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Donnerstag, 19. Juli 2018

Donizetti, Gaetano - Lucrezia Borgia

Mutti und Sohn


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese 'Lucrezia Borgia' aus San Francisco lebt von der Überzeichnung. Das gilt leider auch für die musikalische Seite, die zum Teil sehr ansprechende Leistungen präsentiert, aber nicht rundum zufrieden stellen kann.

Als fürsorgliche Mutter ist Lucrezia Borgia nicht primär bekannt – vielmehr als legendäre Giftmischerin wenn sie auch historisch korrekter wohl eher Spielball der Winkelzüge von Männern war. In der Oper ist das natürlich anders. Auch hier gibt es zwar die Nötigungen durch den Ehemann (Herzog Alfonso d‘Este), aber stärker im Zentrum steht die scheinbar schamlose Zuneigung zu dem jungen Gennaro, der aber, auch wenn er die Borgias hasst, in Wirklichkeit Lucrezias lange verschollener Sohn ist. In San Francisco hatte in der hier vorliegenden im Herbst 2011 mitgeschnittenen Produktion der Brite John Pascoe nahezu alle Fäden in der Hand; er zeichnete für die Inszenierung wie für die Ausstattung gleichermaßen verantwortlich. Pascoe überzeichnet sowohl in der Ausstattung wie in den Kostümen immer wieder bewusst – auch um den Ruf, der den Borgias anhaftet (obwohl er vielleicht Lucrezias Mann anzurechnen ist), farbig herauszuarbeiten. Zu Beginn des dritten Bildes wird schnell einmal ein wenig auf der Bühne gefoltert, es gibt ‚Sieg Heil‘-Gesten. Besonders die Kostüme sind von großem Prunk und Einfallsreichtum – wenn auch vielmehr Synthetik denn Seide zu sehen ist.

Diese Vergrößerung führt leider auch musikalisch zu einer Vergröberung. Das Opernorchester San Francisco unter der Leitung von Riccardo Frizza bietet eher eine Verismo- denn eine Belcanto-Lesart von Donizettis Partitur, und auch die Solisten und der Chor ordnen sich dieser Sichtweise unter. Renée Fleming hat anderswo, etwa in einigen Produktionen für Opera Rara, bewiesen, dass sie durchaus Belcanto-Gespür haben kann. Hier mangelt es ihrer Stimme gelegentlich an Finesse, verzichtet sie auf vokales Finish und ordnet es der darstellerischen Dichte unter. Überdies liegt ihr die Partie im Grunde etwas zu tief, so dass sie häufig ihr zwar gut ausgebildetes Brustregister bemühen muss und die Stimme nicht immer ganz ausgewogen klingt. Der ukrainische Bass Vitalij Kowaljow kann für den Herzog Alfonso eine genügende brutale Ausstrahlung aufbieten, aber leider kein Gespür für Donizettis Musik. Im Jahr 2011 darf man mehr musikalisches Feingefühl erwarten, das aber wie gesagt auch vom Dirigentenpult her nicht bereitgestellt wird.

Elizabeth DeShong (Maffio Orsini) verfügt über eine reiche Mezzosopranstimme mit prachtvoller Tiefe und schönem mittleren Register, doch fehlt auch ihr Belcanto-Glanz. Überdies verliert sie sich, als misanthroper rothaariger Pummel kostümiert (der allzu häufig nach dem Dirigentenpult schielt), (auch sing-)darstellerisch immer wieder in äußerlichen Posen, so dass man ihr Orsinis Zuneigung zu Gennaro nicht abnehmen kann – das schwule Liebesduett im dritten Akt ist einer der Tiefpunkte der Produktion. Gennaro – Michael Fabiano (mit Billy Idol-Gedenkblondierung und bei Bedarf tiefdekolletiertem brustbehaarten Kostüm) – scheint gleichfalls Orsini nicht wirklich herzlich zugetan. Auch sonst bleibt Fabianos Darstellung eher blass. Fabiano hat keinen Tenore con grazia, eher einen jugendlichen Heldentenor, der bereits ausgewachsene Verdi-Partien übernehmen kann. Was ihm an vokaler Anmut fehlt, versucht er durch reine Stimme auszugleichen (mit manchen wirklich schönen Momenten). Hierdurch kommt zwar keine musikalische Charakterisierung zustande, aber immerhin sitzen alle Töne.

Die Comprimarii sind gute Ensemblemitglieder, die das vorgestellte Konzept loyal mittragen. Dass nicht nur kein Belcanto-Gefühl aufkommen will, sondern auch keine insgesamt schlüssige Dramatik, liegt einerseits am Dirigenten, der die Musik zu wenig formt und die Sänger stützt, andererseits aber auch an der Regie, die die Schwächen der Handlung eher verstärkt als überspielt.

Ein besonderes Lob darf den Extras ausgestellt werden – sowohl dem großzügig mehrsprachigen Booklet als auch der extra bereitgestellten Bonus-DVD mit knapp 15 Minuten Interviews und einem ‚Production Time-Lapse‘ von weiteren fünf Minuten. Zusammen hätte all dies ohne Not mit auf die DVD der Oper selbst gepasst. Dennoch – eine schöne Ergänzung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Donizetti, Gaetano: Lucrezia Borgia

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
2
21.10.2013
EAN:

880242596482


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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