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Mittwoch, 23. Oktober 2019

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Lieder ohne Worte für Klavier

Der virtuose Auswahlspieler


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bernd Glemsers Präsentation von 16 Liedern ohne Worte, der 'Variations sérieuses' sowie der 'Sonate écossaise' und dreier Etüden gehört zu den sinnvollsten Startpaketen aus der Klaviermusik Mendelssohns.

Im Aufnahmejahr 2012 sah die diskographische Situation tatsächlich so aus, dass Daniel Barenboims Gesamtschau der 'Lieder ohne Worte' (1974) als prominentester Fixstern nahezu allein am Himmel schien – wobei Barenboim Schau neben sechs ‚Heften‘ zu Mendelssohns Lebzeiten und zwei vom Verleger Simrock publizierten posthumen ‚Sixpacks‘, also 54 offiziellen Stücken, noch die genrenahen Kinderstücke op. 72 und eine kleinere Auswahl der etwa ein Dutzend erst philologisch nachedierten Nachlass-Funde umfasste. Von den ‚großen Pianisten‘ des 20. Jahrhunderts hatten eher wenige ein paar Einzelstücke eingespielt (neben 'Liedern ohne Worte' vor allem die 'Variations sérieuses' und das 'Rondo capriccioso' op. 14, raunen wir hier kurz die Namen Rudolf Serkin, aber auch Glenn Gould), und noch weniger Klavierriesen präsentierten eine ganze Auswahl-Einzelplatte: Als tatsächlich namhafte ‚Virtuosen‘ herauszuheben sind neben Barenboim also vielleicht noch Ignaz Friedman (1930/31), Walter Gieseking, Maria Grinberg, András Schiff (1982) und Murray Perahia (1997).

Natürlich fanden sich bis 2012 in den ebenfalls hinsichtlich der Vollständigkeit variierenden ‚Gesamtaufnahmen‘ der über 150 Klavierwerke Mendelssohn einige ‚LoW‘-Zyklen etwa von Peter Nágy (Naxos) und Martin Jones (Nimbus). Kennzeichnend – vielleicht auch für einen bis dato gerade seiner mutmaßlich ‚salonhaften‘ Klaviermusik eingeräumten ästhetischen Rang (das Mendelssohn bekanntlich mehr als ungewogene Dritte Reich bildete dafür einen Propagandaboden) – blieb bis 2012 wohl die weitgehende Abgabe der rezeptionsgeschichtlichen Verantwortung im Musikleben an weniger bekannte Pianisten wie Roberto Prosseda (Decca 2009) oder Daniel Adni, vor allem aber – und hier greift wahrscheinlich sogar noch die Höhere-Töchter-Schiene des 19. Jahrhunderts – recht auffällig in der Häufung an Pianistinnen, unter denen vielleicht Carmen Piazzini und Annie d‘Arco hervorstechen.

Die Diskographie der 'Lieder ohne Worte' ist vielleicht ein Fall für Gender Studies, wie die Mendelssohn-Klavier-Rezeption überhaupt einen Fall darstellt für die Pianisten-Diversifikation von, grob gesprochen, sensiblen ‚Weicheiern‘ versus Vollblut-Virtuosen, die sich höchstens einmal mit dem 'Spinnerlied' oder 'Frühlingslied' als Zugabe den Mund abwischen, aber selten bis nie die tatsächlich hochvirtuosen (‚Phantasie‘-)'Sonate écossaise' op. 28 und 'Variations sérieuses' statt Beethoven, Schubert oder Brahms im Hauptteil eines Programms positionieren. Seltsamerweise scheint sich das gerade in den letzten fünf Jahren massiv geändert zu haben, liest man die Namen der Mendelssohn neu, ja auch pianistisch neu, recht aggressiv und kolorierungsbewusst auf Tonträger veröffentlichten Solisten, unter denen sich nun etwa Michael Korstick, Howard Shelley und vor allem auch Ronald Brautigam (auf einem historischen Flügel) befinden. Ich nehme die zweite Folge der (ziemlich umfassenden, ebenfalls 2012 begonnenen) Brautigam-Gesamtaufnahme als Anlass und Zielpunkt, um in den nächsten Wochen eine kleine Retrospektive empfehlenswerter Mendelssohn-Klavieraufnahmen zu starten. Einige bereits erschienene Besprechungen von neueren Beiträgen durch Kollegen sind unten angegeben.

Interessante diskographische Situation um 2012

Glemser ist da als ein noch ziemlich aktueller Einstieg in Mendelssohns Klavierwelt eine gute Wahl. Über seinen Lehrer Vitalij Margulis in Freiburg und seine bekannten Repertoirevorlieben (und Produktionen für Naxos) steht seine Affinität zur russischen Klavierschule außer Frage. Attila Csampai, der einen werk- wie aufführungsgeschichtlich sehr lesenswerten Einführungsessay im Booklet geschrieben hat (wo er als renommierter Musikjournalist gleich nachhaltig die pianistische Leistung werbewirksam vorzurezensieren beginnt), bescheinigt Glemser einen ‚überaus ernsthaften, zwischen Empfindsamkeit und Strenge wohl abgestuften, reflektierten Zugriff, der, wenn es nötig ist, auch halsbrecherische virtuose Bravour nicht scheut‘; nur so könne diese Musik ‚ihre wahren Qualitäten entfalten‘. Natürlich hat Csampai jenseits der klischeehaften Wendungen recht: Hört man die den Übergang zwischen Sonatensatzformen und Fantasie reflektierende 'Sonate écossaise' aus Glemsers Händen, fragt man sich spätestens beim hinreißend rasanten, Vorreiter von Benjamin Frith bis Matthias Kirschnereit hinsichtlich Tempo und Präzision weniger elfen- als toccatenhaftem, ‚strengem‘ Non-Legato locker in den Schatten stellenden Presto-Finale, warum eigentlich kein Klavier-Heros von Horowitz bis Lang Lang bereits diese Musik hervorgerissen und populär gemacht hat.

Auch die finalen, spätentdeckten und kaum eingespielten drei Etüden (als zwei- bis dreiminütige Zugaben) dürfte man derzeit auf CD kaum besser, eruptiver exerziert bekommen. Vor allem die erste, ein in den Wogen der Presto-Begleitung wahrlich stolzierendes wortloses Lied, nimmt unmittelbar für sich und Glemsers überragendes Handwerk der Anschlags-Abstufung zwischen Melodie und Rahmengeschehen ein (die zweite leider – auch kompositorisch – etwas verhuscht, die dritte Etüde op. 104 ein ziemlich gelungener tänzerischer Kehraus). Die bereits früher eine gewisse Kompetitivität unter Piano-Stars hervorreizenden 'Ernsthaften Variationen' op. 54 (jetzt haben wir Csampais vorgegebene Attribute schon mehr als zur Hälfte durch) halten mit einigen älteren Referenzversionen problemlos mit: Glemser übertrumpft tatsächlich sogar Murray Perahia (CBS / Sony 1984) in der ‚abgestuften‘ Synchronisierung von liedhaftem Legato in der Hauptstimme, getupftem Bass und Non-legato-Figurationen der ersten Variation und in den bravourösen Kanonade der abermals toccatenhaften Variationen vor der Schlussmeditation; Perahia schlägt jedoch deutlich mehr Stimmung eben aus der choralhaften Melodik und Harmonik der kontemplativeren Variantenbildungen. Glemsers Stärke ist hingegen vor allem eine Rachmaninow-affine Bogendynamik, aufgespannt in den Variationen wie auch vielen der sechzehn durchaus nach Popularitätsgrad zusammengestellten 'Liedern ohne Worte'.

Als spiele hier Rachmaninow aus dem Sommernachtstraum

Manche Lieder klingen, von Glemsers Händen gewogen und gefeilt, tatsächlich traumhaft: Insbesondere der Trauermarsch, ganz malerisch in der repetierten Ruffigur (man hört Mahlers Fünfte vorweg), erhält eine in der schweren Linken fundierte orchestrale Tiefe. Die 'Verlorenen Freuden' (op. 38 Nr. 2) rücken bei Glemser noch näher an Schubert als (schon ziemlich eindrücklich) bei Altmeister Barenboim, in schöner dynamischer Gestaltung der Liedphrasen und dichter Zeichnung des nomadenhaften Begleitstroms. Das 'Spinnerlied' (op. 67 Nr. 4) gibt es hingegen anderorts noch durchgedrehter, exaltierter, das 'Duetto' (op. 38 Nr. 6) ruhiger, inniger und dennoch opernhafter ausgesungen: Bei Glemser sind es tatsächlich eher nur die heroischen ‚Männer, welche Liebe fühlen‘ und tatsächlich eine wie eine Rachmaninow-Transkription klingende Etude-tableau davon zeichnen. Das tatsächlich auf den Wogen der Begleit-Pattern zu Singende ist (wie in den Gondelliedern) bei Glemser weniger als überwältigende Stimme zu hören denn als integraler kontrapunktischer Bestandteil der stärker dominanten Griffmuster (ein weiteres Glanzstück ist schließlich das Kinderstück vom ‚munteren Bauern‘ aus dem achten Heft). All das macht das Ungewöhnlich, den Reiz des Neuen aus, den nachdenklichen, mitunter fast schumannesk reflektierenden Ernst statt oft gewohnter Süße (den allerdings Barenboim nach wie vor als Referenz auch schon zelebriert hat, man höre von beiden die Nr. 5 in h-Moll aus Opus 67). Das berühmt-berüchtigte 'Frühlingslied' mit seinem hier überdeutlich bis zur Grenze der Ironie artikulierten Arpeggien-Geblubber vermag zwar selbst Glemsers selbstbewusste Darbietung nicht aus der Kitsch-Ecke zu holen. Aber Mendelssohn als gerade auch höchst virtuosen Klavierkomponisten hat diese sehr gut aufgenommene, leicht, aber noch angenehm hallige ‚Best of‘-Kompilation dennoch beeindruckend vorgeführt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Lieder ohne Worte für Klavier

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
1
04.11.2013
Medium:
EAN:

CD
4260034864306


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OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


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