> > > Donizetti, Gaetano: Lucrezia Borgia
Donnerstag, 27. April 2017

Donizetti, Gaetano - Lucrezia Borgia

Mutti und Sohn


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Lucrezia Borgia' aus San Francisco lebt von der Überzeichnung. Das gilt leider auch für die musikalische Seite, die zum Teil sehr ansprechende Leistungen präsentiert, aber nicht rundum zufrieden stellen kann.

Als fürsorgliche Mutter ist Lucrezia Borgia nicht primär bekannt – vielmehr als legendäre Giftmischerin wenn sie auch historisch korrekter wohl eher Spielball der Winkelzüge von Männern war. In der Oper ist das natürlich anders. Auch hier gibt es zwar die Nötigungen durch den Ehemann (Herzog Alfonso d‘Este), aber stärker im Zentrum steht die scheinbar schamlose Zuneigung zu dem jungen Gennaro, der aber, auch wenn er die Borgias hasst, in Wirklichkeit Lucrezias lange verschollener Sohn ist. In San Francisco hatte in der hier vorliegenden im Herbst 2011 mitgeschnittenen Produktion der Brite John Pascoe nahezu alle Fäden in der Hand; er zeichnete für die Inszenierung wie für die Ausstattung gleichermaßen verantwortlich. Pascoe überzeichnet sowohl in der Ausstattung wie in den Kostümen immer wieder bewusst – auch um den Ruf, der den Borgias anhaftet (obwohl er vielleicht Lucrezias Mann anzurechnen ist), farbig herauszuarbeiten. Zu Beginn des dritten Bildes wird schnell einmal ein wenig auf der Bühne gefoltert, es gibt ‚Sieg Heil‘-Gesten. Besonders die Kostüme sind von großem Prunk und Einfallsreichtum – wenn auch vielmehr Synthetik denn Seide zu sehen ist.

Diese Vergrößerung führt leider auch musikalisch zu einer Vergröberung. Das Opernorchester San Francisco unter der Leitung von Riccardo Frizza bietet eher eine Verismo- denn eine Belcanto-Lesart von Donizettis Partitur, und auch die Solisten und der Chor ordnen sich dieser Sichtweise unter. Renée Fleming hat anderswo, etwa in einigen Produktionen für Opera Rara, bewiesen, dass sie durchaus Belcanto-Gespür haben kann. Hier mangelt es ihrer Stimme gelegentlich an Finesse, verzichtet sie auf vokales Finish und ordnet es der darstellerischen Dichte unter. Überdies liegt ihr die Partie im Grunde etwas zu tief, so dass sie häufig ihr zwar gut ausgebildetes Brustregister bemühen muss und die Stimme nicht immer ganz ausgewogen klingt. Der ukrainische Bass Vitalij Kowaljow kann für den Herzog Alfonso eine genügende brutale Ausstrahlung aufbieten, aber leider kein Gespür für Donizettis Musik. Im Jahr 2011 darf man mehr musikalisches Feingefühl erwarten, das aber wie gesagt auch vom Dirigentenpult her nicht bereitgestellt wird.

Elizabeth DeShong (Maffio Orsini) verfügt über eine reiche Mezzosopranstimme mit prachtvoller Tiefe und schönem mittleren Register, doch fehlt auch ihr Belcanto-Glanz. Überdies verliert sie sich, als misanthroper rothaariger Pummel kostümiert (der allzu häufig nach dem Dirigentenpult schielt), (auch sing-)darstellerisch immer wieder in äußerlichen Posen, so dass man ihr Orsinis Zuneigung zu Gennaro nicht abnehmen kann – das schwule Liebesduett im dritten Akt ist einer der Tiefpunkte der Produktion. Gennaro – Michael Fabiano (mit Billy Idol-Gedenkblondierung und bei Bedarf tiefdekolletiertem brustbehaarten Kostüm) – scheint gleichfalls Orsini nicht wirklich herzlich zugetan. Auch sonst bleibt Fabianos Darstellung eher blass. Fabiano hat keinen Tenore con grazia, eher einen jugendlichen Heldentenor, der bereits ausgewachsene Verdi-Partien übernehmen kann. Was ihm an vokaler Anmut fehlt, versucht er durch reine Stimme auszugleichen (mit manchen wirklich schönen Momenten). Hierdurch kommt zwar keine musikalische Charakterisierung zustande, aber immerhin sitzen alle Töne.

Die Comprimarii sind gute Ensemblemitglieder, die das vorgestellte Konzept loyal mittragen. Dass nicht nur kein Belcanto-Gefühl aufkommen will, sondern auch keine insgesamt schlüssige Dramatik, liegt einerseits am Dirigenten, der die Musik zu wenig formt und die Sänger stützt, andererseits aber auch an der Regie, die die Schwächen der Handlung eher verstärkt als überspielt.

Ein besonderes Lob darf den Extras ausgestellt werden – sowohl dem großzügig mehrsprachigen Booklet als auch der extra bereitgestellten Bonus-DVD mit knapp 15 Minuten Interviews und einem ‚Production Time-Lapse‘ von weiteren fünf Minuten. Zusammen hätte all dies ohne Not mit auf die DVD der Oper selbst gepasst. Dennoch – eine schöne Ergänzung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Donizetti, Gaetano: Lucrezia Borgia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
2
21.10.2013
EAN:

880242596482


Cover vergössern

EuroArts

Das renommierte Qualitätslabel EuroArts vertreibt neben dem umfangreichen EuroArts-Katalog auch die Label "Idéale Audience", "Juxtapositions" und das Musik-Label "BBC Legends". Von 2007 bis 2009 veröffentlichte das Unternehmen auch Programme unter dem Label "Medici Arts".

Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts mit den Berliner Philharmonikern - die jährlichen Aufzeichnungen der Europa-, Waldbühnen- und Silvester-Konzerte sind erfolgreiche und international etablierte Musikprojekte.

Die regelmäßigen Konzertaufzeichnungen beim Verbier Festival und dem Lucerne Festival haben für das Unternehmen seit Jahren eine ebenso große Bedeutung wie die enge Zusammenarbeit mit den Dirigenten Claudio Abbado, Riccardo Chailly, Sir Simon Rattle und Pierre Boulez.

Neben nahezu allen großen Dirigenten sind im Katalog auch viele weltbekannte Künstler vertreten: erwähnt seien nur Plácido Domingo, Waltraud Meier, Anna Netrebko, Renée Fleming, Anne-Sophie Mutter, Gidon Kremer, Lang Lang, Martha Argerich, Alfred Brendel, Evgeny Kissin, Yuja Wang, Piotr Anderszewski und Hélène Grimaud.

EuroArts unterhält eine eigene TV- und Film-Produktion, die neben zahlreichen Konzert-Aufzeichnungen auch hochwertige Musik-Dokumentarfilme realisiert. Die "Classic Archive"-Programme und die Reihe "Introducing" unterstreicht das Engagement von EuroArts im Education Bereich.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag EuroArts:

  • Zur Kritik... Skalpell und Silberstift: Niveau und Klasse – bei Bělohlávek gewinnen solche Floskeln Sinn. Weiter...
    (Dr. Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Berlioz in Istanbul: Alljährlich zelebrieren die Berliner Philharmoniker ihr Bestehen mit einem sogenannten Europakonzert. Mit dem Dirigenten Mariss Jansons haben sie einen feinfühligen Gestalter am Pult. Weiter...
    (Robert Pfretzschner, )
  • Zur Kritik... Spanische Seele in Töne gebunden: Joaquin Rodrigo gehört zu den prägenden spanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Diese DVD bietet einen biographischen Überblick und beinhaltet einen Mitschnitt seines bekanntesten Werks, des 'Concierto de Aranjuez'. Weiter...
    (Midou Grossmann, )
blättern

Alle Kritiken von EuroArts...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Atmender Puls: Technisch perfekt, aufnahmetechnisch herausragend, müssen die vorliegenden Einspielungen nur auf eins verzichten: einen ganz ursprünglich-undomestizierten Zugang. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Musikalischer Baedeker und Making-Of: Diese Produktion der BBC ist primär für den englischen Markt ausgelegt. Die Dokumentation ist nicht ganz rund und auch die musikalischen Anteile von The Sixteen sind stilistisch nicht genau getroffen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Pastellmalerei: Fährt Rumon Gamba auf ähnlichem Niveau fort, wird auch die Reihe 'British Tone Poems', die mit wenig bekannten Kleinodien aufwartet, eine glanzvolle Serie. Ein eindrucksvoller Anfang ist mit Folge 1 gemacht. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Game of Scores: Stefan Fraas und die Vogtland Philharmonie bleiben ihrer Spezialität treu und legen ihre dritte SACD voller populärster Film- und Serien-Erkennungsmelodien von Bonanza bis zum Drachenzähmen vor. Wirklich abwechslungsreich? Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
  • Zur Kritik... Gänsehaut-Spätromantik aus Schweden: Können nur heimische Orchester die Musik ihrer Landsleute optimal zum Klingen und Leuchten bringen? Die Aufnahme der Fünften Sinfonie von Kurt Atterberg mit dem Nationalen Schwedischen Sinfonieorchester legt dies nahe. Weiter...
    (Dr. Eckehard Pistrick, )
  • Zur Kritik... Der Klang der Reformation: Die vorliegende Aufnahme liefert einen umfassenden Querschnitt durch die Musik der Reformation. Bemerkenswert ist sowohl die differenzierte Klangsprache der einzelnen Werke als auch die Ausdrucksvielfalt der Stimmen und Instrumente. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (4/2017) herunterladen (0 KByte) Class aktuell (1/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Domenico Scarlatti: Sonate D-Dur K 29

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich