> > > Satie, Erik: Klaviermusik
Donnerstag, 24. September 2020

Satie, Erik - Klaviermusik

Jenseits von Zeit und Raum


Label/Verlag: Bella Musica
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit dieser Einspielung von Saties Klaviermusik beweist Chisako Okano, dass eine Musik, die weder auf Spannungsbögen basiert noch dem Prinzip auffallender Gegensätze folgt, dennoch voller Emotion und interpretatorischer Vielfalt sein kann.

Saties Klaviermusik gerecht zu werden, ist eine Kunst, die sich in ihrer Schwierigkeit vielen Pianisten erst auf den zweiten Blick offenbart. So problemlos der Notentext zunächst zu bewältigen scheint, so unlösbar gestaltet sich oft die Aufgabe, einem Hörer die Musik näherzubringen, ohne sie langweilig klingen zu lassen. Was Saties Werke so anspruchsvoll macht, ist genau genommen nicht das, was sie enthalten, sondern das, was ihnen fehlt, nämlich sämtliche Merkmale, die ein Hörer von einer herkömmlichen Komposition erwarten würde: dynamische Gegensätze, differenzierte musikalische Charaktere oder einfach einen melodisch-dramatischen Spannungsbogen, der das Stück zu einem Höhepunkt führt.

Saties Klavierwerke, insbesondere seine hier eingespielten Miniaturen wie die 'Gnossiennes', 'Gymnopédies' und Sarabanden, lassen sämtliche dieser Erwartungen ins Leere laufen. Der Notentext entbehrt jeglicher Virtuosität und präsentiert sich dem Hörer ohne erkennbaren Ansatz von Spannung oder andere Formen von Bewegung. Viele Werke scheinen nicht einmal einen klar definierten Rahmen zu haben. Statt dass Anfang und Ende deutlich bestimmbar wären, fangen die Stücke vielmehr irgendwo an, so als würde jemand willkürlich den Ton an- und abdrehen.

Hinzu kommt als weitere Kuriosität, dass Satie vielen seiner Stücke äußerst merkwürdige außermusikalische Titel gibt und ihnen zu allem Überfluss auch noch mehr als rätselhafte Spielanweisungen hinzufügt. Unter den von Chisako Okano eingespielten Miniaturen befinden sich beispielsweise die 'Pièces froides' (Kalte Stücke), von denen er die Hälfte mit dem Untertitel 'Airs à faire fuir' (Melodien zum Weglaufen) versieht und die Anweisung gibt, das zweite Stück ‚bescheiden‘ zu spielen.

Interpretatorische Herausforderung

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erweist es sich als überaus schwierige Aufgabe für einen Pianisten, dem musikalischen Gehalt von Kompositionen gerecht zu werden, die sich dem Hörer und Spieler zunächst so offensichtlich versperren. Nach dem Hören der vorliegenden Aufnahme wird jedoch klar, dass Chisako Okano dieser Aufgabe nicht nur gewachsen ist, sondern sie mit Bravour bewältigt. Das Beeindruckende an ihrer Interpretation ist, dass sie die klangliche Reduktion des Notentextes in ihrem Spiel weder durch aufgesetzte Emotionalität überfrachtet noch als Gefühlskälte degradiert. Mit stets unaufdringlichem, weichem Klang, präzisem Anschlag und einem erstaunlichen Gespür für klangfarbliche Nuancierung präsentiert sie das spärliche Material, das ihr zur Verfügung steht, in einer Weise, die Saties Musik verständlicher macht, ohne ihr das Geheimnisvolle zu nehmen. Ihr Spiel lässt den Klang in der Schwebe und betont das Ungreifbare, Rätselhafte, das für Satie so charakteristisch ist. Das Ergebnis ist ein Hörerlebnis, das einer Meditation gleicht und den Hörer aus seinem von Zeit und Raum bestimmten Alltag in eine völlig neue Welt entführt.

Kurz gesagt: Wer von Saties Musik eingängige Melodien erwartet, die noch lange nach dem Hören im Ohr verankert sind, wird von dieser Aufnahme enttäuscht sein. Wer sich jedoch auf eine neue, andersartige Form des Hörens einlässt und es schafft, sich von sämtlichen musikalischen Vorurteilen zu befreien, wird reich belohnt werden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Satie, Erik: Klaviermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Bella Musica
1
18.11.2013
Medium:
EAN:

CD
4014513030672


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"Saties Kompositionen drücken Einfachheit und Klarheit aus, und trotz seiner Interessen am Dadaismus und dem beginnenden Surrealismus hatte er keine musikalischen Vorbilder - einzigartig in der Musikwelt. Zu der besonderen Begabung der Pianistin Chisako Okano gehört eine große Farbigkeit des Klangs und die Fähigkeit, auf den genau richtigen Moment des nächsten Tons warten zu können. Für Saties Musik eine besonders wichtige Eigenschaft. "


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