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Samstag, 2. Juli 2022

Mahler, Gustav - Kindertotenlieder

Ich hörte einen linden Klang...


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


‘Wie auch bei anderen Aufnahmen gelingt dem Label ‘edel records’ mit Kompilationen älterer Aufnahmen auch hier eine kleine Überraschung. Denn nicht nur was die Klangqualität betrifft, die bei diesem Label durch die Bank zweifellos hervorragend ist, auch der interpretatorische Wert steht jenem nicht nach. Hier handelt es sich um Aufnahmen, die in den Jahren 1978, 1979, 1980 und 1982 in Leipzig und Berlin gemacht wurden. Hört man sich diese Dokumente nun an, so kann man nur darüber staunen, wie plastisch und detailreich diese analogen Aufzeichnungen in digitalisierter Form klingen.

Doch zuerst einige Worte über den ‘Inhalt’ der CD. Von Mahlers Orchesterliedern gibt es wahrlich eine ganze Menge von Aufnahmen und man fragt sich, ob es nötig ist, diesem reichen Angebot eine weitere hinzuzufügen. Hört man jedoch, wie entschlossen und kraftvoll Siegfried Lorenz diese Lieder interpretiert, kann man doch von einer Bereicherung des Angebots sprechen. Lorenz´ Sache ist es nicht, mit übertriebenen Gesten die Klage über gestorbene Kinder anzuheben, er versieht diese eher mit einer traurig-resignativen Ruhe; die jedoch keinesfalls mit Kraftlosigkeit oder mangelndem Ausdruck verwechselt werden darf. Denn Zurücknahme (der großen Gesten), kann – und das macht es diesem Fall – auch als Be- und Verstärkung wirken, um den Inhalt in seiner Dramatik deutlich werden zu lassen. Siegfried Lorenz Interpretation strahlt eine Ruhe aus, die in den ‘Fünf Liedern nach Friedrich Rückert’ diese weltabgewandte, ins Jenseits zielende Musik unmittelbar sinnfällig macht. Lorenz gelingt es hier, die Gebrochenheit Mahlers bis ins letzte auszuloten, ohne jedoch auf eine glasklare Diktion des Textes zu verzichten. Und auch die Beweglichkeit der Stimme, die besonders in Lieder wie ‘Wenn mein Schatz Hochzeit macht’ oder ‘Ging heut´ morgen über´s Feld’, in denen ein Stimmungsumschwung auch in der Stimmfarbe deutlich werden soll, zeichnet den Bariton Lorenz aus. Und hört man sich den Unterschied zwischen ‘In diesem Wetter’ und ‘Ich atmet´ einen linden Duft’, so glaubt man kaum, dass es sich bei der Deutung beider Lieder um den selben Sänger handelt. Auf der einen Seite stürmisch, mit ängstlicher Verzweiflung, auf der anderen mit graziler, helltönender Stimme; diese Differenzierung, ohne jedoch auf allzu große Dramatik zu setzen, sondern Mahlers Lieder eher mit einer ruhigen Kraft zu interpretieren, ist die Stärke dieser Aufnahme.

Bei den ‘Kindertotenliedern’ und den ‘Liedern eines fahrenden Gesellen’ wurde Lorenz vom Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Kurt Masur unterstützt. Dieses agiert durchaus auf sehr hohem Niveau, doch lässt es ein wenig an Spritzigkeit vermissen. Hier klingt einiges zu ‘schön’, in seiner Dramatik abgeschwächt. Dennoch kann man von einem runden, ausbalancierten Orchesterklang sprechen. Die Phrasierungen scheinen einleuchtend, auch wenn hier Masur etwas härter und brüchiger zu Werke gehen könnte, was den ‘Kindertotenliedern’ durchaus gut bekommen würde. Die Leistung des Berliner Sinfonie-Orchesters, das als Partner bei den ‘Fünf Liedern nach Friedrich Rückert’ zur Seite stand, ragt meines Erachtens als das beste Orchester dieser drei heraus. Deutliche, sinnfällige Phrasierungen, ein gut ausgehörter Orchesterklang und eine agile Beweglichkeit, die Günther Herbig seinem Orchester antrainiert hat, machen diese Interpretation der Rückert-Lieder zu einem großen Ereignis. Diesem steht die Staatskapelle Berlin etwas nach, jedoch kann man auch hier von einem großartigen Orchesterklang sprechen. An manchen Stellen konnte dieser jedoch nicht so gut eingefangen werden wie der des Sinfonie-Orchesters Berlin. Die Interpretation der ‘Vier Lieder aus »Des Knaben Wunderhorn«‘ bleibt dennoch eine schlüssige, affirmative Deutung dieser drastischen, traurigen Lieder.

Insgesamt kann man also von einer glänzenden Interpretation dieser Orchesterlieder Mahlers sprechen. Die Leistungen der Orchester sind insgesamt sehr gut, auch wenn die Deutung der ‘Kindertotenlieder’ bei Masur etwas zu ‘brav’ ausfällt. Siegfried Lorenz stellt mit dieser (um 1980 entstandenen) Aufnahme einen Beweis für sein interpretatorisches und technisches Können dar. Also doch eine Bereicherung des Angebots.’

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Kindertotenlieder

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
01.04.1999
79:15
1999
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0782124939724
0093972BC

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Mahler, Gustav


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Dirigent(en):Masur, Kurt
Herbig, Günther
Suitner, Otmar
Orchester/Ensemble:Gewandhausorchester Leipzig
Berliner Sinfonie-Orchester
Staatskapelle Berlin
Interpret(en):Lorenz, Siegfried (Bariton)


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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