renommierte Künstler wie zum Beispiel Graham O'Reillys Ensemble Européen William Byrd und Lorenzo Ghielmis Ensemble La Divina armonia, das hier erst kürzlich eine fulminante Aufnahme von Händels Orgelkonzerte Op.4 vorgelegt hat. Als weitere Neuzugänge seien noch der brasilianische Cembalist Nicolau de Figueiredo, der Cellist Sergei Istomin und der Fortepianist Alexei Lubimov zu nennen. Im Rahmen der Neuorganisation des Labels möchte Jan de Winne den bewährten ursprünglichen Schwerpunkt Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beibehalten, aber auch nach und nach Musik späterer Epochen in das Programm integrieren.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Gero Schreier zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Passacaille:

  • Zur Kritik... Am besten im Team: Das belgische Ensemble Oxalys ist für Jean Cras ein überzeugender Anwalt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Musik aus Andalusien: Das Orquestra Baroca Sevilla bringt eine CD mit Trauermusik aus dem Andalusien des 18. Jahrhunderts heraus. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Echte Alternative: Diese CD nähert sich Tschaikowsky konsequent anders: Die 'Rokoko-Variationen' erklingen hier mit Klavierbegleitung. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle Kritiken von Passacaille...

Weitere CD-Besprechungen von Gero Schreier:

  • Zur Kritik... Explosiv, dissonant, introvertiert: Das Arcadia-Quartett hat Béla Bartóks Streichquartette eingespielt. Frühere Aufnahmen des Ensembles weckten hohe Erwartungen. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Über die Liebe: Einen Erkundungsgang ins musikalische Mittelalter bietet das Ensemble Trobar e Cantar. Die Liebe ist das verbindende Thema. Weiter...
    (Gero Schreier, )
  • Zur Kritik... Frisch im Duktus: Frieder Bernius und seine Stuttgarter Ensembles legen eine weitere Einspielung einer Zelenka-Messe vor. Die lässt sich hören. Weiter...
    (Gero Schreier, )
blättern

Alle Kritiken von Gero Schreier...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Fern von Frankreich: Tempesta di Mare versucht sich an französischen Opernsuiten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Barocke Dido-Facetten: Sunhae Im und das Teatro del Mondo unter Andreas Küppers bringen barocke Schätze und Raritäten rund um die tragische Königin Dido wieder ans Tageslicht. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Klangbaden: Sehr feine, subtile Klangräume zeichnen ein spirituelles Programm, das unmittelbar ansprechend ist. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2020) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Florian Leopold Gaßmann: Opera Arias

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich