> > > Shostakovich, Dmitry: Sinfonie Nr. 4
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Shostakovich, Dmitry - Sinfonie Nr. 4

Präzision an erster Stelle


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vasily Petrenko interpretiert den jungen Schostakowitsch blitzblank herausgeputzt, aber über weite Strecken ohne die nötige Überzeugungskraft.

So langsam neigt sich das Schostakowitsch-Projekt dem Ende zu. Das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter der Leitung des russischen Dirigenten Vasily Petrenko wusste mit dem bisherigen Sinfonie-Zyklus bereits vielfach zu begeistern. Naxos veröffentlicht nun die nächste Aufnahme der Serie; auf dem Programm steht dieses Mal die Vierte Sinfonie – eine nicht gerade bescheidene Herausforderung.

Faszinierend genug bereits die Aufführungsgeschichte: Der Druck von Seiten des Regimes machte eine Aufführung zu seiner Entstehungszeit (1936) unmöglich. Erst 1961 konnte es nach dem Tod Stalins uraufgeführt werden und sich nach und nach im sinfonischen Kanon etablieren. Bis heute ist es unter den Schostakowitsch-Sinfonien eine der seltener aufgeführten Werke, obschon insbesondere die kompositorische und instrumentatorische Raffinesse und das vor expressiver Schärfung nur so strotzende Klangbild immer wieder aufs Neue begeistern können. Außerdem wird in dem dreisätzigen, umfangreichen Werk der avancierte Frühstil Schostakowitschs sowie die intensive Mahler-Rezeption eindrucksvoll offengelegt.

Die Souveränität, mit der Petrenko die Liverpooler Philharmoniker durch das anspruchsvolle Werk leitet, ist indessen fast schon zur Routine geworden: Das ist Präzisionsarbeit vom Feinsten; selten konnten die Abschnitte so transparent durchleuchtet werden. Verteufelt schwere Passagen wie die rasante Fuge in der Durchführung des ersten Satzes kann das Orchester mit Bravour meistern. Der rote Faden in der Sinfonie, die so oft zwischen sehr aggressiven, geradezu rustikalen Passagen und im Gegenzug außerordentlich zurückgenommenen lyrischen Stellen wechselt, ist stets klar vorhanden – kurz: Für Ordnung und einen sinnvoll gegliederten Ablauf ist gesorgt.

Aber ist das wirklich genug bei diesem geradezu vielschichtigen, ausdruckssatten Werk? Wo ist nur das Dämonische und Aggressive geblieben im ersten Hauptthemenkomplex des Kopfsatzes? Vor allem in Bezug auf Holz und Blech kommt der Orchesterklang zu blankgeputzt daher. Wenn die Holzbläser im ersten Satz crescendierende Dissonanzen schmettern sollen, bei Petrenko aber nur in einem kontrollierten Mezzoforte ihr Ende finden, ist hier eindeutig die nötige Schärfe verloren gegangen. Ähnliches lässt sich im Reprisen-Eintritt feststellen. Dort, wo sich die nun zuspitzenden schrillen Signaltöne bis ins Extrem steigern sollten, wirkt das Ganze allzu beherrscht, fast so, als wolle Petrenko die Nerven des Hörers bewusst nicht überstrapazieren. Der originelle Thementausch, der in der Reprise vollzogen wird, ist nicht hervorgehoben; vielmehr fegt das Royal Liverpool Philharmionic Orchestra über den ersten Abschnitt der Reprise hinweg, in dem das Seitenthema von Posaunen und Trompeten wieder extrem zurückgenommen ertönt. Petrenko ist zugute zu halten, dass er durch seine nüchterne Lesart in den lyrischen Abschnitten des Satzes nicht überschwänglicher Sentimentalität verfällt. Die orchestrale Präzisionsarbeit steht allerdings klar an erster Stelle – der wirklich magische Moment bleibt so aber aus.

Dem zweiten und dritten Satz kommt die perfekt koordinierte Feinjustierung derweil wieder zugute. Vor allem der zweite Satz kann nun endlich die erhoffte Ruppigkeit übermitteln, während der lang ausgedehnte dritte Satz in Spannungsaufbau und Vermittlung der strukturellen Anlage absolut zu überzeugen weiß. Dennoch bleiben die Probleme dieselben, was sich im furiosen Bläserchoral zum Ende der Sinfonie offenbart: Zu sauber, poliert und klangschön wird diese Stelle genommen. Erst mit dem Eintritt der Quartolen scheint sich das Orchester in den nötigen Rausch zu spielen – zu spät, möchte man meinen. Da wurde fein kalkuliert, wo eigentlich schonungslose Expressivität verlangt ist.

Der junge Dirigent ist sich auch in dieser Folge seiner persönlichen Deutung von Schostakowitsch treu geblieben und hat das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra zudem mittlerweile zu einer wahren Einheit verschmelzen lassen. Ein äußerst poliertes Klangbild ist die Folge – eine saubere Leistung im Ganzen. Mehr aber leider auch nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Shostakovich, Dmitry: Sinfonie Nr. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
30.09.2013
Medium:
EAN:

CD
747313318872


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"Vasily Petrenko, der für seine Schostakowitsch-Interpretation von der Kritik hochgelobt wurde, setzt die NAXOS-Serie nun mit dieser Aufnahme fort: Noch während der Proben entschloss sich Schostakowitsch, seine Vierte, die er 1936 fertiggestellt hatte, wieder zurückzuziehen; erst 1961 wurde das Werk uraufgeführt. Auf der Suche nach seinen ganz persönlichen musikalischen Ausdrucksmitteln war Schostakowitsch in einer Zeit, die von persönlichen und professionellen Krisen geprägt gewesen war, bis an die Grenzen der Belastbarkeit gegangen. Mittlerweile gehört die Sinfonie Nr. 4 zu den meistgeachteten unter den großen Werken im Oeuvre des russischen Komponisten. „Zwischen Todesstille und Klangwallung zeigt das Royal Philharmonic aus Liverpool auch im Finalsatz seine instrumentale Souveränität im bedingungslosen Umsetzen des Dirigats von Vasily Petrenko, dessen schon fast geniales Spannungsmanagement man nicht genügend unterstreichen kann.“ (Pizzicato über 8.573057, Schostakowitsch, Sinfonie Nr. 7)"


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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