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Samstag, 15. August 2020

Rihm, Wolfgang - Dionysos

Komplexe Opernphantasie


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Uraufführungsproduktion von Wolfgang Rihms 'Dionysos' erweist sich als ebenso anspielungsreiches wie musikalisch kompetent umgesetztes Musiktheater.

Dass das Label EuroArts in seiner Reihe mit Dokumenten aus dem Programm der Salzburger Festspiele bereits relativ kurz nach der 2010 erfolgten Uraufführung Wolfgang Rihms 'Dionysos' verfügbar macht, ist eine sehr erfreuliche Tatsache. Die Doppel-DVD bietet einen Mitschnitt der von Ingo Metzmacher souverän geleiteten Produktion mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Einstudierung Jörn Andresen). Die Bühnenregie obliegt Pierre Audi, das vielfach in abstrakten Räumen verharrende Bühnenbild stammt von Jonathan Meese, und für die in ihrer Schwarz-Weiß-Symbolik manchmal etwas einfach gehaltenen Kostüme zeichnet Jorge Jara verantwortlich.

Das Libretto seiner im Untertitel als ‚Opernphantasie‘ bezeichneten Bühnenwerks hat der Komponist aus Texten Friedrich Nietzsches zusammengestellt, genauer: aus dessen späten, erst 1889 veröffentlichten ‚Dionysos-Dithyramben‘, deren Rätselhaftigkeit der Komponist durch Fragmentierung und Montage noch gesteigert hat. Entstanden ist dabei ein überraschend theaterwirksames Werk, das sich oftmals den gängigen dramaturgischen Verfahrensweisen zu entziehen weiß. So stellt Rihm den Einsatz von Frauengelächter an den Beginn und lässt erst nach gut 20 Minuten Spielzeit seinen Protagonisten N., eindrücklich von Bariton Johannes Martin Kränzle verkörpert, aus dem stummen Agieren zu Wort und Gesang finden. Neben ihm und dem Tenor Matthias Kling als Gast/Apollon erweist sich Sopranistin Mojca Erdmann als Ohrenweide: Die treffsichere Interpretation des ihr eigens auf den Leib geschriebenen Vokalparts der großen Eingangsszene, in der sie die Spitzentöne immer wieder an hohe Holzbläser übergibt, ist ein Meisterstück an musikalischer Gestaltung.

Rihm arbeitet hier mit unterschiedlichen Verschmelzungsgraden zwischen vokaler und instrumentaler Klangerzeugung, die eine betörende Wirkung erzeugen und stellenweise ein irritierendes Nachlauschen anstoßen. Bei alldem weiß der Komponist sehr genau, was er seinen Interpreten zumuten kann und wie er das Orchester gegen die Vokalparts setzen muss, um den Stimmen ein Maximum an Bewegungsfreiheit zu gewährleisten und sie nicht zu übertönen. Es handelt sich um einen weitgehend durchsichtigen Orchestersatz, der sich nur an solchen Stellen klanglich und harmonisch stärker verdichtet, wo die Stimmen schweigen. Diese Augenblicke nutzt Metzmacher dazu, die Klänge zu ausgesprochen plastischer Erscheinungsweise zu formen, deren Intensität er jedoch sofort wieder zurücknimmt, wenn die Solostimmen wieder in den Vordergrund treten.

Bezeichnend für die Musik ist einerseits das kontrastreiche Ausloten unterschiedlicher emotionaler Zustände, andererseits aber auch die Integration von vielfältigen ‚fiebrigen Assoziationsfeldern‘ (Rihm), deren Bezüge zur Opern- und Kulturgeschichte ein unaufhörliches Loblied auf die Oper als – immer noch – unverwüstliche Gattung anstimmen. So wie man zu Beginn im Vokalsatz der Frauenstimmen unwillkürlich eines Verweises auf den Reigen der Rheintöchter aus Richard Wagners 'Rheingold' gewahr wird und Erdmanns Figur hier auch nicht ohne Hintergedanken den Namen ‚Ariadne‘ trägt, geistert anderen Stellen assoziative Bezüge zur Musik der Spätromantik – beispielsweise der Anklang an Gustav Mahlers Orchesterlieder im Lied vom Wandersmann aus dem zweiten Aufzug – durch Rihms Partitur.

Ergänzend zu der von Regisseurin Bettina Erhardt verantworteten DVD-Aufzeichnung des Werkes enthält die zweite DVD ihren sehenswerten Film ‚Ich bin dein Labyrinth‘, eine Mischung aus Dokumentation mit zahlreichen Probenausschnitten und Interviewpassagen mit filmischen Reflexionen über den späten Nietzsche. Wie immer man zum Musiktheater stehen mag: Wer sich mit aktuellen Strömungen und den ihnen innewohnenden Tendenzen zum Umgang mit den Voraussetzungen der Gattungen befasst, kommt an Rihms 'Dionysos' nicht vorbei. Und dass der Komponist dazu in der Lage ist, eine klangsinnliche und dramaturgisch hochinteressante Musik zu schreiben, wird man auch anerkennen müssen, wenn man die hier auf die Bühne gestellte Ästhetik nicht goutiert und einem die Komposition selbst nach mehrmaligem Anschauen seltsam fremd bleibt. Aber das ist gut so, denn Kunst, die es dem Publikum allzu leicht macht, gibt es heute wahrlich genug.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rihm, Wolfgang: Dionysos

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
2
23.09.2013
Medium:
EAN:

DVD
880242726087


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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