> > > Krebs, Johann Ludwig: Sämtliche Orgelwerke Vol. 1 - 11
Sonntag, 20. September 2020

Krebs, Johann Ludwig - Sämtliche Orgelwerke Vol. 1 - 11

Einziger Krebs im Bache


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die großen Präludien, die Fugen und die Choralbearbeitungen von Bachs Meisterschüler Johann Ludwig Krebs spiegeln in Struktur und Intensität ganz den großen Lehrmeister. Und Felix Friedrich weiß dies grandios zum Ausdruck zu bringen.

Der Geburtstag von Bachs Kompositionsschüler Johann Ludwig Krebs – der Lehrmeister soll ihn als ‚den einzigen Krebs in meinem Bache‘ vor allen anderen herausgehoben haben – jährte sich 2013 zum 300. Mal. 1713 war Krebs im thüringischen Buttelstedt geboren worden. Von 1726-1735 zählte er in Leipzig in der Thomasschule und auch privatim zu Bachs Schülern, und als Krebs 1756 nach anfänglichen Positionen als Organist in Zwickau (1737-1743) und Zeitz (1744-1755) in Altenburg als Herzoglicher Hoforganist in die Dienste Friedrichs von Sachsen-Gotha-Altenburg trat, eine Funktion, die er bis zu seinem Tod an Neujahr 1780 ausübte, hatte man sich in der Findungskommission des Herzogs vorbehaltlos und einstimmig für ihn ausgesprochen: Niemand sei ‚geschickter‘ als Johann Ludwig Krebs, ‚so in der Musik, sowohl als besonders im Orgel-Schlagen‘, da er ‚viele Wißenschaft besitze‘, und auch ‚wegen seines guten Lebenswandels bekannt‘ sei.

Die Orgel war es, auf die sich Krebs während und nach seiner Lehrzeit beim Leipziger Thomaskantor vor allem konzentriert hat. Als Organist amtierte er Zeit seines Lebens, und für die Königin der Instrumente hat er die allermeisten seiner Werke geschrieben. Darüber hinaus sind aus seiner Feder einige wenige instrumentalbegleitete Vokalwerke und eine geringe Anzahl von Kammer- und Orchestermusik überliefert. Auf der Orgel zeigt er sich als Bewahrer der Kompositionstechnik seines Lehrmeisters Bach. Stilistisch spiegeln seine Präludien und Fugen ganz den Meister wider. Während seiner Tätigkeit in Zeitz als Organist der Schlosskirche entstanden darüber hinaus auch zahlreiche Choralbearbeitungen, die neben der Orgel für den cantus firmus noch ein zusätzliches Instrument, nämlich Oboe, Trompete oder Flöte mit einbeziehen. Krebs entsprach damit wohl einer gewachsenen Tradition an dieser Kirche, vielleicht sogar mit getrennter und vom Spieltisch des Tasteninstruments entfernter Aufstellung, denn in eben dieser Zeitzer Schlosskirche hatte schon Heinrich Schütz seinerzeit (zwischen 1659 und 1666) das mehrchörige Musizieren auf beiden gegenüberliegenden Emporen dieser Kirche erprobt. Ganz befriedigt haben dürfte Krebs die Funktion in Zeitz allerdings nicht, denn er bewirbt sich zweimal (1747 und 1753) vergeblich in Zittau, und auch 1750 und ein weiteres Mal 1755, als er Thomaskantor in Leipzig werden wollte, war ihm das Glück nicht hold gewesen. In der Altenburger Schlosskirche nun hatte er mit Amtsantritt 1756 in der zwischen 1735 und 1739 erbauten zweimanualigen, mit 37 Registern klangprächtig disponierten Orgel des thüringischen Orgelbauers Tobias Heinrich Gottfried Trost ein so vorzügliches Instrument vorgefunden, dass er sogar 1768 ein verlockendes Angebot aus Livland kurzerhand ausschlagen hat.

Felix Friedrich, der Interpret der zum größten Teil bereits in den Jahren um die Jahrtausendwende produzierten, in jüngster Zeit noch mit einigen Neuentdeckungen ergänzten und auf jetzt insgesamt 11 Volumina mit 12 CDs angewachsenen Einspielung sämtlicher Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs, ist ein ausgewiesener Kenner der Materie. Er hat sich mit Werk und Biographie des Komponisten intensiv auseinandergesetzt. Und er ist ein Künstler, der dem Hörer ebenso nahezubringen versteht, was Krebs stilistisch von seinem Lehrmeister übernommen hat, wie er aufzeigen kann, was ihn von Bach trennt, wie Krebs in seiner Kompositionsweise den Blickwinkel hin auf eine neue Zeit der verspielten Galanterie und der Empfindsamkeit weitet. In den großräumig angelegten Präludien und Fugen – es finden sich da Werkkomplexe, so etwa das d-Moll Paar (auf Vol. 6) von mehr als 20 Minuten Dauer (!) – scheint, wie ebenso auch in den Choralbearbeitungen, recht häufig Bachs Vorbild durch. Doch Krebs überrascht mitunter darüber hinaus, so etwa in Präludium und Fuge D-Dur (auf Vol. 1), mit einer enormen Kunstfertigkeit in Themenbildung und Formgebung wie auch einer spannungsgeladenen Harmonik. Kompositionstechnisch herausfordernd, was deren Durchführung anbelangt, wählt Krebs im genannten D-Dur Paar ein Fugenthema, das ihn zu einem harmonisch ausschweifenden Satz verleitet.

Friedrichs Herangehensweise überzeugt in all diesen Werken mit agilem Spielfluss und einem zielgerichteten Spannen von Klangbögen. Er weiß dabei der Struktur und der Textur stets ein prägnantes Profil zu verleihen. Auch im mächtig vorwärtstreibenden Elan etwa in Toccata nebst Fuge a-Moll (auf Vol. 1) lässt er deren dahinter fein schwingenden Charakter ihres 6/8-Taktmusters nie aus den Augen und er vermag in deren Fuge Krebs‘ thematisch-motivischen Übermut vor jedweder gestelzten oder gekünstelten Anmutung zu bewahren. Er wählt für diese großen Werke meist ein fülliges Pleno, das auf den herangezogenen Instrumenten, zu einem Gutteil ist es jene große Trost-Orgel in der Schlosskirche Altenburg, die Krebs während seiner Organistentätigkeit dort zur Verfügung stand, klangprächtig zum Tragen kommt. Er verleiht der Stimmführung durch seine klare Artikulationsweise prägnante Kontur und er umgeht im Herausarbeiten der formprägenden Glieder des Satzes eine zu starke Kontrastbildung, sondern setzt lieber, so etwa in Präludium und Fuge c-Moll (auf Vol. 1), bei solcher Unterscheidung auf einander angenäherte Farbverschiebungen in der Registrierung. Und er versteht es ebenso, die Klangfarben der Altenburger Trost-Orgel homogen zu einem kammermusikalisch lichten und durchsichtigen Satz zu nutzen, so etwa im Trio d-Moll (auf Vol. 1).

Mittels dieser Einspielung sämtlicher Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs lernt man neben der Trost-Orgel in der Altenburger Schlosskirche auch andere Instrumente kennen, so beispielsweise auf Vol. 5 die kleine, aber dessen ungeachtet ungemein klangschöne Silbermann-Orgel der Kirche in Frankenstein, die Felix Friedrich in einigen Choralbearbeitungen, in denen Krebs den Charakter der Choräle von Bachs Orgelbüchlein anklingen lässt, in ihrer ganzen Klangherrlichkeit voller Intensität ausleuchtet. Auf dieser CD findet sich auch das nicht ganz unbekannte Konzert für zwei Cembali obligati a-Moll, das Felix Friedrich zusammen mit Irmtraut Friedrich hier in einer Fassung für Orgel und Cembalo eingespielt hat. Und was nur schwer vorstellbar erscheint – die klangliche Mischung der Kombination von Orgel und Cembalo – ist hier vollauf gelungen. Die Präsenz der selbständigen Parts der beiden Instrumente besticht etwa im Einleitungssatz (ohne Satzbezeichnung), von den beiden Künstlern frisch und voller Vitalität und mit energischer Schubkraft dargestellt, durch eine erstaunliche Ausgewogenheit ihrer wechselnden Farbspektren. Der zweite Satz mischt die Flötenstimmen der Orgel mit dem Cembalo, und dies bringt eine zusätzliche kammermusikalische Dichte ins Spiel und die leichten Unterschiede in der Temperatur der Stimmung der beiden Instrumente erzeugen dabei ein wunderbares Spannungsmoment.

Ein weiteres Instrument von edelstem Klangcharakter begegnet dem Hörer auf Vol. 2 mit der Silbermann-Orgel der Kirche in Ponitz. Felix Friedrich weiß hier beispielsweise in dem auf dieser CD eingespielten Trio C-Dur, worin Krebs – wie in allen seinen einzelnstehenden Triosätzen und seinen Triosonaten – dem neuen empfindsamen Stil nachspürt, die Farbigkeit und die Transparenz dieses Instruments zu einer ungemein lichten, kammermusikalisch aufgefächerten Klangprofilierung zu nutzen. Lebendig vermag er die hier eingespielte Fuge a-Moll zu modellieren, und in der nachfolgenden Fuge g-Moll muss man geradezu ins Schwärmen geraten ob der klanglichen Anmutung zarter und fragiler Flötenstimmen! In die Fantasie F-Dur mischt sich ein feines Glockenspiel, reizvolle Echowirkungen arbeitet Felix Friedrich in der Fantasie (samt einem Fugenfragment) G-Dur heraus. Und welch einen noblen Pleno-Klang dieses Instrument bereithält, erweist sich zuletzt in Präludium und Fuge f-Moll.

Eine Orgel mit einer Disposition, wie sie das große Silbermannsche Instrument in St. Petri in Freiberg aufweist – Felix Friedrich hat diese Orgel für Vol. 6 seiner Gesamteinspielung gewählt – hätte sich Krebs, wie der Interpret im Booklet dieser CD erläutert, als Ersatz für das damals mangelhafte Instrument in der Marienkirche in Zwickau, der ersten Station seines Wirkens als Organist, gewünscht. Sein Wunsch scheiterte an Fragen der Finanzierung, und so wechselte Krebs, wie man weiß, bald nach Zeitz. Auf Vol. 6 finden sich unter anderem sechs große Choralbearbeitungen, die sich durch einen harmonisch mitunter kühnen und architektonisch komplexen Stil ausweisen. Friedrichs Registerkombinationen und seine artikulatorisch prägnante Spielweise verleihen diesen Choralsätzen ein Profil, das weit in die Tiefenschichten der Satztechnik schauen lässt. In seiner Darstellung von Krebs‘ ins Riesenhafte von über 20 Minuten Dauer gebrachter Paarung von Präludium und Doppelfuge d-Moll, dem Schlussstück dieser CD, bestechen Friedrichs flüssiges Spiel und sein durchdachtes Spannen weiter Klangbögen, und doch: Man hätte sich den Pleno-Klang und insbesondere den Verlauf der Mittelstimmen hier bisweilen noch etwas durchsichtiger gehalten gewünscht. Solches und Ähnliches an anderer Stelle sind aber nur marginale und völlig vernachlässigbare Kritikpunkte, die man gegenüber dieser wichtigen und exzellent gelungenen Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs einige wenige Male vorbringen könnte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Krebs, Johann Ludwig: Sämtliche Orgelwerke Vol. 1 - 11

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
12
18.10.2013
Medium:
EAN:

CD
4025796013214


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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