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Samstag, 28. Mai 2022

Dean, Brett - Vexations & Devotions

Zwischenmenschliche Kommunikation


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frank Peter Zimmermanns fesselnde Wiedergabe des Violinkonzerts von Brett Dean eröffnet eine neue Produktion mit drei Werken des australischen Komponisten.

Dass die Werke des 1961 geborenen Brett Dean seit einigen Jahren recht prominent auf dem Plattenmarkt vertreten sind, verdankt sich nicht zuletzt dem Engagement des schwedischen Labels BIS, das dem australischen Komponisten bereits mehrere Einspielungen gewidmet hat. Die neueste Produktion enthält drei sehr unterschiedliche Arbeiten, deren Gemeinsamkeit in ihrem Bezug auf eine außerhalb der Werke liegende, durch verschiedene Klangobjekte repräsentierte Realität besteht. Eröffnet wird die SACD von Deans Violinkonzert 'The Lost Art of Letter Writing' (2006/07), das von einem glänzend disponierten Frank Peter Zimmermann und der Sydney Symphony unter Leitung von Jonathan Nott dargeboten wird. Die Komposition verdeutlicht, wie gut Dean aufgrund seiner eigenen Erfahrungen als Instrumentalist – er war 1985 bis 2000 als Bratscher bei den Berliner Philharmonikern tätig und tritt auch heute noch als Solist auf – die Möglichkeiten von Streichinstrumenten einschätzen und die Wirkungen kalkulieren kann, denn sie erweist sich als ein für den Interpreten dankbares Konzert, dem aufgrund einer ausgewogenen Mischung von Virtuosität und Kantabilität eine große Zukunft im Konzertsaal bevorstehen könnte.

Violinkonzert

Zimmermann, der sich in den vergangenen Jahren als einer der bedeutendsten Interpreten für die Violinkonzerte der klassischen Moderne aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etabliert hat, findet in Deans expressiv aufgeladener Lesart der Gattung Violinkonzert genau jene Elemente vor, die seinem Vortrag entgegenkommen: Im Mittelpunkt steht immer wieder (aber nicht ausschließlich) die Melodielinie, die der Geiger mit vielgestaltigem Zugriff und feinen Vibratonuancen als Kantilene gestaltet oder – wie zu Beginn des zweiten Satzes – im Dialog mit den Orchestermusikern zu einem intensiven Klangstrang formt, der immer mehr an Dramatik gewinnt. Auch dort, wo Dean die melodischen Linien in Laufwerk, Akkorde oder Doppelgriffe münden lässt, geht Zimmermann in Bezug auf die Gestaltung mit großem Raffinement vor, da er selbst in verwinkelten Passagen wie jenen des vierten Satzes dezidiert auf die Herausarbeitung klanglicher Details setzt und so als Solist entscheidend dazu beiträgt, dass jeder Teil des Werkes einen ganz eigenen Klangcharakter erhält.

Deans Idee, dem viersätzigen Werk, ausgehend von vier aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten stammenden Briefstellen, einen Subtext einzuschreiben, der sich mit der Veränderung kommunikativer Strategien im zwischenmenschlichen Kommunizieren befasst, bleibt dem Hörer selbst verborgen und lässt sich höchstens in der Verwendung musikalischer Zitate (etwas aus der Vierten Sinfonie von Johannes Brahms im Kopfsatz mit Bezug auf einen Brief von Brahms an Clara Schumann) und Anspielungen (wie die verwischten Spuren von ‚wienerischem‘ Tonfall im dritten Satz mit Bezug auf einen Brief von Hugo Wolf an Josef Strasser) erahnen. Darüber hinaus lässt sich der Titel jedoch auch metaphorisch lesen, nämlich als Plädoyer für eine im Aussterben begriffene kulturelle Praxis und der damit verknüpften kommunikativen Fähigkeiten, das sich ganz konkret auch auf die heute von vielen Komponisten verworfene Arbeit mit Soloinstrument und großem Orchester bezieht. In diesem Sinne verstanden ist Deans Werk ein klingender Beleg für die Kraft, die mit der Beherrschung entsprechender Fähigkeiten verbunden sein kann.

Blick auf die Gesellschaft

Dass hinter diesem Ansatz der Versuch zur – mehr oder weniger deutlichen – Einbeziehung gesellschaftlicher und kulturkritischer Fragstellungen steht, bildet den roten Faden, der 'The Lost Art of Letter Writing' mit den beiden übrigen Werken verbindet. In 'Testament' für zwölf Bratschen (2002) spürt Dean den haptischen Spuren nach, die in Beethovens Niederschrift des sogenannten ‚Heiligenstädter Testaments‘ (1802) unter dem Schock der Diagnose seines Gehörleidens sichtbar werden. Angereichert durch gewisse theatrale Momente transformiert er den visuellen Eindruck des Manuskripts durch kleingliedrige Bewegungen, gleitende Tonhöhen und verfremdenden Spielweisen in ein diffuses, von schroffen Elementen durchzogenes Klangbild, aus dem gelegentlich Fragmente aus Beethovens Streichquartett F-Dur op. 59 Nr. 1 aufscheinen. In ihrer dichten Wiedergabe zeichnet die Bratschengruppe des BBC Symphony Orchestra unter Leitung von Martyn Brabbins dieses Szenario als ständiges, aus den Möglichkeiten des Bratschenklangs heraus entwickeltes Schwanken zwischen den Polen kammermusikalischen und orchestralen Spiels nach.

Mit dem großbesetzten Vokalwerk 'Vexations and Devotions' für gemischten Chor, Kinderchor, großes Orchester und Elektronik (2005), hier dargeboten vom BBC Symphony Orchestra & Chorus und den Gondwana Voices unter Leitung von David Robertson, stellt Dean abermals einen Bezug zum Aspekt der Kommunikation her: Die Worte des aus dem Orchester herauswachsenden Chores – basierend auf einem Text von Dorothy Porter, der um die Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit des Individuums kreist – stehen in maximalem Kontrast zu dem hier entfalteten Schönklang, eine Diskrepanz, die Dean im Verlauf der Komposition weiter vertieft, indem er etwa durch Zuspielung der elektronischen Stimme einer Telefonwarteschlefe Chiffren für die Entfremdung unserer modernen Kommunikationssysteme ins Komponierte integriert oder schließlich Formulierungen aus diversen Unternehmensleitbildern zu einer Aneinanderreihung von leere Worthülsen formt, die er mit einem lebensbejahenden Gedicht Michael Leuings konfrontiert. Die kompositorisch vertieften Klüfte dieser ‚soziologischen Kantate‘ (Dean) werden in einer musikalisch dichten Wiedergabe ausgetragen, die – wie auch alle anderen Kompositionen – von der exzellenten, klaren und tiefenscharfen Aufnahmequalität der Produktion profitiert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dean, Brett: Vexations & Devotions

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
11.09.2013
Medium:
EAN:

SACD
7318599920160


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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